Grüne Weihnachten

Mord am Winterdunkel: Hängt die Lichterketten ab!

Früher wurde es schon glei dumpa, Davon ist keine Rede mehr. Lichterketten locken und die Stromrechnung brennt.

 SN/Robert Ratzer

In der Vorstadt, aus der ich stamme, gab's ein kleines Wirtshaus. Im Gastgarten dieses Wirthauses steht eine mächtige Blautanne. Und jedes Jahr war's eine Aufregung, wenn auf dem Baum Lichterketten montiert wurden. Dann fuhr ein kleiner Kran vor und wir Vorstadtbuben hatten einen spannenden Nachmitttag beim Zuschauen, wenn der Baum geschmückt wurde. Die Lichter waren uns sehr wurscht. Der Kran war sehr super und es gab Gratis-Kracherl.

Eine Tanne, die leuchtet

Weit und breit war diese Tanne die einzige technisch betriebene Weihnachtsdeko. Daheim bastelten wir jedes Jahr einen neuen Strohstern für das Küchenfenster. Wenn ich an die Strohhalme denke und den Faden, mit denen wir sie zusammengebunden haben, dann fühle ich mich im Rückblick einer Zeit voraus, die Nachhaltigkeit predigt. Diese Predigt aber verhallt in der Dauerbeschallung mit Weihnachtsliedern. Und mehr noch ist sie geblendet von Lichterketten, blinkenden Rentieren auf Garagendächern und glitzernden Weihnachtsmännern auf Kreisverkehren.

Zu viel Licht

Es gab eine Zeit da wurde es glei' dumpa, in der alles schläft und vielleicht irgendwo einmal einsam wacht. Da sucht man heute lange. Zum Schlafen gehört das Finstere. Das Dunkle. Man sagt dann auch, der Schnee legt eine Decke übers Land. Noch so ein Bild für die Ruhe, fürs Ausspannen. Das hat die Natur hervorragend eingerichtet. Auf Weihnachten hin fahren die natürlichen Systeme wochenlang nach unten. Kurze Tage. Ewige Nächte. Eigentlich. Denn es geht immer mehr Menschen in der Vorweihnachtszeit ein Licht auf.


Lichterkettentradition

Eine Umfrage vor drei Jahren ergab, dass für rund 80 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine spezielle Beleuchtung von Städten und Häusern, Gärten und Parks zur Adventzeit gehört. Für Österreich gibt es keine entsprechende aktuelle Studie, aber da es gegen die Überbeleuchtung der Gegenwart keine Proteste gibt, dürfte die Zahl ähnlich sein.

Winterdunkel

Aber es ist ja nicht nur die Helligkeit, die das herrliche Winterdunkel verschwinden lässt. Es sind Unmengen von Energie, die da drauf gehen. Stromkosten im Millionenbereich. Mit der Energie, die durch Lichterketten und blinkende Sterne, fließt, ließen sich ganze Städte mit Strom versorgen.

Glitzerozeane

Wo der Adventkranz und ein paar Kerzen sich einst sanft ins Düstere fügten, ist die Nacht abgeschafft. Das hat nichts mit dem Heiland oder irgendeinem religiösen Licht oder einer erleuchtenden Versprechung zu tun. Dafür hat es sehr viel damit zu tun, dass Straßen, Wege und Fluren, Vorgärten und Dächer hell erstrahlen. Der Stern von Bethlehem ist im Lichtermeer und Glitzerozean der elektrifizierten Weihnachtsdeko chancenlos, wie die Fischen gegen den Plastikmüll. Die neuen Leuchtsterne heißen K-Bright, Uping oder SnowEra. Geworben wird für sie mir Slogans wie "hellster Schein". "Dauerlicht garantiert" oder "wärmende Lichtkraft". Die neuen Weihnachtslichter lassen Eiszapfen entlang von Schaufensterscheiben rutschen, Sie verhüllen ganze Hausfassaden. Sie werfen Licht auf Vorstädte, die sonst ruhen und das ist gut so. Da schimmern dann die Wiesen rund um kleine Weiler. Über die Wiesen reiten Rentiere aus Lichterketten und hinter ihnen stapfen Weihnachtsmänner mit roten, blinkenden Nasen. Es blinkt. Es lichterkettet. Und im hellen Schein versuchen wir immer noch in himmlischer Ruh' zu schlafen.

Aufgerufen am 29.11.2020 um 02:50 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/gruene-weihnachten-mord-am-winterdunkel-haengt-die-lichterketten-ab-62528506

Grüne Weihnachten

Grüne Weihnachten

Jetzt lesen

Kommentare

Schlagzeilen