Grüne Weihnachten

Warum muss eigentlich alles perfekt sein?

Der schönste Christbaum, der trendigste Adventskranz, der perfekte vorweihnachtliche Schmuck. Rund um Weihnachten regiert sprachlich der Superlativ. Warum die Schreiberin hier diese Kategorie schnell über Bord werfen will.

Vor gut einem Monat wurde die Kärntner Fichte vor dem Wiener Rathaus aufgestellt.  SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Vor gut einem Monat wurde die Kärntner Fichte vor dem Wiener Rathaus aufgestellt.

Jedes Jahr das gleiche Schauspiel: Ist der Weihnachtsbaum im Herzen einer Stadt oder Metropole nach Meinung der Bewohner und Bewohnerinnen nicht schön genug, dann hagelt es Protest, Spott und Häme. Im letzten Jahr machte Rom mit dem vermeintlich "hässlichsten" Baum Schlagzeilen. Er bekam bald den Spitznamen "il Spelacchio", was so viel wie "der Gerupfte " bedeutet. #Spelacchio fand aber schnell auch seine Fans!

Ein ähnlicher Fall heuer in der Bundeshauptstadt. Der Boulevard mokierte sich über den "mageren Christbaum" vor dem Wiener Rathaus. Wenig Beachtung fand: Der 28 Meter hohe Baum aus Metnitz in Kärnten ist 150 (!) Jahre alt, nach Information von Fachleuten "ganz langsam gewachsen". Ein Prachtexemplar eigentlich, aber vielen immer noch nicht schön genug. Einigen wäre es wohl am liebsten, wenn ein Naturdenkmal gefällt wird, um das Stadtzentrum für ein paar Wochen weihnachtlich aufzuputzen.

Vielleicht werden wir in Zukunft nur mehr Riesenplastik-Tannen oder -Fichten aufstellen, die Baum-Klischees und -Schönheitsidealen entsprechen? Zudem würden diese Kunststoff-Exemplare ihre Nadeln nicht verlieren (zumindest eine Zeit lang nicht) und wären zudem noch zeitlos schön?

Perfekt kann auch eintönig sein

Vom riesigen Stadt-Christbaum zum Baum in den eigenen vier Wänden: Auch zuhause muss es nicht das perfekte Bäumchen sein, kleine Unregelmäßigkeiten machen es doch besonders und laden zum kreativen Schmücken ein. Vielleicht kommt die Lieblingskugel an der einen markanten Stelle noch besser zur Geltung?

Perfekt ist manchmal auch eintönig, nicht-perfekt vielleicht auch witzig. Und im besten Fall kostet der "nicht so perfekte" Weihnachtsbaum dann sogar noch weniger.

Auch beim Adventsschmuck ist oft weniger mehr. Warum nicht einfach schauen, was da ist? In der Vase vor der Haustür leuchten zwischen Nadelgrün aus dem Garten die roten Beeren einer Stechpalme. Zum Arrangement gesellt sich dann ganz spontan noch der Lieblingsteddybär des Fünfjährigen mit Winterhaube. Ein heiter stimmender Anblick und auf eine ganz andere Art und Weise auch perfekt! Eine Frage des Blickwinkels.

Auch der Teddybär ist in Adventsstimmung.  SN/daniele pabinger
Auch der Teddybär ist in Adventsstimmung.

Aufgerufen am 27.01.2021 um 12:11 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/gruene-weihnachten-warum-muss-eigentlich-alles-perfekt-sein-61833250

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