Österreich

"Händewaschen hilft, um sich besser zu fühlen"

Der Psychologe Stefan Reiß von der Universität Salzburg untersucht in einer Studie, wie die Menschen mit der Bedrohung des Corona-Virus umgehen. Wie einem die Decke nicht auf den Kopf fällt und wie man die Zeit sinnvoll nützt.

 SN/apa/dpa/patrick pleul

Eine Situation wie die Corona-Krise war noch nie da. Wie reagieren die Österreicher darauf? Stefan Reiß: Es gibt mehrere Aspekte: Unsere Handlungsfreiheit ist eingeschränkt, wir sollen zu Hause bleiben. Ein anderer Aspekt ist Handlungswirksamkeit: Wir fragen uns: Hat das, was wir tun, positive Auswirkungen? Und es stellt sich die Frage, wie unangenehm wir die Unsicherheit empfinden.

In unsere Umfrage haben wir auch die emotionalen Aspekte angeschaut: Fühlen sich die Befragten traurig, ängstlich, wütend? Die ersten Ergebnisse zeigen: Jene, die sich in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt fühlen, neigen eher zu Ärger und Frustration. Personen, die unsicher sind, zu Ängstlichkeit.

Wie geht man mit Wut und Angst um? Unsere 400 Versuchspersonen haben 13 Handlungen danach bewertet, ob verschiedene Aktionen für sie sinnvoll sind und ob sie sich dadurch besser fühlen. Vier davon wurden besonders gut bewertet: soziale Kontakte aufrechterhalten oder wiederherstellen; eigenen Projekten nachgehen, wie Sport und Kreatives; mit den Personen im Haushalt wertvolle Zeit verbringen; aber auch Händewaschen hilft, um sich besser zu fühlen.

Was bringt wenig? Hamsterkäufe und wie gebannt vor dem Fernseher zu sitzen, wurden von den Befragten als wenig nützlich eingeschätzt.

Dennoch haben die Menschen Unmengen an Toilettenpapier gekauft. In unsere Befragung spielt freilich die soziale Erwünschtheit mit ein. Aber dennoch: Hamsterkäufe sind keine wirklich sinnvolle Methode, ein Gefühl von Kontrolle und Vorhersehbarkeit zu erlangen.

Man fragt sich aber, ob man was falsch macht, wenn man nicht hamstert?! Deshalb ist es auch nicht gut, Hamsterkäufe zu filmen oder Fotos von leeren Regalen online zu stellen. Das schafft eine allgemeine Wahrnehmung, dass Güter knapp sind. Durch solche Instagram-Postings erzeugt man eine soziale Norm: Viele Leute machen es, also wird es nicht schlecht sein. Wir sollten Hamsterkäufer nicht zum Vorbild machen.

Welche Strategien gibt es, um mit der ungewissen Zukunft umzugehen? Wir Psychologen unterscheiden zwei Kategorien: Einerseits Verhaltensweisen, die sich der direkten Bedrohung widmen. Andererseits Lösungen, die uns helfen, uns besser zu fühlen - also ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit schaffen.

Können Sie Beispiele nennen? Zuhause bleiben - und dadurch sich und andere nicht in Gefahr bringen - ist eine gute Strategie, damit sich das Virus nicht verbreitet. Per Skype mit Freunden und Familie zu sprechen, hilft nicht direkt gegen das Corona-Virus, aber wir fühlen uns dadurch sozial eingebunden. Das hilft, um handlungsfähig zu bleiben.

Wie kann man verhindern, dass einem zuhause die Decke auf den Kopf fällt? Die Befragten haben uns darauf sehr gute Antworten gegeben: Sie nehmen liegengebliebene Projekte wieder auf. Sie lernen eine Sprache, stricken, holen die Gitarre aus dem Keller, spielen Computerspiele. Alles, was einem persönliches Wachstum verleiht, ist eine gute Strategie.

Aber woher weiß man, was einen persönlich wachsen lässt? Das ist eine der größten Herausforderungen in dieser Situation. Es gibt kein konkretes Allheilmittel. Aber: Wir haben nun Zeit, um zu reflektieren. Welche Ziele, welche Projekte wollen wir angehen? Das schafft einen roten Faden, um zu schauen, in welche Richtung man sich entwickelt.

Viel Zeit auf engem Raum: Berichten die Befragten von Streit in der Familie? Wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse klar zu kommunizieren. "Ich will mich jetzt mit den Kopfhörer an den Computer setzen", etwa. Es ist wichtig, auch einmal allein zu sein.

Wie wird sich die Gemeinschaft der Österreicher durch die Krise verändern? Das ist schwierig vorherzusagen. Ich habe aber das Gefühl, dass da sehr viel Zusammenhalt und Solidarität ist. Wir kämpfen gemeinsam gegen eine unangenehme Situation. Die Österreicher ziehen an einem Strang, um gesellschaftliche Probleme anzupacken.

Der 30-jährige Psychologe Stefan Reiß forscht an der Universität Salzburg dazu, wie Menschen mit Bedrohungen umgehen. Die Umfrage kann man hier ausfüllen.

Aufgerufen am 27.09.2020 um 09:38 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/haendewaschen-hilft-um-sich-besser-zu-fuehlen-85939078

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