Österreich

Jährlich 600 Skitour-Unfälle abseits gesicherter Bereiche

Durch unberührte Natur zum Gipfel, gefolgt von unverspurten Tiefschneeabfahrten - Skitourengehen hat sich zum Trendsport entwickelt. Im hochalpinen Raum ist neben der richtigen Ausrüstung und Vorbereitung auch Wissen über Gefahren am Berg notwendig. Jedes Jahr passieren rund 600 Unfälle abseits gesicherter Bereiche, ein hohes Risiko sind Lawinen, so das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV).

2016 starben bei Skitouren insgesamt 24 Personen.  SN/APA (Archiv)/ANGELIKA KREINER
2016 starben bei Skitouren insgesamt 24 Personen.

Im Jahr 2016 starben bei Skitouren laut Kuratorium für Alpine Sicherheit insgesamt 24 Personen. Mangelndes Wissen und Selbstüberschätzung sind Unfallursache Nummer Eins. Der größte Risikofaktor ist der Mensch selbst, konstatierte Extrembergsteiger Peter Habeler bei einer Schulung für Journalisten auf der Jamtalhütte mitten in der Silvretta im Paznauntal. "Konditionelle Vorbereitung ist wichtig, das Tourenziel muss dementsprechend ausgewählt werden", erklärte Habeler. "Im Zweifelsfall muss ich umkehren können", sagte der 74-Jährige, der selbst noch fast jeden Tag auf den Tourenski unterwegs ist.

Insbesondere Anfänger sollten ihre Tour in Begleitung erfahrener Experten absolvieren. "Gute Lehrer, die das Gebirge verstehen, sind schon die halbe Maut", sagte der Bergsteigerprofi, der 1978 gemeinsam mit Reinhold Messner erstmals den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät bestieg. "Wenn man etwas über das Gebirge wissen will, muss man raus, das lernt man nicht von Google", erklärte der Zillertaler.

Trotz schneearmer Saisonen stiegen in den vergangenen Jahren die Umsatzzahlen im Tourenski-Bereich stetig an, allein 2015/2016 wurden in Österreich 50.000 Paar Tourenski verkauft, mehr als Alpinski, sagte KFV-Experte Martin Pfanner. Ob als Freerider, Variantenfahrer oder Tourengeher: Wer abseits der Piste unterwegs ist, benötigt entsprechendes Wissen und passende Ausrüstung.

In Österreich gibt es durchschnittlich 20 Lawinentote pro Jahr. "Im ungesicherten Skiraum muss man über die Lawinen Bescheid wissen und unbedingt die Handhabung mit dem Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) geübt haben", sagte Habeler. Die klassische Lawinennotfallausrüstung - LVS, Schaufel, Sonde, Handy - ist immer mitzuführen. Freeridern empfehlen die Experten zusätzlich einen Lawinenairbag.

Schneearme Winter sind oft risikoreicher, weil "störungsanfällige Schneeschichten für Skitourengeher viel leichter erreichbar sind", sagte Bergführer und Bergretter Christian Eder. Besonders gefährlich sind Übergänge von wenig auf viel Schnee, erklärte Eder. Wenn dann eine Lawine abgeht, hat man "eine reelle Überlebenschance in den ersten 15 Minuten", sagte Eder. "Die meisten Unfälle passieren bei Lawinenwarnstufe drei", sagte Eder.

Durch das Schulnotensystem sei diese Gefahrenstufe "in der Bevölkerung fälschlicherweise recht harmlos verankert". Dennoch müssen bei dieser Stufe "schon einige Regeln eingehalten werden". So gilt es beispielsweise, Hänge mit einem Gefälle von mehr als 35 Grad zu meiden. Ein Hang mit Felsen hat beispielsweise eine Neigung von 40 Grad oder mehr.

Einen Boom verzeichnet auch Skitourengehen auf Pisten. In den vergangenen Jahren kamen gehäuft schneearme und zugleich warme Winter vor, die dazu führen, dass abseits der schmalen, beschneiten Skipisten nur wenig befahrbare Flächen zu finden sind. Skitourengeher weichen häufiger auf Skipisten aus. Skifahrer haben somit immer wieder Gegenverkehr, wodurch gefährliche Situationen entstehen können. Deshalb müssen Skitourengeher "primitive Regeln einhalten und am Pistenrand hintereinander gehen", forderte Habeler. "Es geht nicht, dass sie sich nebeneinander beim Aufstieg unterhalten."

Doch nicht nur beim Skitourengehen werden die Gefahren oft unterschätzt. Mehr als 20.000 Skifahrer und Snowboarder verunglücken jährlich auf Österreichs Pisten so schwer, dass sie im Spital behandelt werden müssen, so die Zahlen des KFV. Die meisten Unfälle sind selbst verschuldet und auf Übermüdung und Selbstüberschätzung zurückzuführen. Durchschnittlich sterben pro Wintersaison 36 Sportler auf der Piste bzw. im organisierten Ski-Raum.

Bei knapp vier von zehn tödlichen Unfällen sind Herz-Kreislauf-Störungen die Unfallursache. Ein Viertel ist auf einen Sturz oder Absturz zurückzuführen, gefolgt von einem Aufprall gegen ein Hindernis, erläuterte Pfanner. Fast neun von zehn Todesopfern sind Männer, besonders gefährdet sind zudem Personen über 50 Jahren.

Prinzipiell sei es so, dass Skitourengeher besser ausgerüstet und vorbereitet sind als Bergsteiger, sagte Gottlieb Lorenz, Pächter der Jamtalhütte südlich von Galtür. Die Hütte ist insbesondere im Frühjahr ein beliebter Stützpunkt für Skitourengänger. Schon Albert Einstein und Ernest Hemingway fanden laut Lorenz einst Unterkunft in der Hütte und trugen sich ins Gästebuch ein. Einen Tag vor der Lawinen-Katastrophe in Galtür mit 31 Toten im Jahr 1999 trafen zwei Staublawinen die Jamtalhütte. Im darauffolgenden Sommer wurde sie "nach menschlichem Ermessen lawinensicher" gemacht, mit Betonstahlwänden und Panzerglas. "Das Haus ist nun gebaut wie ein Bunker", sagte Lorenz.

(APA)

Aufgerufen am 23.06.2018 um 06:11 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/jaehrlich-600-skitour-unfaelle-abseits-gesicherter-bereiche-324802

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