Österreich

Kinderkampagne: Der Armut ins Gesicht geblickt

Rudina ist ab heute auf 1000 Plakaten der Caritas in ganz Österreich zu sehen, um auf die Not von Kindern aufmerksam zu machen. Die SN hörten sich die Geschichte der Albanerin und ihrer Familie an. In einem der ärmsten Länder Europas.

Erzählt Rudina von ihrem Leben, verändert sich ihre Stimme kaum. Die Tonlage bleibt gleich, egal ob die Frau mit den zerzausten schwarzen Haaren und den großen braunen Augen sagt: "Mit 18 Jahren habe ich meinen Mann auf einer Hochzeit kennengelernt und mich in ihn verliebt." Oder: "Als er mich mit dem Gürtel vor den Augen der Kinder erwürgen wollte, wusste ich, dass ich mich trennen muss."

Ab heute, Samstag, werden Rudina und ihre Kinder Vanesa (5) und Ibrahim (3) rund 1000 Caritas-Plakate in ganz Österreich zieren, mit denen auf die Not von Kindern aufmerksam gemacht werden soll.

Die SN begaben sich auf Spurensuche nach der Geschichte hinter den Gesichtern in einem der ärmsten Länder Europas - Albanien. Jenes Land, das in Relation zu seiner Einwohnerzahl die höchste Migrationsrate in gesamt Zentralosteuropa und dem Balkan aufweist. Allein zwischen 1989 und 2001 haben von den rund 2,8 Millionen Einwohnern etwa 710.000 Albaner das Land verlassen. Im Jahr 2015 waren es noch einmal 60.000 Menschen.

Die Gründe dafür sind rasch aufgezählt: Arbeitslosigkeit, Armut, schwierige Lebensbedingungen, fehlende staatliche Strukturen. Rudinas Geschichte dauert länger. Mit Ardian, ihrem Mann, baute sie nach der Hochzeit irgendwo in einem Wald eine Baracke. Ohne fließendes Wasser, ohne Toilette, aber mit vielen Ratten, die der Familie die wenigen Lebensmittelvorräte annagten.

Puka heißt das Dorf im Norden Albaniens, in dem es neben aufgelassenen Tankstellen und Kaffeehäusern, die nur Männer besuchen dürfen, kaum etwas gibt. Die politischen und wirtschaftlichen Fördermaßnahmen, die in der Hauptstadt Tirana zumindest in Fragmenten erkennbar sind, bleiben im Norden des Landes eine Illusion. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 80 bis 85 Prozent. Auch Rudinas Mann sollte bald Teil dieser Statistik sein. "Mein Mann war ein guter Mann. Bis er seine Arbeit verloren hat. Dann kamen die Drogen, der Alkohol und die Gewalt", erzählt Rudina.

Geschichten wie diese hat Fabiola Laço-Egro viele gehört. Sie leitet das von der Caritas unterstützte Gemeindezentrum "Today for the future" auf dem Hauptplatz von Puka. Hier finden Frauen, Kinder und ältere Menschen Gesundheitsversorgung, Rechtsberatung und Unterstützung. "Gewalt ist für viele Männer normal. Frauen sind nichts wert für sie", erzählt Laço-Egro.

Auch Rudina fand in dem Zen trum Hilfe. Als ihr Mann sie schlug, sie vergewaltigte, sie beinahe erwürgte. In jener Baracke im Wald, in der die Kinder alles mitansehen mussten, weil die Familie sich einen Raum und ein Bett teilte. Ardian wurde schließlich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Wie lang, weiß Rudina noch nicht. Denn auch das ist Teil der Realität in Albanien: Je mehr gezahlt wird, desto kürzer fällt eine Strafe aus. "Ich habe meinen Mann zuletzt im Dezember vor Gericht gesehen. Er wollte, dass ich ihm verzeihe, doch ich konnte nicht", erzählt die zweifache Mutter, die vom Staat 14 Euro Unterstützung für sich und ihre Familie erhält. Pro Monat. In einem Land, das gerade einmal eineinhalb Flugstunden entfernt von Österreich liegt.

Zamira Muca, die einen dicken Schal um den Hals trägt, lebt nur eine vierstündige Autofahrt entfernt. Sie leitet das Tageszentrum "Eden" in Albaniens Hauptstadt Tirana. 150 Familien erhalten dort eine warme Mahlzeit, Jugendliche lernen lesen und schreiben oder bekommen eine Jobausbildung. Wenn sie die wollen. "Fragt man die Mädchen, was sie später einmal werden wollen, antworten sie Lehrerin oder Ärztin", erzählt Muca. Bei den Buben gibt es diese Wünsche nicht. Sie streben nach zwei Dingen: Geld verdienen und weg aus Albanien. "Wir betreuen aktuell sieben Familien, deren Asylantrag in Deutschland abgelehnt wurde. Drei von ihnen haben Albanien dennoch erneut verlassen. Weil sie sagen, dass es hier nichts gibt."

Sieht man sich in Bregu i Lumit, dem elften Bezirk Tiranas, um, wird dieses Nichts sehr bald sehr deutlich spürbar. Müllberge bestimmen das Stadtbild. Berge, die für viele Albaner - vor allem für die Roma unter ihnen - bis vor Kurzem die Grundlage ihrer Existenz waren: Sie sammelten Müll und verkauften ihn. Bis ein neues Gesetz im Mai 2016 das Müllsammeln verbot. Muca: "Die Menschen suchen alternative Einnahmequellen, und es sind nicht die besten." So würden gerade Jugendliche bei der Cannabisernte eingesetzt. Die Droge ist in dem Land so populär wie selten zuvor. Ganze Felder bestimmen das Landschaftsbild in manchen Regionen.

Lena kennt sie nur aus Erzählungen. Das Roma-Mädchen steht in einem Raum zwischen zwei Bänken, auf denen gesessen, geschlafen, gelebt wird. Erzählt Lena von ihrem Leben, wiederholt sich stets eine Geste: Schulterzucken. Ob sie traurig ist, dass sie nicht mehr in die Schule geht? Schultern rauf. "Das ist eben so." Schultern runter. Wovon sie träumt? "Nichts." Schultern rauf und runter. Ganz schnell. "Ich muss auf meine Geschwister aufpassen", sagt Lena schließlich, die Mutter erwarte ihr fünftes Kind. Dann werden sie zu siebt im Raum mit den zwei Bänken leben. Lena will Albanien nicht verlassen. Ihre Schultern bleiben ganz ruhig, als sie sagt: "Ich habe mich für meine Familie geopfert." Lena ist 16 Jahre alt.

Unverändert bleibt auch Rudinas Stimme, der Frau vom Caritas-Plakat, als man sie im Gehen nach ihrem Alter fragt. "27." Pause. "An diesem Samstag habe ich Geburtstag."

Kinderkampagne 2017: So hilft die Caritas Kindern in Not

2,6 Milliarden Kinder leben derzeit auf der Welt. 569 Millionen wachsen in extremer Armut auf, was bedeutet, dass sie weniger als 1,25 USD pro Tag zur Verfügung haben. Bis zu 1, 5 Milliarden Kinder weltweit sind Gewalt in der Familie, in den Schulen und in der Gesellschaft ausgeliefert. "Jenseits der Zahlen und Statistiken gibt es aber immer noch die Schicksale konkreter Menschen", sagt Caritas-Präsident, Michael Landau. "Ein Kind ist ein Kind. Egal ob in Österreich oder Albanien und diesen Kindern beizustehen, ist ein Stück weit unsere Verantwortung", sagt Landau.

Bis zum Jahr 2018 strebt die Caritas an, insgesamt 50.000 Kinder außerhalb Österreichs nachhaltig aus ihrer Not zu befreien. Aktuell können durch Spenden 28.000 Kinder in 100 Tages- und Lernzentren weltweit unterstützt werden. Alleine in Europa sind es 4000 Kinder.

Mit einer Spende von 14 Euro pro Monat kann für Kinder in den ärmsten Regionen der Welt Lernmaterial beschafft werden. Für 30 Euro im Monat wird ein Kind in einem Tageszentrum ein Monat lang mit warmen Essen versorgt. Um 100 Euro kann ein Kind ein Jahr lang ein Lernzentrum besuchen.

Spendenkonto: IBAN AT23 2011 1000 0123 4560, Kinder in Not. Online: www.caritas.at/kinder

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