Österreich

Masken als rares Gut: "Bitte nicht in Gruppen einkaufen gehen!"

Im gesamten Gesundheitsbereich gibt es Klagen über fehlendes Schutzmaterial für das Personal. AGES und Land Tirol streiten darüber, wann die Krankheit in Ischgl ausgebrochen ist.

Dort, wo es Masken gibt, sind sie ein rares Gut. SN/APA/AFP/ALEX HALADA
Dort, wo es Masken gibt, sind sie ein rares Gut.

Tag drei des Maskengebots in Österreich. Und schon gibt es erste Meldungen, dass die Schutzmasken knapp werden. Der Braunauer Bürgermeister Johannes Waidbacher (ÖVP) forderte seine Bürgerinnen und Bürger auf, nur allein einkaufen zu gehen. "Dringender Appell! Bitte nicht in Gruppen oder mit der ganzen Familie einkaufen gehen! Die Masken sind dort, wo es sie schon gibt, ein rares Gut! Danke! Euer Bgm", heißt es in dem SMS, das über den Zivilschutz verbreitet wurde. Braunau ist kein Einzelfall, schließlich müssen auch die Handelsunternehmen, die sich mit Millionen von Masken eingedeckt haben, sorgsam damit umgehen.

Die Masken, deren Verteilung die Regierung vor den großen Lebensmittelmärkten angeordnet hat, sind aber auch in Spitälern und Pflegeeinrichtungen knapp. In einem Brief an die SN beschreibt ein Pfleger der Salzburger Landeskliniken die Situation: "... dass wir für einzelne OP-Masken (die, die nicht uns, sondern unser Gegenüber schützen) unterschreiben und die Verwendung begründen müssen". Auf manchen Stationen wird über jede einzelne Maske Buch geführt, auch der Verbrauch von Desinfektionsmitteln muss exakt dokumentiert werden. Gerald Michael Radner, Facharzt und Generalsekretär der Medizinischen Gesellschaft für Medizinrecht, sagt, dass es auch im niedergelassenen Bereich massiv an Schutzausrüstung fehle. In seiner Praxis könne er gerade einmal das Personal mit Schutzmasken ausstatten, aber dies sei auch für Patienten notwendig. Die OP-Masken, die derzeit verwendet würden, schützten ja nicht den Träger, sondern das Gegenüber, weil sie verhinderten, dass Viren durch Niesen oder Husten im Raum verteilt würden. Allein aus diesem Grund sei es notwendig, dass alle Arztpraxen ausreichend mit solchen Masken versorgt würden. Wenn es dann darum gehe, einen infizierten Patienten zu behandeln, sei ohnehin eine deutlich bessere Schutzausrüstung notwendig. Angefangen von hochwertigen medizinischen Atemschutzmasken bis zu Handschuhen, Haarnetzen, Schutzanzügen und auch einem Gesichtsschutz aus Plexiglas. Es gebe inzwischen Ärzte, die selbst solche Face-Shields herstellten, weil es sie nicht zu kaufen gebe. Viele niedergelassene Ärzte hätten zudem finanzielle Probleme. Sie sollen zwar die medizinische Versorgung außerhalb des Spitals garantieren. Viele Patienten holten nun aber telefonisch Auskunft ein, dafür gebe es von den Kassen kaum Honorare, dies sei auf Dauer finanziell nicht vertretbar.

In die Klage über fehlende Schutzausrüstung stimmen auch die Sozialeinrichtungen ein. Caritas, Diakonie, Hilfswerk und Volkshilfe richteten am Donnerstag einen Hilferuf an Bund und Länder. "Unser Pflegepersonal hat nach wie vor nicht ausreichend Schutzbekleidung zur Verfügung. Wenn wir die Ausbreitung von SARS-CoV-2 eindämmen wollen, müssen wir sowohl in stationären Einrichtungen als auch in der mobilen Pflege dringend effektive und ausreichende Maßnahmen setzen. Länder wie Singapur, Südkorea, aber auch China, die erfolgreich bei der Eindämmung waren, haben die Langzeitpflege besonders bedacht und mit Schutzkleidung ausgestattet."

Schutzkleidung sei das Um und Auf, aber auch für den Pflegebereich gelte: "Testen, testen, testen." "Bleibt eine Infektion unerkannt, ist zu befürchten, dass sich rasch 50 bis 80 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in einer Pflegeeinrichtungen infizieren", sagt Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin von Hilfswerk Österreich.

Für Verwirrung sorgte am Donnerstag eine Meldung der AGES, der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Demnach sei eine Schweizer Kellnerin in Ischgl die Coronavirus-Patientin null. Sie sei bereits am 5. Februar erkrankt, habe aber nur leichte Symptome gehabt und sei deswegen nicht zum Arzt gegangen. Wo sie sich angesteckt habe, sei unklar. Positiv getestet wurde sie laut AGES erst im März.

Bisher ging man davon aus, dass ein Barkeeper des Après-Ski-Lokals Kitzloch in Ischgl als erster Infizierter zahlreiche Personen angesteckt hatte. Der Barkeeper ist laut AGES als Einziger zum Arzt gegangen und hat fälschlicherweise die Rolle des angeblichen Weiterverbreiters "umgehängt bekommen". Das Land Tirol forderte daraufhin Aufklärung von der AGES. Der Fall sei für das Land "nicht nachvollziehbar", sagte LH-Stv. Josef Geisler (ÖVP). Die Tiroler "Fallzahlen" würden mit dem 7. März beginnen, dem ersten bestätigten Ischgler Coronafall. "Es ist ganz wichtig, dass uns die AGES Aufklärung gibt, ob das überhaupt den Tatsachen entspricht", sagte Geisler. Das Ganze sei auch "medizinisch nicht ganz nachvollziehbar". Im Falle des Auftretens am 5. Februar wäre die Krankheit am 9. März "ja längst abgeklungen".

Am späten Donnerstagnachmittag gab das Land Tirol bekannt, die Schweizerin habe bei der Testung angegeben, dass sie am 5. März - und nicht einen Monat davor - erste Symptome aufgewiesen habe. Das positive Ergebnis der Kellnerin sei am 9. März vorgelegen.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober konnte den Fall aufklären. Schuld an der Verwirrung war demnach ein Eingabefehler im Meldesystem. Denn tatsächlich war die Schweizerin erst am 5. März und nicht am 5. Februar in Ischgl.

Die AGES gestand den Irrtum ein, erklärt nun aber eine einheimische Kellnerin zum ersten Corona-Fall in Ischgl. Die Frau habe am 8. Februar erste Symptome gehabt, was sich aber erst bei späteren Untersuchungen herausgestellt habe.

Aufgerufen am 07.08.2020 um 07:36 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/masken-als-rares-gut-bitte-nicht-in-gruppen-einkaufen-gehen-85766449

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