Österreich

Matura erschwindelt, Klassen müssen Prüfung wiederholen

In zwei Wiener Gymnasien haben sich Schüler ihr Reifezeugnis erschwindelt. Die Folgen sind fatal: Fast alle müssen im Herbst erneut zur Matura antreten.

Matura erschwindelt, Klassen müssen Prüfung wiederholen SN/APA (Neubauer)/HERBERT NEUBAUER
Einheitliche Maturastandards sind für manche Schulen ein Problem. Aufsichtslehrer halfen zahlreichen Schülern, indem sie beim Schwindeln wegschauten. Deren Reifeprüfung wurde annulliert.

Es hätte ein angenehmer Sommer werden können für die gut 20 Schüler der 8a-Klasse des Oberstufenrealgymnasiums Hegelgasse 14 im 1. Wiener Bezirk. Fast alle hatten die Zentralmatura in Mathematik geschafft und freuten sich schon auf die Ferien. Doch dann tauchten Gerüchte auf, dass bis auf ein Mädchen die ganze Klasse ihre Reifeprüfung erschwindelt haben könnte. Unter tatkräftiger Mithilfe ihres Fachprofessors, der seine Aufsichtspflicht nur unzureichend wahrgenommen haben soll.

Der Mathematiklehrer soll so demonstrativ weggeschaut haben, dass es den Maturanten möglich war, ihre Aufgaben mit dem Handy zu fotografieren und via WhatsApp an ihre Nachhilfelehrer zu schicken, die ihnen wiederum die richtigen Lösungen zurücksendeten. Einige betroffene Schüler sollen noch in diversen Foren damit geprahlt haben, wie einfach sie zu ihrem Reifezeugnis gelangt seien. Arbeiten unter die Lupe genommen
Schließlich wurde eine Kommission des Stadtschulrats aktiv, die die Arbeiten genauer unter die Lupe nahm und feststellen musste, dass tatsächlich großflächig und offensichtlich geschummelt worden war. Die Folgen sind fatal: Die Mathematikmatura wurde annulliert, sie gilt als nicht beurteilt. Die Schüler müssen sich zur ersten Wiederholung im Herbst anmelden und die Zentralmatura neu machen. Dem Fachlehrer drohen nach Abschluss der Untersuchungen ebenfalls Konsequenzen. Er wird in den Stadtschulrat zitiert und disziplinär verfolgt - die Sanktionen reichen von Verweis über Versetzung bis zum Verbot, weiterhin zu unterrichten.

Schuldirektorin Gertrude Gonaus sagt zu dem Vorfall nichts: "Ich darf dazu keine Stellungnahme abgeben. Ich bin weisungsgebunden und muss Sie auf den Stadtschulrat verweisen." Gonaus äußerte sich nur zum generellen Problem der Oberstufengymnasien mit der Zentralmatura. "Die Schüler kommen zumeist mit weit geringerem Wissen und müssen von der Unterstufe viel nachholen", betont die Direktorin. Beispielsweise sei die Zentralmatura in Deutsch für viele Schüler mit nicht deutscher Muttersprache wegen der Textlastigkeit besonders schwierig gewesen. Schulen kämpfen mit Niveau
Mit dem Problem, die Schüler in relativ kurzer Zeit so gut vorzubereiten, dass sie Maturaniveau aufweisen, kämpfen mehrere Schulen. Auch das Oberstufenrealgymnasium Henriettenplatz in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus soll es deshalb mit der Kontrolle während der Maturaarbeiten nicht so genau genommen haben. Fast eine ganze Klasse muss dort nun zurück an den Start, nachdem die Stadtschulratskommission die Arbeiten als erschwindelt qualifiziert hat. Gottfried Ellmauer, Direktor am ORG Henriettenplatz, hält es wie seine Kollegin: "Ich sage dazu nichts, es handelt sich um eine schulinterne Angelegenheit."

Der Wiener Landesschulinspektor Franz Tranninger erklärt, dass vorgetäuschte Leistungen kein Phänomen der neuen Zentralmatura seien. "Schummeln hat es immer schon gegeben." Angesprochen auf die beiden Fälle meinte Tranninger: "Alles, was die Beurteilung anbelangt, unterliegt dem Datenschutz bzw. der Amtsverschwiegenheit." Der Landesschulinspektor bestätigte, dass es Überlegungen gebe, die Aufsicht bei der Zentralmatura neu zu gestalten. Künftig könnte das Vieraugenprinzip gelten oder fachfremde Lehrer während der Maturaarbeiten aufpassen.

Aufgerufen am 26.01.2022 um 04:59 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/matura-erschwindelt-klassen-muessen-pruefung-wiederholen-2410780

Schlagzeilen