Nachruf

Jörg Wörther: Mehr Mönch als Zauberer

Er sagte oft, er sei nur ein einfacher Bad Gasteiner. Seine Gäste sagten, er sei genial. Jetzt ist Jörg Wörther tot - und hinterlässt eine große Kluft.

Wörther bei einer Kochshow. Seine kulinarische Handschrift fehlt an allen Ecken und Enden.  SN/andreas kolarik
Wörther bei einer Kochshow. Seine kulinarische Handschrift fehlt an allen Ecken und Enden.

Karl Obauer war nach Jörg Wörthers Tod am Mittwoch kreidebleich: "Schon Karl Eschlböck ist mit seinen 78 Jahren zu früh verstorben", sagte der Werfener Spitzenkoch. "Aber 62 Jahre. Das ist ein Riesenverlust. Allein wenn man bedenkt, wie viele Köche er noch hätte ausbilden können." Eschlböck und Wörther. Die beiden waren wesensverwandt. Im Dezember 2018 stand Wörther in der Basilika von Mondsee schluchzend vor dem Sarg Eschlböcks, der einem Krebsleiden erlegen war. Nicht ahnend, dass der Krebs auch sein Schicksal schon vorgezeichnet hat. Er sagte sehr nachdenklich: "Der Tod beginnt mit der Geburt - mit jedem Herzschlag wird er größer."

Wörther war oft aufbrausend, aber ausgezeichnet hat ihn seine Sensibilität. Wenn er vor seinen Töpfen stand, dann erinnerte er oft an einen Mönch. "Allein schon wie er seine Saucen rührte", erinnert sich der zweite Obauer-Bruder Rudi: "Den Kopf gesenkt, die Körperhaltung immer ein bisserl eingedreht." Am besten war er immer dann, wenn er seine Ruhe hatte. So entstanden auch seine heute weltberühmten Sellerietascherl. Während in den späten 1980er-Jahren die Haubenköche mit Trüffel, Hummer und Gänseleber hantierten, setzte er Christian Millau, dem Gründungsmitglied des "Gault& Millau", ein vermeintlich schnödes Gemüsegericht vor. Millau war begeistert: "Ces sont les plus merveilleux Sellerietascherl du monde!", rief er aus. Auch Wörthers Schüler, der Gastronom und Politiker Sepp Schellhorn, schwärmt in höchsten Tönen von Wörthers Fähigkeit, aus dem Einfachen das Geniale zu entwickeln. "Wenn man dann gekostet hat, das war wie Zauberei", sagt er, wohlwissend, dass Wörther wie fast kein Zweiter brutal hart für seine Karriere gearbeitet hat.

Vor allem bei Eckart Witzigmann in München hat sich der Bad Gasteiner sein Rüstzeug abgeholt. Nach einem 14-Stunden-Tag beim Drei-Sterne-Koch im Aubergine hat er noch sechs Stunden im Tantris angehängt. "Ohne Bezahlung", erzählte er einmal vor Schülern der Fachhochschule Urstein. Vor ein paar Jahren hat er den SN im Rahmen einer Diskussion über Veganismus und Vegetarismus in seinem Restaurant Ceconi's das Geheimnis seiner Sellerietascherl verraten: "Man braucht einen Nudelteig, Sellerieknollen, Staudensellerie, Butter und Steinpilze", sagte er. Den Nudelteig füllte er mit einer Creme aus gedämpften Sellerieknollen. "Kein Obers", betonte er. "Nur etwas Butter und rohe Würfel vom Staudensellerie." Und das Geheimnis? "Der Truthahnschinken - ohne Pökelsalz", sagte er. "Aus den mitgeräucherten Knochen habe ich den Jus gemacht und die Tascherl darin geschwenkt." Einfach - genial.

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