Österreich

Neue schwere Vorwürfe gegen Toni Sailer

Am kommenden Donnerstag wird am Wiener Landesgericht eine Klage behandelt, die der mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierte ehemalige ÖSV-Trainer Karl "Charly" Kahr gegen die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) eingebracht hat. Unterdessen erhebt eine Frau im "Spiegel" schwere Vorwürfe gegen den verstorbenen Skihelden Toni Sailer.

Die SZ hatte berichtet, Kahr habe sich als Trainer der österreichischen Ski-Damen in den 1960er- und 1970er-Jahren an Athletinnen vergangen. Konkret bezog sich die Zeitung auf zwei ehemalige Skirennläuferinnen. Die eine behauptete, sie sei als 16-Jährige im Winter 1968/69 vom damaligen Damen-Cheftrainer vergewaltigt worden, die zweite erklärte, Kahr sei im Winter 1976 über sie hergefallen, als der Weltcup im kanadischen Quebec Station machte.

In jene Zeit fällt auch der Vorfall, der sich laut "Spiegel" (Ausgabe vom kommenden Montag, online als Paywall-Artikel bereits verfügbar) in einem Innsbrucker Hotel abgespielt haben soll. Toni Sailer, als dreifacher Olympiasieger von 1956 ein Ski-Held für die Ewigkeit, habe sie damals vergewaltigt, behauptet eine Frau, die anonym bleiben will. Sie war damals erst 14 Jahre alt und habe sich nur ein Autogramm von Sailer holen wollen. Dieser habe sie im Hotelzimmer eingesperrt und vergewaltigt. Charly Kahr sei danach dazugekommen, habe ihr befohlen, sich anzuziehen, ihren Namen aufgeschrieben und sie dann nach Hause geschickt. Der heute 86-Jährige bestreitet laut seinem Anwalt Manfred Ainedter, dass es diesen Vorfall gegeben habe.

Die Frau, die vom "Spiegel" "Franziska Fuchs" genannt wird, hat sich laut ihren Angaben durch Nicola Werdeniggs Berichte ermutigt gefühlt, über die damaligen Erlebnisse zu sprechen. Die frühere ÖSV-Weltcupläuferin Werdenigg hat 2017 im "Standard" über Missbrauch im Skizirkus und die Vergewaltigung durch einen Teamkollegen gesprochen und damit eine breite Diskussion ausgelöst. Der ÖSV reagierte mit der Einrichtung einer Untersuchungskommission unter Leitung der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic. In weiterer Folge wurden auch die Vorwürfe neu aufgerollt, wonach Toni Sailer 1974 in Polen eine Prostituierte vergewaltigt haben soll. In der Causa, über die damals auch in der Presse berichtet worden war, sollen hochrangige Politiker interveniert haben, um das Ski-Idol vor juristischen Folgen zu bewahren. Sailer ist 2009 im Alter von 73 Jahren verstorben.

Im aktuellen Verfahren bestreitet der als "Downhill Charly" in die Annalen eingegangene Steirer die Vorwürfe, sein Rechtsbeistand Manfred Ainedter klagte die SZ wegen übler Nachrede, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs und Verletzung des Identitätsschutzes. Ainedter argumentiert damit, Kahr übe seit mehr als 30 Jahren kein Traineramt mehr aus und sei daher nicht mehr als eine Person des öffentlichen Interesses anzusehen. Daher hätte sein Name im Verbindung mit dem Tatverdacht nicht genannt werden dürfen.

Die SZ hat allerdings den Wahrheitsbeweis für die Richtigkeit ihrer Darstellung angeboten und hält daran weiter fest, wie die Wiener Medienrecht-Spezialistin Maria Windhager, die die Zeitung vertritt, am Freitag auf APA-Anfrage bekräftigte. Zur Verhandlung sind vorerst nur die mit der Berichterstattung befassten SZ-Redakteure als Zeugen geladen. Offen ist, ob in weiterer Folge auch die beiden Skifahrerinnen als Zeuginnen gehört werden. Eine der beiden - eine ehemalige Abfahrerin, die in den früheren 1970er- Jahren im Weltcup mehrmals unter die Top Ten fuhr - ist bisher medial noch nie genannt worden. Die Identität der zweiten ist mittlerweile insofern bekannt, als Kahr gegen sie am Bezirksgericht Bludenz ein Verfahren wegen übler Nachrede betreibt, das am 9. November fortgesetzt wird.

Gegen Kahr selbst wurde von der Staatsanwaltschaft Leoben auf Basis der von der SZ ausgehenden und von zahlreichen Medien aufgegriffenen Anschuldigungen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dieses ist inzwischen abgeschlossen, ein von der Oberstaatsanwaltschaft Graz und dem Justizministerium geprüfter Vorhabensbericht befindet sich am Retourweg nach Leoben, gab Behördensprecher Andreas Riedler am Freitag auf APA-Anfrage bekannt. Ob das Missbrauchs-Verfahren - wie von Kahrs Anwalt Ainedter erwartet - aufgrund von Verjährung eingestellt wird, könnte Mitte kommender Woche feststehen.

Aufgerufen am 23.10.2021 um 01:44 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/neue-schwere-vorwuerfe-gegen-toni-sailer-49104427

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