Österreich

Österreichs Gletscher schrumpfen so schnell wie nie zuvor

Durchschnittlich gingen die Längen um rund 25 Meter zurück. Das ist der größte Rückgang seit dem Jahr 1960 und ein deutlicher Beleg für den Klimawandel.

Die Erklärung ist eine knappe: Überdurchschnittlich hohe Temperaturen im vergangenen Sommer waren der Hauptgrund für den drastischen Rückgang der heimischen Gletscher. Das zeigt der "Gletscherbericht 2016/2017" des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV), der am Freitag in Innsbruck präsentiert wurde.

Die Folgen bleiben weitreichend: Der Rückgang der Gletscher bedeutet einen Negativrekord von durchschnittlich 25,2 Metern - der höchste seit dem Jahr 1960. Zum Vergleich: 2015/2016 lag der Rückgang im Schnitt bei 14,2 Metern.

Wer all dies verstehen will, sollte einen Blick auf den Gepatschferner werfen. Hier wurde in der Winterperiode 2016/2017 der stärkste Rückgang verzeichnet: Die Zunge des Eisriesen in den Ötztaler Alpen schmolz um ganze 125 Meter, das Waxeggkees in den Zillertaler Alpen ging um 120 Meter zurück und das Winkelkees in der Ankogel-Hochalmspitzgruppe in Kärnten um 118,1 Meter. Zum Vergleich: Der größte Rückgang im Jahr zuvor wurde beim Hornkees in den Zillertaler Alpen mit 65 Metern verzeichnet.

Der Gepatschferner im Jahr 2010 und 2017:

Nur ein einziger Gletscher wies im Beobachtungszeitraum keinen Längenverlust auf - das Simonykees in der Venedigergruppe in Osttirol. Wirft man einen Blick auf das Bundesland Salzburg, wurde hier der stärkste Rückgang beim Ödenwinkelkees im Stubachtal mit 22,3 Meter verzeichnet. In Oberösterreich war es der Schneelochgletscher im Dachsteingebiet mit 13,8 Meter.

Für die Rückgänge verantwortlich ist laut Experten vor allem der überdurchschnittlich warme Sommer des Jahres 2017. Auch der außergewöhnlich warme und schneearme Winter 2016/2017 war für den Fortbestand der Gletscher laut Alpenverein nicht förderlich.

Da bis Ende April an vielen Orten nur die Hälfte bis zwei Drittel der durchschnittlichen Niederschlagsmenge verzeichnet wurden, schmolz die schützende Schneedecke im Sommer rasch. Das führte zu einer frühen Eisschmelze.

Nirgendwo werde der Klimawandel deutlicher sichtbar als bei der Gletscherschmelze. Das sagt Gerhard Karl Lieb, der mit Andreas Kellerer-Pirklbauer seit heuer die Gletschermessungen leitet. "Es ist die Ikone des Klimawandels", erklärt Lieb. "Es gibt kein Naturphänomen, an dem das so deutlich sichtbar und für Laien verständlich gezeigt wird."

Gletscher - Identität und Mythos

Laut Alpenverein setzt sich der seit den 1990er Jahren andauernde Gletscherrückgang ungehindert fort. Lieb und Kellerer-Pirklbauer drücken es so aus: Die Bedingungen seien seither sehr ungünstig. "Das aktuelle Gletscherhaushaltsjahr fügt sich hier nahtlos ein", erklären die Experten.

Die Gletscher seien ein wichtiger Teil der heimischen Identität, erzählt Lieb weiter. Sie hätten eine große Bedeutung, selbst für jene, die noch nie auf einem gewesen seien. Die österreichische Gesellschaft habe sich eine Art von Alpenmythos geschaffen: "Die Gletscher werden behandelt wie eine aussterbende Tierart."

Dazu komme, dass sich die Landschaft und die Infrastruktur rund um die Gletscher veränderten. So würden etwa in den dortigen Skigebieten Seilbahnstützen ausschmelzen. Auch auf hochalpine Wege und auf das Netz der Schützhütten habe das Auswirkungen. Allerdings betreffe das nur kleinen Teil der Bevölkerung, sagt Lieb.

Insgesamt hat der Messdienst des Österreichischen Alpenvereins 83 Gletscher in ganz Österreich vermessen - 75 davon haben ehrenamtliche Fachleute des ÖAV beobachtet. Bei acht weiteren wurde die Unterschiede anhand von Fotovergleichen angefertigt.

Von August bis Oktober waren im Vorjahr insgesamt ehrenamtliche 22 Beobachter mit 70 Begleitern für den neuen Gletscherbericht im Einsatz und werteten die Ergebnisse für 18 Teilgebiete aus. Dabei wurden neben Längenmessungen auch Fließgeschwindigkeiten und Oberflächenhöhen erfasst.

Gletscherbeobachter leben gefährlich

So seien etwa im Stubachtal im Bundesland Salzburg zwei Personen dafür zuständig, zehn Gletscher zu vermessen und teilten sich die Arbeit untereinander auf. Bei ihrer Tätigkeit haben die Fachleute Helfer dabei. Denn, erklärt Lieb: Alleine im Hochgebirge unterwegs zu sein, sei zu gefährlich.

Lieb ist - wie auch Kellerer-Pirklbauer - Mitarbeiter am Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz. Ehrenamtlicher Gletschermesser ist Lieb seit dem Jahr 1981. Sein Interesse an den Eisriesen ist sowohl der Liebe zum Gebirge als auch seiner wissenschaftliche Tätigkeit geschuldet. "Ich bin als Bergsteiger sozialisiert worden, und an der Universität wurde mein spezifisches Interesse an den Gletschern geweckt." Der Österreichische Alpenverein dokumentiert die Bewegungen heimischer Gletscher seit 127 Jahren im Gletscherbericht.

Die stärksten Rückgänge in der Messperiode 2016/17 SN/APA
Die stärksten Rückgänge in der Messperiode 2016/17

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