Österreich

Oh Plastikbaum, oh Plastikbaum!

Plastik ist pfui, Natur ist gut. Trotzdem erfreut sich unsere umweltbewusste Familie seit vielen Jahren an einer Kunststoff-Tanne made in Taiwan und hat dabei kein schlechtes Gewissen.

 SN/ratzer

Ein Plastik-Christbaum? Das war einmal undenkbar für Öko-Mann und Öko-Frau, ob ihres demonstrativ grünen Lebensstils (tägliches Radfahren, gewissenhaftes Mülltrennen, Verwendung von Stoffwindeln und Handrasenmäher, etc.) einst von den Nachbarn so getauft. Und nun steht er schon seit mehr als zehn Weihnachtsfesten da. Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind auf die Erde nieder, sondern auch der bewährte Plastikbaum aus dem Keller ins Wohnzimmer.

Wie konnte es so weit kommen? Auch der Öko-Mann reihte sich einst ein unter die Bedauernswertesten unter den vielen bedauernswerten Figuren der Adventzeit, die Christbaumkäufer. Man verhandelt im Temporär-Christbaum-Markt auf der Wiese mit einem schlechtgelaunten Verkäufer, dessen Gesichtsfarbe kältebedingt ins Tiefblaue geht. Der Verkäufer will nicht verhandeln, nur verkaufen. Man schleppt den viel zu teuer erworbenen Baum zum Auto. Die Nadeln des Baums pieksen, die ersten fallen protesthalber schon im Kofferraum ab.

Daheim vollzieht sich das noch unwürdigere Schauspiel des Baum-in-den-Ständer-Schiebens. Der Stamm ist zu dick (wie jedes Jahr), der handwerklich unbegabte Öko-Mann bearbeitet den Stamm mit Axt, Säge und ähnlichem. Der Stamm ist danach zu dünn, es braucht Stopfmaterial. Weitere Nadeln suchen aus Protest gegen diese Behandlung das Weite. Gar unweihnachtliche Flüche und Verwünschungen werden ausgestoßen, am Ende ist "schief" der gemeinsame Zustand des Haussegens und des Baums. Und all der Aufwand für ein paar Tage, genau genommen bis zum letzten Likörschokofläschchen.

Die galoppierende Preisentwicklung auf dem Weihnachtsbaummarkt tat ein Übriges. Eines Weihnachtens überwanden Öko-Mann und Öko-Frau ihre ideologisch bedingte Ablehnung und kauften das Kunststoffmodell: Drei Teile, ein Ständer, zusammengesetzt in wenigen Minuten. Der Baum so perfekt gewachsen, wie es die Natur und der Züchter - Wachstumsdauer: acht bis zehn Jahre! - nie hinbekommen. Selbst aus kurzer Distanz ist der Unterschied zum Echten nicht zu sehen. Trotzdem pieksen die Plastiknadeln nicht. Dazu kam eine elektrische Kerzenkette, somit war die Gefahr eines Christbaumbrandes ausgeschlossen. Nach vier Jahren, so errechneten wir, hat sich der Kauf im Vergleich zum Naturbaum schon rentiert.

Was die Ökobilanz angeht, dauert es vermutlich ein paar hundert Jahre, bis Gleichstand herrscht. Ja, er kam wohl mit dem Flugzeug aus Taiwan zu uns, besteht aus Material, das Öko-Mann und Öko-Frau sonst nur mit spitzen Fingern angreifen. Aber der Weihnachtsfriede ist es wert. Ohne blaugesichtigen Baumverkäufer, ohne Ständer-Stress, ohne Gepiekse. Mittlerweile gehört der Plastikgeselle schon so lange zu uns, dass er sogar ein paar lebendige Züge angenommen zu haben scheint. Jedenfalls fallen ihm jedes Jahr ein paar seiner Plastiknadeln ab.

Aufgerufen am 24.11.2020 um 09:54 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/oh-plastikbaum-oh-plastikbaum-62759347

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