Pro & Kontra

Klimaproteste: Erlaubter Ungehorsam oder instrumentalisierte Jugendliche?

Wieder gehen Schülerinnen und Schüler auf die Straße, um die Politik aufzurütteln und stärkere Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung zu fordern. Nehmen sie in die Hand, was die Erwachsenenwelt nicht schafft? Oder wächst hier ein Hype, bei dem Skepsis angesagt ist?

In ganz Österreich (hier in Bregenz) demonstrieren am Freitag Schülerinnen und Schüler. SN/APA/JOCHEN HOFER
In ganz Österreich (hier in Bregenz) demonstrieren am Freitag Schülerinnen und Schüler.

Es muss geschwänzt werden, weil das ein Motor der Veränderung ist.

Bernhard Flieher

Fragen nach den Hintergründen des Thunberg-Hypes sollen gestellt werden (dürfen).

Othmar Behr

Seid ungehorsam!

Bernhard Flieher
Gerechter Ungehorsam zählt mehr als Anwesenheitspflicht in der Schule. Wer aufsteht gegen die Dummheit und Ausflüchte politisch Mächtiger, hat recht. Und man tut das idealerweise dann, wenn es auffällt. Dann tut es weh, wie die Folgen des Klimawandels wehtun. Zynische alte Männer und Frauen in Ministerien, Bildungsdirektionen, auch bei den Klassenvorständen oder Eltern unterstellen: Die wissen nicht, was sie tun, die werden instrumentalisiert. Von wem denn? Von einem Gewissen, das andere auf den Marktplätzen der Bequemlichkeit geopfert haben? Von der Idee, ein selbstbestimmtes Leben auf einem intakten Planeten leben zu können? Ist es nicht genau das, von dem ein so genanntes Bildungssystem behauptet, dass man es haben möchte: Aufrechte, mündige Menschen?

Jetzt, da es ernst wird mit der Freiheit und der Mündigkeit, soll das nichts zählen, wird das nicht entschuldigt? Dabei tun Kids und Jugendliche, von denen viele schon wahlberechtigt sind, nicht nur thematisch das Richtige. Wer frei in seinen Gedanken ist, wer eine eigene Vorstellung der Welt entwickelt, hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht dafür zu kämpfen. Das müssen die Systemerhalter fürchten. Also flüchten sie in ihr Regelwerk, fordern Entschuldigungen für einen Kampf, der keine Entschuldigung braucht. Wer frei ist in seinen Gedanken und die mutig hinausträgt, dem können unkluge Herrscher, stumpfsinnige Politiker und die Apostel einer Moral, die auf Ausreden und Angst und Entschuldigungen basiert, nichts anhaben. Streikt! Schwänzt die Schule! Sicher werden ein paar nur des Schwänzens willen mitgehen. Mit Mitläufern ist immer zu rechnen. Wichtig bleibt aber die Grundbotschaft: Ungehorsam mit gutem Grund ist der Motor der Veränderung. Brav sein und die Gosch'n halten hingegen stärken ein System, das kein Problem löst, denn es selbst ist das Problem.

Zwischen Propaganda und Tatsachen

Othmar Behr

Die Botschaft der Greta Thunberg: Sie will diese Erde retten. So einem Engagement kann man doch nicht kritisch gegenüber stehen, oder? Man kann. "Wir werden weitermachen, bis sie etwas unternehmen", lautet die Kernbotschaft der von ihr ermunterten Schulstreikenden an Politik und Wirtschaft. Das ist eine Kampfansage.

Die Ansage unterstellt, dass bisher "nichts" zur Verbesserung der Umweltbedingungen unternommen wurde. So argumentiert, wer nicht zwischen Propaganda und Tatsachen unterscheidet, wer Keile in die Gesellschaft treiben will. Es ist nämlich schlichtweg falsch. Man braucht als Beispiel nur die Ergebnisse der Analysen von Wasserproben aus Flüssen und Seen von 1970 und heute vergleichen. Und, und, und.

Bei jedem Hype ist Skepsis angezeigt. Wer sind die treibenden Kräfte? Wer profitiert? Im Zusammenhang mit einem 16-jährigen Mädchen fällt es schwer, solche Fragen zu stellen. Vielleicht gehört gerade das mit zum Kalkül des Gesamtpakets Greta Thunberg?

Fragen nach den Hintergründen des Thunberg-Hypes sollen gestellt werden (dürfen). Ebenso, ob die Rechenmodelle des Weltklimarats die einzig gültige Wahrheit sind. Wer bei diesem Thema nur fragt, ob eine Frage dazu gestellt werden darf, kommt automatisch in das Eck der Verschwörungstheoretiker und Trump-Verehrer. Seit Greta Thunbergs Auftritten schneller denn je.

Die wärmer gewordene Erde benötigt eine sachliche, breit angelegte Diskussion zur Lösung ihrer ebenso breit gefächerten Probleme - und kein Anheizen der Emotionen, Verdächtigungen und dogmatischen Schuldzuweisungen.

Quelle: SN

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Aufgerufen am 17.10.2019 um 02:14 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/pro-kontra-klimaproteste-erlaubter-ungehorsam-oder-instrumentalisierte-jugendliche-67286422

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