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Roncalli-Gründer Paul "wollte nie Zirkusdirektor werden"

Bernhard Paul hat viel probiert in seinem Leben - meistens war er mit seinen Vorhaben erfolgreich. Für den Gründer und Direktor des Circus Roncalli ist das gewissermaßen auch ein Lebensmotto. "Hauptsache, man macht es", nickt er im APA-Interview. "Mein Lebenswerk ist Zirkus, und das habe ich gemacht." Wie es dazu gekommen ist und welche Hindernisse sich ihm dabei in den Weg gestellt haben, zeigt ab 24. September die neue Kinodokumentation "Ein Clown, ein Leben".

Bernhard Paul spricht in "Ein Clown, ein Leben" über seine Karriere. SN/APA/ROBERT JAEGER/ROBERT JAEGER
Bernhard Paul spricht in "Ein Clown, ein Leben" über seine Karriere.

Denn Paul ist bekanntermaßen nicht nur Direktor, sondern auch Clown. Als Zippo hat er oft für Lacher in der Manege gesorgt. Hier ist auch der Grund für sein Engagement zu suchen. "Ich wollte nie Zirkusdirektor werden, ich wollte Clown werden", erzählt Paul. "Nur: Als Bub aus Wilhelmsburg mit roten Haaren, Sommersprossen und Brille kannst du nicht in einen Zirkus gehen und sagen: Guten Tag, ich möchte Clown werden. So laut haben die noch nie gelacht."

Die Lösung war also, selbst einen Zirkus zu gründen. Diesen hat er in den vergangenen Jahrzehnten zu einer weltweit erfolgreichen Marke gemacht. "Wir waren die ersten, die plastikfrei und tierfrei waren. Die Tiere habe ich ersetzt durch Holografie. Das ist weltweit durch die Nachrichten gegangen", zeigt Paul sich stolz. "Guy Laliberté, der Gründer und Direktor des Cirque du Soleil, hat in einem Interview gesagt: Ohne Roncalli würde es Cirque du Soleil nicht geben. Wir waren die ersten, die einen anderen Zirkus gemacht haben."

Der Versuch, eine Alternative zu althergebrachten Traditionen zu bringen, hat jedenfalls Eindruck hinterlassen. "Die Russen haben eigene Programme gemacht, die eine Hommage an Roncalli waren", so Paul. "Wir haben in Moskau gastiert, da hatten alle den Mund offen. Die haben damals noch den vierfachen Salto mortale aus der Kuppel mit Todesgefahr und manchmal auch Tod gemacht. Und wir haben gemacht: Seifenblasen! Ich habe schon immer ganz anders gedacht und gefühlt."

Dabei fühlt er sich keineswegs angekommen, wie Paul zu verstehen gibt. "Es ist wie das Weltall - ohne Ende, ohne Grenzen", beschreibt er sein Streben nach immer neuen Ideen und Ausdrucksmöglichkeiten. "Fantasie und Kreativität ist grenzenlos. Man darf nie aufgeben, sich hinsetzen und beweihräuchern lassen. Nein, es ist immer der Anfang. Wie der Kölner Dom, der ist auch nie fertig."

Apropos Anfänge: Die zeichnet Regisseur Harald Aue mit sehr persönlichen Gesprächen und Bildern nach, wobei er Paul an unterschiedliche Orte seiner Kindheit begleitet. Das sei auch eine "Vertrauensgeschichte", sagt Paul über die Zusammenarbeit. "Ich bin ja über 45 Jahre offen durch die Welt gegangen und habe alles aufgesaugt, was gekommen ist. Natürlich habe ich aber dabei im Hinterkopf sortiert: Was will ich, was will ich nicht." Ein Sponsoringangebot von McDonald's in seiner Anfangszeit etwa habe er abgelehnt. "Die wollten das M auf dem Zelt haben." Dabei sei es damals finanziell sehr eng gewesen, "wir haben den Kitt von den Fenstern gefressen", findet Paul drastische Worte. Aber: "Ablehnen ist ganz wichtig."

Häuser und Wohnungen, in denen er aufgewachsen ist, hat der 74-Jährige für die Dokumentation ebenso besucht wie den Friedhof in Wilhelmsburg. "Da sind natürlich auch traurige Sachen dabei. Überall habe ich Namen gelesen, die mir vertraut waren. Mein Lehrer, der Kreisler, der Pfarrer. Und natürlich das Grab von meinem Vater. Da bin ich sozusagen durch meine Kindheit gegangen." Das sei auch "eine Zeitreise und etwas, bei dem man selber aufräumt im Hirn. Da fallen einem plötzlich Sachen ein, die man schon längst vergessen hat."

Was aber nicht bedeutet, dass Paul die Verbindung zu seiner Herkunft erst suchen hätte müssen. "Ich habe das ja nie ganz aus den Augen gelassen, sondern hatte immer Kontakt", sagt der Zirkusdirektor. "Es ist gut, die Wurzeln nie ganz zu verlieren. Das ist ja ein Teil dieses Mosaiks, wie man sich entwickelt. Das hat mich auch immer interessiert. Deshalb waren mir solche Sachen auch stets vertraut." Die vielen Anekdoten und Details, die in "Ein Clown, ein Leben" zur Sprache kommen, verdeutlichen das.

Letztlich landet man wieder bei Zippo, seinem Manegen-Alter-Ego. Die Liebe zur Clownerie ist jedenfalls ungebrochen. "Als Kind hat für mich eine Zirkusvorstellung damit begonnen, dass die Clowns hereingekommen sind, und war beendet, als sie wieder rausgegangen sind. Die Kamele, die trenzend im Kreis liefen, haben mich ebenso wenig interessiert wie die Bären im Käfig. Im Gegenteil, sie taten mir damals schon leid." Beinahe logisch daher die Liste an Helden, die Paul aufzählt: "Von Charlie Chaplin über Buster Keaton bis Maxi Böhm und Karl Farkas, das waren meine Helden. Antihelden! Echte Helden haben mich nicht interessiert."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.roncalli.de; www.einclowneinleben.com)

Aufgerufen am 17.10.2021 um 06:52 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/roncalli-gruender-paul-wollte-nie-zirkusdirektor-werden-109602805

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