Österreich

Serbische Betrügerbande fädelte 27 Scheinehen ein

Heiratswillige aus Balkanstaaten bezahlten 10.000 Euro, um an Sozialleistungen in Österreich zu gelangen.

10.000 Euro für arrangierte Hochzeiten, nur um an Sozialleistungen heranzukommen. SN/apa (afp)
10.000 Euro für arrangierte Hochzeiten, nur um an Sozialleistungen heranzukommen.

59 Anzeigen wegen des Verdachts auf gewerbsmäßige Beihilfe zum unbefugten Aufenthalt, gewerbsmäßiger Vermittlung von Aufenthaltsehen bzw. Fälschung von Beweismitteln: Das ist das Ergebnis umfangreicher Ermittlungen, an denen Fremdenpolizei und Landeskriminalamt Wien beteiligt waren. Unter Verdacht stehen drei Männer serbischer Herkunft (zwei davon sind österreichische Staatsbürger). Sie sollen mindestens 27 Scheinehen zwischen Personen aus Serbien, dem Kosovo und Bosnien mit ungarischen Staatsangehörigen eingefädelt haben. Zu dem Zweck, dass sich jene "Heiratswilligen" aus den genannten Drittstaaten durch die Ehe mit EU-Bürgern nicht nur Aufenthaltstitel erschleichen konnten, sondern auch Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt sowie zu diversen Sozialleistungen erlangen.

"Sie hätten damit überall in der EU hingehen können, aber Zielort war immer Wien", sagte Paul Eidenberger von der Landespolizeidirektion Wien. 10.000 Euro erhielten die Drahtzieher pro Hochzeit. Die vermittelten Ehepartner bzw. Ehepartnerinnen aus Ungarn (viele davon stammen aus einer Großfamilie) bekamen 3000 Euro Prämie.

Hauptverdächtig ist ein 49-jähriger Serbe, der als Kopf der Organisation gilt, sowie seine beiden Komplizen (38 und 47 Jahre). Auf die Schliche gekommen waren die Kriminalisten den Männern im Zuge von Ermittlungen. Die Verdächtigen sollen mit diversen Scheinfirmen bereits einen Schaden in siebenstelliger Höhe angerichtet haben. "Die Heiratsvermittlungen waren quasi nur ein Geschäftszweig", erklärte Eidenberger. Der 49-Jährige trat bei den Eheschließungen, die auf serbischen Standesämtern durchgeführt worden waren, sogar selbst einige Male als Trauzeuge auf.

Die Ehepaare selbst waren bzw. sind an einem dauerhaften Aufenthalt in Österreich nicht interessiert. "Sie kamen nur fallweise, um Behördenwege zu erledigen", sagte der Polizeisprecher. Die Ermittler gehen im Übrigen davon aus, dass es sich um weit mehr als nur 27 eingefädelte Scheinehen handelt. "Die Dunkelziffer dürfte weit höher sein", befürchtet Eidenberger.

Wie viel Geld im Rahmen dieser Behördenwege unrechtmäßig bezogen wurde, ist vorerst nicht bekannt. Das Landeskriminalamt konnte darüber am Freitag keine Auskunft geben. Da die Scheinehen zum Teil bereits seit 2016 bestanden, ist davon auszugehen, dass der Schaden beträchtlich ist.

Laut Bundeskriminalamt wurden österreichweit allein im Vorjahr 11,5 Millionen Euro Sozialleistungen unberechtigt bezogen. Die Zahl der Anzeigen stieg von 2018 auf 2019 von 737 auf 2255 (plus 206 Prozent). Das Verhältnis von inländischen zu nicht österreichischen Tatverdächtigen betrug im Vorjahr 669 zu 1766. Die meisten Fälle stammten aus Afghanistan (333), Syrien (230) und dem Irak (150).

Was die Scheinehen betrifft, agierten die Täter professionell und organisiert: Für die 10.000 Euro Honorar wurden nicht nur Ehepartner aufgetrieben, die Frischvermählten firmierten bei den Wiener Scheinfirmen gleichzeitig auch als Angestellte. Die Behörden wurden mittels fingierter Lohnzettel und Arbeitsverträge erfolgreich getäuscht.

18 der 27 Scheinehepaare konnten ausgeforscht werden und wurden schon polizeilich befragt. Nach den neun restlichen wird aktuell gefahndet. Die Vernehmungen der drei Hauptverdächtigen brachten bislang noch kein Resultat - sie verweigerten die Aussage, befinden sich derzeit aber dennoch auf freiem Fuß. Die Ermittlungen sind laut Landespolizeidirektion Wien abgeschlossen, der Akt wird nun der Staatsanwaltschaft übermittelt.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 05:02 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/serbische-betruegerbande-faedelte-27-scheinehen-ein-93002167

Schlagzeilen