Österreich

Tempo 140: Verkehrsminister Hofer will nach Zwischenbilanz weitere Teststrecken

Zehn km/h mehr, nämlich 140 statt 130, sind seit August auf zwei Abschnitten der Westautobahn (A1) erlaubt. Wie steht es um Unfallzahlen, Schadstoffe und Temposünder? Während der Minister positiv bilanziert, kommt vom Verkehrsclub Österreich Kritik.

Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) und die Asfinag haben am Donnerstag eine - aus ihrer Sicht - positive Zwischenbilanz über den Tempo-140-Test auf der Westautobahn (A1) gezogen. Sie wollen weitere Probestrecken definieren. Das Durchschnittstempo legte je nach Witterung und Tageszeit um bis zu vier km/h zu. Auch der Anstieg der Emissionen sei daher "gering", sagte Asfinag-Geschäftsführer Josef Fiala. Man könne sich daher neue Streckenabschnitte vorstellen, auf denen das höhere Tempo gilt.

Lenker fahren kaum schneller

Für die Erhebungen wurden externe Gutachter beauftragt, erläuterte Fiala bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Ergebnisse zeigen nach dreieinhalb Monaten Probelauf, dass das seit 1. August im Mittel gefahrene Tempo zwischen Melk und Oed in Niederösterreich um zwei bis vier km/h und zwischen Haid und Sattledt in Oberösterreich um drei bis vier km/h zugenommen hat. "Das heißt die faktische Geschwindigkeitsänderung ist gering", betonte der Asfinag-Geschäftsführer. "Weiters ist es so, dass auch nach Verordnung des 140ers auf dem dritten Fahrstreifen mehr als 95 Prozent weniger als 146 km/h fahren, auf dem zweiten Fahrstreifen 95 Prozent weniger als 137 km/h und 95 Prozent am ersten Fahrstreifen weniger als 135 km/h", erläuterte Fiala.

"Das, was wir gemacht haben, entspricht der Realität", sagte Hofer. "Wir bilden das ab, was die Leute tun. Die Geschwindigkeit ist bereits vorher etwas höher als 130 km/h gewesen", betonte der Minister. Kritiker hätten befürchtet, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit um zehn km/h steigen würde. "Es ist klar nachweisbar, dass dem nicht so ist." Es gebe auch nicht noch mehr Raser, hielt Hofer fest.

Mehr Schadstoffe gemessen, weniger Unfallopfer in NÖ

Der Schadstoffausstoß von Kohlendioxid (CO2) und Stickoxiden (NOx) legte bei Messungen am Auspuff von zehn auf die Teststrecken geschickten Fahrzeugen um ein bzw. zwei Prozent zu. "Hier ist es so, dass aufgrund der geringen Geschwindigkeitsänderung entsprechend gering die Änderungen bei den Emissionen sind", erläuterte Fiala. Bei den Messstationen an der Autobahn bei Amstetten und Allhaming sei auch beim Feinstaub "keine markante Änderung" festgestellt worden.

In Sachen Lärmauswirkungen durch Tempo 140 gibt es laut Fiala "noch gewisse Messunsicherheiten". Weitere Erhebungen seien notwendig. "Wir bewegen uns derzeit bei einem Messergebnis von 0,6 Dezibel mehr", gab der Asfinag-Geschäftsführer bekannt. Die Zahl der Unfälle mit Personenschaden ging auf der Teststrecke in Niederösterreich verglichen mit den selben Zeiträumen der beiden Vorjahre von 17 auf sechs zurück, in Oberösterreich blieb sie in etwa gleich. Bei keinem der Unglücke wurde ein Zusammenhang mit der Geschwindigkeitserhöhung nachgewiesen, sagte Fiala.

Kritik kommt wegen Emissionen

"Die Zwischenbilanz zeigt, dass Tempo 140 zu mehr Emissionen führt. Um das Klimaziel zu erreichen, braucht es aber das genaue Gegenteil davon, einen deutlichen Rückgang der Treibhausgase", stellt Markus Gansterer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) fest. Es habe sich gezeigt, dass es verstärkte Tempokontrollen auf den Autobahnen brauche, da auf der dritten Spur laut Zwischenbericht jeder 20. Lenker schneller als 146 km/h fährt.

Gansterer weist darauf hin, dass die Bundesregierung beschlossen hat, bis zum Jahr 2030 die CO2-Emissionen des Verkehrs um ein Drittel zu reduzieren; Tempo 140 bewirke das Gegenteil.

Die Zunahme um ein Prozent CO2 und zwei Prozent Stickoxide klinge laut VCÖ wenig, sei aber angesichts der Tatsache, dass Österreich in den kommenden elf Jahren die Treibhausgas-Emissionen des Verkehrs um ein Drittel reduzieren muss, zu viel. "Wer 30 Kilogramm abnehmen möchte, ist auch nicht zufrieden, wenn das Gewicht leicht steigt oder gleich bleibt", zieht Gansterer einen Vergleich.

Auch SPÖ, NEOS und Liste Pilz sparten nicht mit Kritik an Hofer. SPÖ-Umweltsprecher Klaus Feichtinger appellierte an die Bundesregierung, "derartige umwelt- und gesundheitsschädigende Projekte abzustellen". Hofers Vorgehen zeige, "dass es ihm nie um eine evidenzbasierte Vorgangsweise ging und dass sich diese Bundesregierung nicht um die Klimaziele schert", hielt NEOS-Verkehrssprecher Douglas Hoyos fest. "Die Regierung rast in die Umweltkatastrophe", meinte Liste-Pilz-Klubobmann Wolfgang Zinggl. Dass der Schadstoffausstoß von Kohlendioxid und Stickoxiden um etwa zwei Prozent zulegt, sei keineswegs zu verharmlosen. "Schadstoffe radikal reduzieren wäre das Gebot der Stunde."

Ausschau nach neuen Teststrecken

Ungedachtet dessen kündigte Hofer die Suche nach weiteren Teststrecken für Tempo 140 in den kommenden Monaten an. Er wolle etwa wissen: "Wie sieht es auf einer zweispurigen und auf einer vierspurigen Strecke aus?" Konkret infrage kommende Regionen konnte Hofer noch nicht nennen.

Die derzeitige Lage: Auf rund 88 Kilometern zwischen Melk und Oed in Nieder- sowie auf 32 Kilometern zwischen Haid und Sattledt in Oberösterreich wurde die höchstzulässige Geschwindigkeit um zehn km/h angehoben. Das neue Tempolimit gilt seit mehr als drei Monaten für beide Fahrtrichtungen. Verkehrsschilder markieren Beginn und Ende des "140ers".

Das Pilotprojekt soll insgesamt ein Jahr dauern und wird von der Asfinag mit Vorher-Nachher-Messungen begleitet. Auf Basis der Vergleichswerte will das Verkehrsministerium im August 2019 entscheiden, ob Tempo 140 beibehalten und ausgeweitet wird.

Ob bei 14 km/h Schluss sei? Hofer betonte, dass er nicht vorhabe, auf 150 oder gar 160 km/h hinaufzugehen. "140 bilden die Realität ab", wiederholte er.

Quelle: SN, Apa

Aufgerufen am 19.10.2019 um 06:56 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/tempo-140-verkehrsminister-hofer-will-nach-zwischenbilanz-weitere-teststrecken-60915151

Kommentare

Schlagzeilen