Österreich

Trotz Ausgangsbeschränkung: Schneeschuhwanderer brachte Retter in Gefahr

Die Bergrettung rät dringend von alpinen Touren ab. Trotzdem brach ein 16-jähriger Kärntner zu einer Schneeschuhtour auf und geriet in Not. Die Freiwilligen retteten ihn und brachten sich aufgrund des Coronavirus selbst in Gefahr. Denn es gab keine Schutzmasken für die Retter.

Die Stimme von Michael Unterlerchner, Ortsstellenleiter der Bergrettung Spittal an der Drau/Stockenboi, stockt kurz, als er die Frage hört: "Haben die Bergretter bei dem Einsatz Schutzmasken getragen?" Pause. "Nein, weil einfach alles zu schnell ging", sagt Unterlerchner.

Wie die SN berichteten, unternehmen trotz Ausgangsbeschränkungen im Zuge der Coronakrise immer wieder Menschen Skitouren und Schneeschuhwanderungen in Österreich. Darum sind alle 12.800 freiwilligen Bergretter angehalten, dringend Schutzmasken und Handschuhe bei Einsätzen zu tragen. Doch die Materialien fehlen vielerorts schlechthin, wie der Einsatz am Dienstag in Kärnten gezeigt hat.

Was war passiert? Die Bergrettungen Spittal an der Drau und Villach wurden am Dienstagabend in Alarmbereitschaft versetzt, nachdem ein 16-jähriger Kärntner nach einer Schneeschuhwanderung nicht nach Hause zurückgekehrt war. Der Bursche hatte sich zuvor allein in Richtung des 2218 Meter hohen Gipfels des Staff in der Latschur-Gruppe in den Gailtaler Alpen aufgemacht. Beim Abstieg geriet er in immer steiler werdendes und felsdurchsetztes Gelände und verständigte schließlich seinen Vater, der die Rettungskette in Gang setzte.

"Wir wussten, dass der 16-Jährige unverletzt war und er lediglich eine sichere Begleitung ins Tal gebraucht hat", sagt Unterlerchner. Darum wurde auch nicht das Rote Kreuz verständigt. Ein entscheidender Nachteil für die Eigensicherung der freiwilligen Bergretter. Denn in Kärnten gibt es eine Übereinkunft zwischen dem Roten Kreuz und der Bergrettung. "Es verfügt nicht jede Ortsstelle über Masken. Darum hat die Kärntner Bergrettung eine Vereinbarung mit dem Roten Kreuz getroffen, dass die notwendigen Utensilien aus dem Rettungswagen des Roten Kreuzes ausgefasst werden können", erklärte der Landesleiter der Bergrettung Kärnten, Otmar Striednig, erst kürzlich in einem SN-Gespräch.

Doch wo kein Rotes Kreuz, da keine Masken für die Retter. "Wir haben versucht, einen Sicherheitsabstand von zwei Metern zu dem 16-Jährigen einzuhalten, bei der Anfahrt zum Einsatz nicht zu viele Kameraden gemeinsam in die Autos zu setzen und alle Hygienemaßnahmen getroffen", sagt Unterlerchner. Nachsatz: "Aber der Fall hat gezeigt, dass Theorie und Praxis auseinanderklaffen."

Was sich auch bei der Zahl der im Einsatz befindlichen Retter gezeigt hat. Zwar gibt es bergrettungsintern den Hinweis, dass "die Mannschaftsgröße so gering wie möglich zu halten ist", doch in der Praxis standen am Dienstag 14 Bergretter aus Villach und 16 aus Spittal im Einsatz. Alles, weil ein Bursche trotz Ausgangsbeschränkungen eine Schneeschuhtour unternommen hatte und ihm die Bergretter zur Hilfe eilten. Unterlerchner: "Darum rufen wir die Leute nochmals auf: Bleibt daheim. Es wird in der Zukunft wieder schönes Wetter geben. Wir wären aktuell auch lieber privat auf den Bergen. Aber wir müssen momentan zuerst an unsere Mitmenschen und an die Gesundheit von uns allen denken."

Vonseiten der Polizei wird geprüft, ob eine Anzeige gegen den 16-Jährigen erfolgt. Rainer Dionisio, Polizeisprecher in Kärnten: "Wir können den Menschen nur sagen: Es ist nicht die Zeit, um Grenzen auszuloten. Wenn jemand Sport macht und einen Unfall hat, muss er sich bewusst sein, dass er die Retter und durch das Virus auch ihr privates Umfeld in Gefahr bringt."

Aufgerufen am 23.01.2021 um 06:33 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/trotz-ausgangsbeschraenkung-schneeschuhwanderer-brachte-retter-in-gefahr-85033630

Kommentare

Schlagzeilen