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US-Krimiautorin Tess Gerritsen erforscht die dunklen Seiten

Tess Gerristen ist mit Millionenauflagen ein Star unter den Krimiautorinnen. Die TV-Version ihrer Romanserie um Kriminalbeamtin Jane Rizzoli und Pathologin Maura Isles schaffte sieben Staffeln mit insgesamt 107 Folgen. "Mutterherz" heißt der aktuelle und vermutlich definitiv letzte Band der Reihe, den die 69-Jährige nun in Wien vorstellte. "Ich erforsche die dunklen Seiten, aber das beeinflusst meine Stimmung nicht", sagte sie im APA-Interview. "Ich schlafe sehr gut."

Bestsellerautorin Tess Gerritsen beendet ihre Erfolgsserie SN/APA/ROBERT JAEGER
Bestsellerautorin Tess Gerritsen beendet ihre Erfolgsserie

Es sei für sie "ganz normal", sich das Schlimmste vorzustellen, was einem widerfahren könne, und über solche Situationen weiter nachzudenken, betonte die US-Autorin. "Ich glaube, ich bin seit meiner Kindheit einfach daran gewöhnt." Dem Magazin "Stern Crime" verriet Gerritsen neulich, sie habe in ihrer Jugend erfahren müssen, dass ihr geliebter Onkel ein Mörder ist. Ob Menschen das sind, was sie zu sein scheinen, sei zu einem Grundthema in ihrer Arbeit geworden. "Was interessiert uns an einer guten Story? Nicht das Verbrechen an sich, sondern, was die handelnden Personen denken und fühlen. Die emotionelle Ebene der Charaktere fesselt uns", führte sie gegenüber der APA weiter aus.

Über die Faszination des Genres meinte Gerritsen: "Frauen wollen nur solche Krimis lesen, in denen Frauen die Opfer sind. Das habe ich vor langer Zeit schon herausgefunden. Männliche Opfern gehen ihnen nicht so nahe. Ich glaube also, wenn wir diese Bücher lesen, identifizieren wir uns mit den Opfern. Wir üben quasi, wie wir selbst aus einer Situation kommen könnten, in der sich die fiktiven Charaktere befinden. Das macht die Geschichte interessant. Krimis helfen uns bei der Auseinandersetzung mit unseren Ängsten. Und nicht zuletzt ermöglichen es Krimis, Angst auf unterhaltsame Weise zu verspüren - wie bei einer Fahrt mit der Hochschaubahn."

Große Plots überlege sie sich nie, wenn sie mit dem Schreiben an einem Roman beginne, verriet Gerritsen. "Mutterherz" etwa sei gar nicht geplant gewesen. "Mit dem zwölften Band dachte ich, ich bin mit der Serie durch, dass ich genug von diesen Charakteren habe", lachte sie. "Aber dann begann ich die Stimme von Janes Mutter zu hören. Ich dachte mir: Was wäre, wenn sie etwas Verstörendes aus dem Fenster beobachtet." Detective Rizzoli nimmt die Wahrnehmungen ihrer Mutter zunächst nicht ernst. "Wenn wir älter werden, hören die Leute nicht mehr auf uns. Wir werden unsichtbar", so Gerritsen. "Wenn man die Stimme der Weisheit ignoriert, kann das schlimme Konsequenzen haben". Nachzulesen in "Mutterherz".

Tess Gerritson ist Meisterin der Spannung, sie baut geschickt Atmosphäre auf, zwingt mit Page-Turnern zum Weiterlesen und überrascht bis zum Grande Finale - offenbar auch sich selbst. "Ich weiß zu Beginn nie, wie eine Geschichte endet", schmunzelte sie. "Meistens schreibe ich ein Drittel der Geschichte als Erstentwurf, erst dann merke ich, in welche Richtung sie geht. Während ich schreibe, lerne und erfahre ich mehr über die Charaktere. Meine ersten Entwürfe sind wie Skelette, sie haben kein Fleisch. Sobald ich mehr über die Charaktere weiß, kann ich an den Anfang zurückkehren und das Fleisch hinzufügen." Bis zum fertigen Buch benötige es "sechs oder sieben Entwürfe".

Zwangsläufig stellt sich die Frage, wie Gerritsen über die TV-Serie "Rizzoli & Isles" denkt: "Als Autorin will man immer die eigene Vision auf dem Bildschirm oder auf der Leinwand sehen. So arbeitet Hollywood aber nicht. Der Erfolg der Serie hängt zu einem großen Teil von den Schauspielerinnen ab. Rizzoli und Isles sind in der Serie so hübsch - in meinen Büchern sind sie das nicht."

Auf Twitter retweetet Gerritsen manchmal Künstlerinnen und Künstler, die klare politische Meinungen haben. Sie sei "aber sehr vorsichtig": "Wenn ich meine Meinung offen twittern würde, wäre ich bestimmt einen Teil meiner Leserschaft los. Aber ich gebe offen zu, dass ich von der Politik in Amerika sehr frustriert bin. Meine Romanfiguren haben ihr eigenen Ansichten. Diese versuche ich akkurat zu beschreiben, auch wenn ich diese selbst verachte. Man muss sich immer überlegen: Schreibe ich über mich oder über meine Charaktere? Das kann manchmal missverstanden werden."

Fans können sich über den demnächst erscheinenden Auftakt einer neuen Romanserie freuen. Nur so viel dürfe sie derzeit verraten, sagte Gerritsen: "Ich lebe in einer Kleinstadt in Maine. Nach der Übersiedlung eröffnete mein Ehemann dort ein Arztpraxis. Als er seine Patienten nach ihrem Beruf fragte, erhielt er mehrmals als Antwort, sie seien Regierungsbeamte in Pension, mehr dürfen sie nicht sagen. Unser Makler hat uns aufgeklärt, dass wir von CIA-Agenten umzingelt sind. Da kam mir der Gedanke: Was machen CIA-Agenten im Ruhestand? Kommen sie zusammen und haben Cocktail-Partys? Was wäre, wenn einer von ihnen aus dem Ruhestand zurückkehren würde, weil etwas Schreckliches im Ort passiert ist."

(S E R V I C E - Tess Gerritsen: "Mutterherz", Deutsch von Andreas Jäger, Heyne Verlag, gebundene Ausgabe, 384 Seiten, 22,70 Euro)

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