Österreich

Verankerung der Täterarbeit als Gewaltschutz gefordert

Analog zur Betreuung von Gewaltopfern sollte die Täterarbeit als dritte Gewaltschutzsäule gesetzlich verankert - und damit auch finanziell entsprechend dotiert - werden. Diese Forderung hat der Psychotherapeut Alexander Haydn von der Männerberatung Wien am Mittwoch im Gespräch mit der APA erhoben. "Wir bekommen nur Förderung", sagte Haydn.

Symbolbild SN/robert ratzer
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"Ein Mann wird (nach einem Fall häuslicher Gewalt, Anm.) weggewiesen, aus dem geregelten Lebensumfeld gerissen und man macht mit dem nichts", schilderte der Experte die Problemstellung. Wichtig wäre jedoch ein möglichst früher Zugang zu den Tätern. "Oft kommen die Männer erst zehn Monate nach der Tat zu uns." An viele wichtige Details des Falles könnten sie sich dann nicht mehr erinnern.

Die Männerberatung Wien gibt es bereits seit 1984 als erste derartige Organisation in Österreich und darüber hinaus. Sie wird ausschließlich vom Bund subventioniert. "Wir bekamen am 19. Dezember 2018 die Entscheidung über die Förderung für das Jahr, am 28. Dezember haben wir die Förderung erhalten", sagte Haydn. Eine gesetzliche Verankerung würde auch die Arbeit aus Budgetmitteln sicherstellen.

Für die Täterarbeit stehen pro Jahr in Österreich 500.000 Euro "nach dem Gießkannenprinzip" zur Verfügung, erläuterte der Psychotherapeut. Damit sollen rund 9.000 Betretungsverbote jährlich abgedeckt werden. Zum Vergleich: Für den gesamten Justizapparat mit Justizanstalten, Justizwache usw. sind pro Jahr rund 450 Millionen Euro veranschlagt. "Bei uns werden 160 Männer in Anti-Gewalt-Trainings betreut", sagte Haydn. Das seien rund fünf Prozent der in Wien jedes Jahr weggewiesenen Täter.

Dabei ist ein Anti-Gewalt-Training ein intensiver und auch langwieriger Prozess, beginnend bei der Aufnahme in eine Trainingsgruppe. Normalerweise kommen Täter häuslicher Gewalt auf drei Arten zur Männerberatung: entweder über das Gericht, das eine bedingte Haftstrafe und eine Weisung für ein Anti-Gewalt-Training verhängt, über die Jugendwohlfahrt, die bei einer Gefährdung des Kindeswohls einschreitet und ein Anti-Gewalt-Training empfiehlt - mit der unterschwelligen Drohung, dass im Wiederholungsfall die Kinder abgenommen werden -, oder als "bedingt Freiwillige", denen die Frau sagt, dass sie 'beim nächsten Mal weg' ist, wenn sie noch einmal geschlagen wird, oder denen ein Verwandter bzw. Bekannter empfiehlt, etwas gegen ihr Gewaltproblem zu tun. "Dass ein Mann von selbst kommt und sagt: 'Bitte helft mir, ich habe ein Problem', das ist der Einzelfall."

Wenn sich ein Gewalttäter an die Männerberatung wendet, wird zuerst geklärt, ob er überhaupt für die Arbeit in einer Anti-Gewalt-Trainingsgruppe geeignet ist. Zuerst wird er bei einem Erstgespräch informiert, und er muss die Datenfreigabe erteilen. Dies ist notwendig, weil die Männerberatung mit den Opferschutzzentren - Interventionsstellen bzw. in den Bundesländern Gewaltschutzzentren - eng zusammenarbeitet. Es folgt eine achtwöchige "Clearing-Phase", bei denen verschiedene Tests am Kandidaten durchgeführt werden, etwa psychologische Tests, die Abklärung einer allfälligen Alkoholsucht oder auch Untersuchungen zum Gefahrenpotenzial des Kandidaten.

Nach der entsprechenden Rückmeldung des betreuenden Psychologen kommt der Kandidat in eine Clearinggruppe. Unterdessen wird Kontakt mit dem Opferschutzzentrum aufgenommen. Die Person, die der gewalttätigen Aktion ausgesetzt war - also meist die Frau -, bekommt einen analogen Fragebogen. "Wenn der Mann gefragt wurde, wie oft er seine Frau in einem bestimmten Zeitraum geschlagen hatte, wird sie gefragt, wie oft sie geschlagen wurde. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist da meist sehr hoch", erläuterte Haydn. Die Arbeit der Männerberatung sei immer vernetzt.

Wenn der Mann dieses Prozedere durchlaufen hat und kein Ausschließungsgrund vorliegt, kommt er in eine Trainingsgruppe. Ausschließungsgründe wären zum Beispiel psychische Erkrankungen oder Alkoholsucht. Die Trainingsgruppen haben zwei Leiter - immer eine Frau und ein Mann - und acht bis zwölf Teilnehmer. Es gibt 32 Sitzungen, eine wöchentlich, in einem modularen System. Ein Training dauert mindestens acht Monate, gelehrt werden vier wesentliche Inhalte: Verantwortungsübernahme ("Es lag an mir"), "Anger Management" (Impulskontrolle), Biografie - das Erkennen eines signifikanten Zusammenhangs zwischen eigenen gewalttätigen Kindheitserlebnissen und dem nunmehrigen Verhalten - sowie Kommunikation - also das eigene Kommunikationsverhalten und das Erlernen gewaltfreier Kommunikationsstrategien.

Die Gefahr, dass Täter, die von Gerichten zugewiesen werden, nur kommen, um sich quasi einen "Persilschein" für die Zukunft zu holen, sah Haydn nur am Anfang: "Das Training ist sehr intensiv. Viele verlängern am Ende freiwillig das Training", schilderte der Experte. Zusätzlich zu den Sitzungen bekommen die Gruppenmitglieder Hausaufgaben.

Die Männerberatung sei aber nicht nur Täterberatung, betonte Haydn. Das Angebot sei sehr umfangreich. Ein Beispiel: Die Männerberatung bietet auch Prozessbegleitung für männliche Opfer sexuellen Missbrauchs.

Quelle: APA

Aufgerufen am 19.08.2019 um 11:59 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/verankerung-der-taeterarbeit-als-gewaltschutz-gefordert-64222513

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