Stadträtin Anja Hagenauer: Den Frühling und Sommer einfangen

Die Salzburger Stadträtin Anja Hagenauer (SPÖ) versucht, sich drei Wochen lang überwiegend aus ihrem Schrebergarten zu ernähren. Wie schwierig das ist und wie sie die Gartendiät in ihrem politischen Alltag integrieren kann, berichtet sie hier im Ernährungstagebuch.

3 Wochen Gartendiät Anja Hagenauer
Steckbrief Anja Hagenauer
Alter 52
Wohnort Stadt Salzburg
Beruf Stadträtin für Soziales und Wohnen
Hobbys Gartenarbeit, Natur, Lesen und Reisen
Lieblingsessen Der Knödel in all seinen Darreichungsformen
Neue Ernährungsform Gartendiät

Ernährungstagebuch: Den Duft der warmen Jahreszeit einkochen

4. Juni 2022: Schon am Beginn der warmen Jahreszeit denke ich an den kalten dunklen Winter. Um mir dann etwas Gutes tun zu können, beginne ich jetzt den Frühling und Sommer in Gläsern und Vorratsdosen einzufangen. Eine meiner Lieblingspflanzen um diese Zeit ist der Holunder. Wenn er blüht, umgibt ihn eine Duftwolke. Sie müssen unbedingt über den Mönchsberg spazieren, es begleitet Sie der unwiderstehliche Duft vom Nonntal bis nach Mülln. Am besten fängt man den Duft im Sirup ein, aber auch einen Essig anzusetzen zahlt sich aus. Im Winter verfeinert der Holunderblütenessig jeden Salat und schenkt Frühlingsgefühl. Und Marmelade einkochen nicht zu vergessen, heuer habe ich erstmals Rhabarbarmarmelade probiert, ich bin zufrieden. Meine liebste Marmelade mache ich erst im September. Aus Äpfeln. Das habe ich von einer lieben türkischen Freundin gelernt. Einfach Äpfel in kleine Stücke schneiden und in einen Topf geben. Dann so viel Zucker darübergeben, dass die Früchte bedeckt sind. Deckel drauf und mindestens 24 Stunden stehen lassen. Zitronenscheiben, Nelken und eine Zimtstange dazu, etwa 15 Minuten kochen und heiß in saubere Gläser füllen. Sie werden es lieben. Mit einfachen Mitteln zubereitet tut uns Ernährung aus der Natur und dem Garten einfach gut. Dem Körper und der Seele. Danke, dass Sie mich vier Wochen durch den Garten begleitet haben, Ihnen von Herzen alles Gute.

Der Teller blüht in allen Farben

28. Mai 2022: Nach zwei Wochen Garten-Diät fühle ich mich richtig fit für den Sommer. All die frischen Wiesenkräuter tragen zum Wohlbefinden bei: Löwenzahn, Gundelrebe, Nachtkerze, Gänseblümchen, Frauenmantel und Giersch. Aber jetzt kommt erst die beste Zeit. Im Garten beginnt es reichlich zu blühen. Viele Blumen machen sich in Beet und Vase besonders schön. Aber bis in den September hinein wandern auch viele Blüten ins Essen, so wie die Malve, die Kapuzinerkresse, das Löwenmäulchen und die Ringelblume.

Eine Blüte hat es mir besonders angetan, die der Taglilie. Sie ist wunderschön, hat sechs Blütenblätter, die sich elegant nach außen verbiegen. In Gelb, Orange und Rot gibt sie dem Garten Farbtupfer, aber auch den verschiedensten einfachen Speisen. Wie der Name schon sagt, blüht sie nur einen Tag. Also kann ich sie ohne schlechtes Gewissen am Abend ernten. Wichtig ist, die Staubfäden herauszubrechen und jede Blüte kurz zu schütteln, gerne verirrt sich die eine oder andere Ameise in die Blüte. Die Taglilie ist besonders knackig und hat eine feine Nussnote. Am liebsten habe ich sie am Butterbrot oder im Salat. Manche füllen sie mit Kräutertopfen oder Frischkäse und reichen sie als Vorspeise.

Trauen Sie sich einfach ein bisschen mehr Farbe auf den Teller zu bringen, es ist gesund und hebt die Stimmung. Und Kinder haben besonders viel Freude, Blüten zu naschen, weil es doch etwas Ungewöhnliches ist und sie damit auch Mut beweisen.

Vom Blatt bis zur Wurzel

21. Mai 2022: Ich gebe es zu, erst seit einigen Jahren traue ich mich an alle essbaren Teile einer Pflanze. Davor war klar, nur ein bestimmter Pflanzenteil kommt auf den Teller. Nehmen wir als Beispiel Radieschen und Brokkoli. Beim Radieschen ist es die Rübe, beim Brokkoli der Kopf, der uns schmeckt. Über die Radieschenblätter, die Blätter des Brokkoli und den Strunk denken wir grundsätzlich nicht mal nach. Weil wir es nicht anders gewohnt sind. Dabei lassen sich diese Teile auch verwerten und genießen.

Der Schrebergarten hat mich gelehrt, Pflanzen wertzuschätzen und mich näher mit ihnen zu beschäftigen. Natürlich will ich, wenn ich Gemüse selbst anbaue, so wenig wie möglich "an den Kompost verfüttern". Das Projekt der Schweizerin Esther Kern "Leaf to Root" (zu Deutsch "Vom Blatt bis zur Wurzel") hat mich ermutigt, wenn möglich immer die ganze Pflanze zu verwerten. Und so landet jetzt im Mai das Radieschengrün im Suppentopf zusammen mit Zwiebeln und Erdäpfeln, was eine köstliche Suppe gibt. Das Gleiche gilt für die Blätter und den Strunk des Brokkoli: ab in den Suppentopf. Oder doch lieber ein Pesto daraus machen? Auf alle Fälle hole ich mir so den Geschmack des ganzen Gartens auf den Teller. Eines traue ich mich noch nicht: Bananenschalen. Aber wer weiß, ob ich mir nicht an einem kalten, dunklen Wintertag damit einmal in Bioqualität etwas Exotik und Sonne auf den Teller hole?

Die essbare Stadt, gesund und gut!

14. Mai 2022: Es ist Frühling. Geht es Ihnen genauso wie mir? Es treibt Sie nach draußen ins Grüne? Aber hoffentlich nicht nur zum Spazieren, sondern auch zum Essen. Denn es findet sich vor der Haustür viel Gutes und Gesundes. Probieren Sie es und beginnen Sie mit dem Löwenzahn. Er schmeckt ein bisschen bitter. Aber das ist gut so. Aus vielen Pflanzen wurde der bittere Geschmack herausgezüchtet. Das ist schade, denn die Bitterstoffe sind gesund. Holen wir sie uns zurück auf den Teller und pflücken wir den Löwenzahn, der überall wächst.

Unsere Leber, ja, der ganze Verdauungstrakt wird es uns danken. Am einfachsten ist es, die frischen jungen Blätter in den Salat zu geben. Und weil ja auch das Auge mitisst, gehören ein paar leuchtend gelbe Löwenzahnblüten dazu. Blüte, Blätter und Wurzel, alles ist essbar. Und das ist wunderbar. Denn wir vergessen zu oft, was es alles gibt, das nicht im Supermarkt zu kaufen ist und dazu noch frei verfügbar. Darum treibt mich seit vielen Jahren das Thema essbare Stadt um.

Meine ganz normale Ernährung ergänze ich, wo es geht, mit Pflanzen, die ich im Garten oder im Wald oder beim Spaziergang über den Mönchsberg pflücke. Und mein großer Wunsch ist es, dass wir in Salzburg viele Menschen dafür begeistern, ihr Essen nicht nur aus dem Supermarkt zu holen. Machen wir unsere Stadt essbar. Für eine gesunde Ernährung und für mehr Mut, sich wieder mit der nahen Umwelt zu beschäftigen.


Hinweis von Diätologin Stefanie Bart:

Die persönlichen Erfahrungen von Stadträtin Anja Hagenauer sind nicht als generelle Empfehlung für eine Ernährung aus dem Gemüsebeet zu lesen. Bei der "Garden Diet" fehlen ähnlich wie bei der veganen Ernährung ohne die Zufuhr entsprechender Alternativen, die in tierischen Lebensmitteln enthaltenen Nährstoffe. Die Einnahme eines Vitamin B-12 Präparates ist empfehlenswert. Ebenso gelten Vitamin D und Omega-3-FS als kritische Nährstoffe, die substituiert werden sollten. Zudem werden dem Körper bei der Gartendiät zu wenige Ballaststoffe aus Getreide zugeführt, was sich negativ auf die Darmflora und die Hormonsynthese auswirken kann. Die Versorgung mit Nährstoffen sollte regelmäßig vom Arzt überprüft werden.

Diätologin Stefanie Bart. Kontaktdaten: www.stefanie-bart.at. SN/privat/weissbild
Diätologin Stefanie Bart. Kontaktdaten: www.stefanie-bart.at.

Aufgerufen am 04.07.2022 um 07:37 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/video-3-wochen-gartendiaet-stadtraetin-anja-hagenauer-den-fruehling-und-sommer-einfangen-120762229

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