Österreich

Natascha Kampusch: "Nur durch Neid kann sich Hass festsetzen"

Diskriminierung im Internet ist Natascha Kampusch ein Dorn im Auge. Auch sie ist immer wieder mit Hassbotschaften konfrontiert.

Natascha Kampusch wurde 1998 im Alter von zehn Jahren entführt. 2006 gelang ihr die Flucht. Das öffentliche Interesse an ihrer Person war riesig und ist weiterhin groß. Schon früh wurde die heute 31-Jährige Opfer von Hasskommentaren im Internet. In ihrem neuen Buch "Cyberneider" (Verlag Dachbuch) hat sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt - auf sehr persönliche Art und Weise.

Wie kamen Sie auf den Titel "Cyberneider"? Natascha Kampusch: Ich habe früher nie darüber nachgedacht, aber im Rahmen des Buchs und auch der Interviews kommt das so richtig raus: Nur durch Neid kann sich dieser hartnäckige Hass festsetzen.

Was war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben? Es hat sich alles immer mehr verdichtet. Am Anfang habe ich selbst diese Mobbingsituationen gehabt. Und dann habe ich auch einiges beobachtet und das war auch mitausschlaggebend, dass ich das Buch machen wollte.

Sie nutzen soziale Medien, wie geht es Ihnen dabei? Ich bin viel auf Twitter und auch auf Instagram. Aber besonders auf Twitter werden die harten Bandagen angelegt. Und auf Facebook gab es früh Anti-Natascha-Kampusch-Gruppen.

Wie gehen Sie damit um? Mittlerweile sehe ich es ganz gelassen. Aber es ist auch gefährlich. Manche Menschen werden vielleicht zu Stalkern oder zu Mobbern - auch im echten Leben. Und es gibt Leute, die nicht hassen, sondern das Gegenteil, und es ist schwierig, sie auf Abstand zu halten.

Wann reagieren Sie auf Hassposts und wann nicht? Es gibt Kommentare, bei denen ich mir denke: Nein, lass es lieber. Und dann antworten vielleicht andere darauf, die sagen: "Das war jetzt unnötig", und dann hat sich das Ganze auch erledigt. Schlimm ist es halt, wenn man darauf antwortet und die Person fühlt sich gesehen und schießt erst recht Hass zurück.

Werden Kommentare für Sie vorsortiert? Ja, auf meiner Website, in der Kommentarfunktion wird viel schon vorab entfernt. Ich bin dafür sehr dankbar, das muss ich wirklich nicht alles lesen.

Sind Sie schon rechtlich gegen Cyberneider vorgegangen? Ja, meine Anwälte durchforsten auch das Internet nach der widerrechtlichen Nutzung von Inhalten und Daten, aber auch Verunglimpfungen und Beleidigungen.

Sind Frauen stärker von Cybermobbing betroffen als Männer oder passiert es nur auf andere Weise? Ich habe das Gefühl, bei Frauen ist es stärker. Männer können sich besser schützen. Zu einem Hochschulprofessor sagt niemand: Oh, du siehst aber sexy aus in deinem Hemd. Einer Hochschulprofessorin passiert das schon - selbst wenn sie ganz hochgeschlossene Kleidung trägt. Zu Frauen sagt man: Ihr gehört vergewaltigt. Zu einem Mann sagt niemand: Du gehörst mal ordentlich in ein Bordell geschubst.

Sie schreiben, dass sich Hass im Netz auch auf das reale Leben auswirkt … Das tut es: Erstens für die Täter, denn was macht es mit einem Menschen, der den ganzen Tag im Internet ist und Hasspostings schreibt? Aber schlimmer ist es für die Opfer: Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und einen Internetauftritt benötigen, aber sich dann nicht mehr trauen, so rauszugehen, wie sie normalerweise angezogen sind, weil sie befürchten müssen, als Nutte beschimpft zu werden. Aber es kann auch Privatpersonen treffen, wie Teenager, die sich herunterhungern, weil jemand schreibt: "Du schaust auf dem Foto aber schon dick aus." Es kann auch in der Schule passieren. Deswegen ist mein Buch auch für Eltern geschrieben.

Was raten Sie Eltern? Eltern sollten sich informieren, wie es in der Schule läuft - aber nicht nach den Noten, sondern nach den Freunden. Früher haben die Eltern ja auch gesagt: "Du, ich hätte schon gern gewusst, mit wem du unterwegs bist, kennst du die Eltern?" Das sollte man auch auf die digitale Welt umlegen. Denn die Freundin im Internet könnte tatsächlich auch ein älterer Herr sein …

Welches Thema ist Ihnen in Ihrem Buch noch wichtig? Der Umweltgedanke und Greta Thunberg. Mir ist in den vergangenen Tagen aufgefallen, dass sie oft falsch verstanden wird im Netz und angefeindet wird. Viele, die sie kritisieren, wissen nichts von ihrem Asperger-Syndrom - und viele sind misstrauisch. Dabei sollte man eher den Konzernen gegenüber misstrauisch sein, die die Umwelt verschmutzen. Was kann Greta Thunberg schon für einen Schaden anrichten, wenn sie für die Umwelt plädiert?


Aufgerufen am 15.10.2019 um 12:15 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/video-natascha-kampusch-nur-durch-neid-kann-sich-hass-festsetzen-77380249

Kommentare

Schlagzeilen