Österreich

Wenn das Messer zur Tatwaffe wird

Früher flogen bei einem Streit die Fäuste, heute wird schnell zugestochen. Experten sprechen von einem Kulturwandel.

In Wullowitz erstach ein Asylbewerber aus Afghanistan einen Landwirt und verletzte einen Betreuer in einer Flüchtlingsunterkunft lebensgefährlich.  SN/apa
In Wullowitz erstach ein Asylbewerber aus Afghanistan einen Landwirt und verletzte einen Betreuer in einer Flüchtlingsunterkunft lebensgefährlich.

In Wullowitz (Bezirk Freistadt) erstach am Montag ein afghanischer Asylbewerber einen Landwirt und raubte dessen Auto. Zuvor hatte der Verdächtige einen Betreuer in einer Flüchtlingsunterkunft mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Am Mittwoch tagt dazu der Landessicherheitsrat in Linz. FPÖ-Landesparteiobmann LHStv. Manfred Haimbuchner hatte am Montag erklärt: "Wir brauchen einen Schulterschluss, um ganz klar das Signal auszusenden: Ihr seid hier nicht willkommen, wenn ihr euer vermeintliches Recht mit Gewalt und Messern durchsetzen wollt." Das Gremium solle darüber beraten, "wie wir die Sicherheit gewährleisten und derartige Übergriffe mit Messergewalt verhindern können."

Angriffe mit Messern, haben sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Laut Kriminalstatistik der Polizei wurden im Vorjahr 2249 Gewaltdelikte mit einem Messer verübt. Seit der großen Migrationswelle im Jahr 2015 mit damals 2321 Messerangriffen sind die Angriffe zwar leicht zurückgegangen. Im Zehnjahresvergleich ist die Verdreifachung der Zahlen aber offensichtlich: So wurden im Jahr 2009 noch 767 Straftaten mit Stichwaffen registriert.

Oberösterreichs Landespolizeidirektor Andreas Pilsl sagte am Dienstag in einer Pressekonferenz: Die Delikte mit Messern seien rückläufig - allerdings ausgehend von einem hohen Niveau. Der Mord in Wullowitz sei heuer das "erste vollendete Tötungsdelikt in Oberösterreich" gewesen, allerdings habe es heuer schon mehrere Stichverletzungen gegeben. Doch jedes Delikt sei eines zuviel. Am 1. November werde etwa in der Linzer Altstadt eine Waffenverbotszone eingerichtet.

Was sich jedenfalls verändert hat, ist die Intensität der Auseinandersetzungen und folglich auch der Verletzungen. Kürzlich sagte die Wiener Psychiaterin Sigrun Roßmanith den SN: "Die Taten werden immer motivloser. Das Messer ist gewissermaßen der verlängerte Arm." Für die Expertin ist ein Kulturwandel im Gange. "Vor zehn Jahren wurde das Messer noch als Nutzwerkzeug mitgeführt, heute dient es als Waffe und zur Selbstverteidigung." Roßmanith führte weiter aus: "Was in den sozialen Medien als Hassposting läuft, findet auf der Straße als Vergeltungsangriff statt. Die Menschen sind intolerant geworden und geben ihren negativen Gefühlen sofort freien Lauf." Die Gesellschaft habe einen konstruktiven Umgang mit Aggression und negativen Emotionen verlernt. Zusätzlich mangle es auch an Respekt.

Der Psychiaterin komme das Messer häufig "nach Verletzung der Ehre oder Demütigung zum Einsatz". Nach einer narzisstischen Kränkung, beispielsweise einem Ehebruch, koche die Wut über, erklärt Roßmanith. In manchen Kulturen werde quasi fast selbstverständlich die Ehre mit dem Messer verteidigt. Laut Polizei sollen Türken, Afghanen, Serben oder Tschetschenen Stichwaffen schnell zur Hand haben. Aber nicht nur Männer greifen bei Auseinandersetzungen in den eigenen vier Wänden immer öfter zum Messer, auch Frauen machen häufiger Gebrauch von der Gelegenheitswaffe.

Quelle: SN

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