Österreich

Wir essen zu viel Fleisch

Tierleid, Zivilisationskrankheiten, Klimaerwärmung: Die Folgen des weltweit steigenden Fleischverbrauchs sind gravierend.Ethiker und Philosophen fordern ein radikales Umdenken.

"Aber nichts kann uns rühren, nicht die blühende Farbe, nicht die einschmeichelnde melodische Stimme, nicht die Reinlichkeit ihrer Lebensweise, nicht die außerordentliche Klugheit der armen Geschöpfe. Nein, für ein kleines Stückchen Fleisch rauben wir ihnen Sonne und Licht, die Lebenszeit, für die sie doch geboren und geschaffen sind."

Die Worte stammen von Plutarch. Er hat sie vor rund 1900 Jahren niedergeschrieben. Der griechische Schriftsteller und Vordenker, der sich viel den Kopf zerbrach über Fragen der Moral, kritisierte seine Zeitgenossen wegen deren achtlosen Umgangs mit den Mitgeschöpfen. "Es ist einfach empörend, die Tafel reicher Leute zu sehen - mit Leichenteilen, angerichtet von Fleischern und Köchen. Aber noch empörender ist es zu sehen, wie alles wieder abgetragen wird. Es bleibt nämlich mehr übrig als gegessen wurde. So viele Tiere sind umsonst getötet worden."

Was hat sich verändert, seit Plutarch den gedankenlosen Umgang seiner Zeitgenossen mit Tierfleisch kritisiert hat?

Tierphilosoph: "Eine Wohlstandsverwahrlosung"

Nicht viel, wie es scheint - außer dass noch viel mehr konsumiert und weggeworfen wird als in der Antike. "Menschen haben nicht von jeher in diesen rücksichtslosen Massen Fleisch verzehrt und verschwendet, wie wir das heute tun", sagt der Schweizer Tierphilosoph Markus Wild. "Das ist eine Wohlstandsverwahrlosung, kein natürliches Verhalten."

Der Massenkonsum von Fleisch wurde möglich durch die Massenhaltung von Tieren: Schweine, die auf engstem Raum dahin vegetieren; männliche Küken, die gleich nach der Geburt vergast werden; quälende Transporte von Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden, Geflügel quer durch Europa bis nach Afrika oder in den Nahen Osten. Wir kennen die Bilder von durstigen Kälbern, die ihre Zungen aus den Luken der Transporter strecken und von Schweinen, die tot am Boden der Transporter liegen. Wir sind kurz empört. Und freuen uns am nächsten Tag über das extra große Aktions-Schnitzel im Möbelhaus zum Preis von 3,90 Euro. Wie sagte schon Bertolt Brecht: "Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral!"

Menschen sind Omnivoren, also Allesfresser. Fleisch gehörte schon immer zu unserem Speiseplan. Vor vier Millionen Jahren vertilgten unsere Vorfahren Aasfleisch, vor zwei Millionen Jahren ging der Homo erectus dann aktiv zur Jagd. Allerdings: Das Jagen war anstrengend, es verbrauchte viel Energie. Deshalb aßen die Urmenschen vor allem Früchte, Blätter, Knollen, Pilze, Beeren, Nüsse, Insektenlarven, Fisch.

Erst der vermehrte Verzehr von Fleisch habe das Wachstum unseres Gehirns ermöglicht, lautet eine Forschungsthese. Fleischnahrung war demnach Teil der Erfolgsgeschichte des Menschen. Die Fleischindustrie wird auch nicht müde, zu betonen, dass Fleisch ein äußerst wertvoller Lieferant biologisch hochwertiger Nährstoffe wie Eiweiß, Eisen, Zink, Selen und Vitaminen sei.

Den Österreichern muss man das nicht zwei Mal sagen. Im Schnitt isst jeder Österreicher im Jahr mehr als 60 Kilo Fleisch. Damit liegt Österreich in der EU auf Platz 3. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande in den vergangenen Jahren leicht gesunken. Umso mehr steigt die weltweite Nachfrage - sie wird laut Schätzungen von derzeit 330 Millionen Tonnen auf über 450 Millionen Tonnen im Jahr 2050 ansteigen.

Fleisch war früher immer ein Luxuslebensmittel

Über Millionen Jahre war Fleisch die Krönung des Speiseplans, ein Luxuslebensmittel. In den vergangenen Jahrzehnten erst machte die Fleischindustrie daraus ein erschwingliches Produkt für den täglichen Konsum. Billiges Fleisch, das täglich verfügbar ist - Fleischfreunde mag das freuen. Aber ist es ethisch vertretbar?

Bei Experten, die sich mit dieser Frage beschäftigen, gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Manche lehnen den Fleischkonsum prinzipiell ab, andere sind für einen pragmatischen Zugang. "Wenn man das einzelne Tier sieht und seine Bedürfnisse und Rechte, muss man jedenfalls gute Gründe haben, warum man ein Tier töten will", sagt Michael Rosenberger, Professor für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz mit dem Schwerpunkt Tierethik. Solche Gründe gebe es - allerdings mit Einschränkungen. "Ich glaube schon, dass es in Grenzen verantwortbar ist, Tiere zu töten und Fleisch zu essen, weil wir noch kein landwirtschaftliches System entwickelt haben, in dem wir ohne Tiere auskommen."

Tierschützer, Tierethiker, Tierphilosophen führen als Argument das bewusste Empfinden und die Leidensfähigkeit von Tieren ins Treffen. Es gebe genug wissenschaftliche Nachweise dafür, dass Säugetiere, Fische, Vögel Schmerzen empfänden. Deshalb müsse man diese Tiere entsprechend gut behandeln.

Dass Tiere Angst empfinden können und unter Schmerzen leiden, spielt in der industriellen Fleischproduktion aber keine Rolle. Und wir Konsumenten verdrängen das Tierleid tunlichst, wenn wir im Supermarkt vor dem Regal mit der Wurst und dem Faschiertem stehen, das gerade zum Aktionspreis angeboten wird. Niemals kämen wir auf die Idee, unsere Dackel oder Golden Retriever in einem Massenstall auf engstem Raum auf Vollspaltenböden hausen zu lassen, sie hochzuzüchten und dann bedenkenlos zu verspeisen. Mit Schweinen machen wir genau das. Dabei sind sich gerade Hund und Schwein in vielem ähnlich. "Beide sind intelligente Tiere, sie sind soziale Säugetiere, sie empfinden Angst und Stress", sagt die Evolutionsbiologin Sylvia Kirchengast von der Universität Wien. "Schweine merken es auch, wenn es einem Artgenossen schlecht geht. Wenn sie zum Schlachthof gebracht werden, versuchen sie auszubrechen." Auch Tierethiker Herwig Grimm von der Veterinärmedizinischen Universität Wien betont, was die Empfindungsfähigkeit betreffe, seien die Unterschiede zwischen Schwein, Hund und Katze, Huhn oder auch Fisch marginal. "Ich sehe keine Grund anzunehmen, dass Fische nicht empfindungsfähig sein sollten."

Experten-Tipp: Pro Woche nur drei Portionen Fleisch

Es sind nicht nur moralische Gründe, die gegen den übermäßigen Fleischkonsum sprechen. Zu viel Fleisch schadet auch der Gesundheit, mögliche Folgewirkungen sind Herz- und Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, steigendes Darm- und Magenkrebsrisiko. Nicht umsonst raten Ärzte, Maß zu halten. Die offiziellen Ernährungsempfehlungen der "Österreichischen Ernährungspyramide" lauten: pro Woche maximal drei Portionen fettarmes Fleisch oder fettarme Wurst, ein bis zwei Portionen Fisch, maximal drei Eier.

Nicht zu vergessen: Der zunehmende Fleischkonsum schadet dem Planeten. Nutztiere müssen gefüttert werden. Dafür importiert allein Österreich jährlich hunderttausende Tonnen Soja. Um dieses Soja anzubauen, wird Regenwald abgeholzt - was bedeutet, dass noch mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt und das Klima anheizt. Dazu kommen die Emissionen bei den Tiertransporten und der Ausstoß des Treibhausgases Methan durch Wiederkäuer.

Ein Umdenken fordern auch immer mehr Landwirte. "Die Vorschriften gehören wesentlich verschärft", sagt Hannes Hönegger, der in Lessach im Lungau mit einigen Mitstreitern einen gewerblichen Bioschlachthof aufgebaut hat. Zur Schlachtung kommen nur Biorinder aus der Region, damit die Transportwege kurz sind. Und jedes Rind kommt einzeln in den Schlachtraum, sodass kein Stress ausbricht. Das nützt nicht nur dem Tier, das Beispiel zeigt auch, dass es wirtschaftlich funktioniert: "Wir haben innerhalb von zwei Monaten 19 Arbeitsplätze geschaffen", sagt Hönegger.

Menschen sollen mehr Hülsenfrüchte und Obst essen

Freilich muss der Konsument mitspielen. Wenn die Kunden den Fleischkonsum auf ein Viertel reduzieren würden, könnten sie mehr für das Fleisch bezahlen und die Bauern könnten die Tiere besser halten, sagt Moralphilosoph Rosenberger. Fleisch müsse, wie früher, von einem Massen- zu einem Luxusgut werden, sagt Tierphilosoph Wild. "Oder wir sollten auf intensiv gehaltene Tiere wie Hühner und Schweine ganz verzichten und nur noch jene Rinder zulassen, die wir zu Erhaltung des Weidelandes unbedingt brauchen. Oder das Fleisch nur noch über die Jagd gewinnen und diese strengen Kontrollen unterwerfen." Auch eine lokale Fischproduktion wäre eine Alternative. "Alle diese Vorschläge führen zu einer massiven Verteuerung von Fleisch, und das ist auch gut so." Die Menschen hätten genug Geld. Es werde nur falsch investiert. "Wir geben immer weniger für das Essen, aber immer mehr für Reisen, Unterhaltung und Elektronik aus."

Das klingt im ersten Moment radikal. Doch immer mehr Experten fordern ein radikales Umdenken. Die Menschheit müsse die Essgewohnheiten von Grund auf ändern, um katastrophale Schäden für die Erde zu vermeiden, so der Tenor eines aktuellen Expertenberichts der EAT-Lancet-Kommission. Demnach sollten pro Tag maximal 35 Gramm an rotem Fleisch konsumiert und mehr Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse gegessen werden.

Ob die Menschen ihren Speiseplan irgendwann derart umstellen, ist fraglich. Tierphilosoph Wild ist sich immerhin in einem Punkt sicher - wie kommende Generationen über uns urteilen werden: "Rückblickend wird man auf unseren Umgang mit Tieren ebenso fassungslos zurückblicken wie wir heute auf die Hexenverbrennung."

Wertvoll wie ein kleines Steak?

Aminosäuren sind natürliche Kraftwerke.

Aminosäuren SN/Design Cells - stock.adobe.com
Aminosäuren

Aminosäuren sind Bausteine unserer Eiweißstoffe oder auch Proteine (Bild). Wir benötigen sie für wichtige Körperfunktionen wie Wachstum oder für den Aufbau von Muskeln und Gewebe. Je ähnlicher ein Eiweiß aus der Nahrung dem körpereigenen Eiweiß ist, desto besser eignet es sich als Aufbaumaterial. Es gibt acht wichtige (oder essenzielle) Aminosäuren, die der menschliche Körper nicht selbst herstellen kann. Er muss sie über die Nahrung aufnehmen. Sie stecken unter anderem in Fisch, Fleisch, Käse, Ei, aber auch in Soja. Die aufgenommenen Proteine werden im Körper chemisch zerlegt und neu zusammengestellt.

Welches Fleisch ist besonders gesund?

Welches Fleisch? SN/pixabay
Welches Fleisch?

Fleisch kann vom Körper gut verwertet werden. Neben Wasser besteht Muskelfleisch mit ungefähr 22 Prozent hauptsächlich aus Eiweiß. Zusätzlich enthält Fleisch Vitamin B, A und D sowie Mineralstoffe wie Eisen. Die von Ernährungswissenschaftern empfohlene Menge liegt bei 400 Gramm Fleisch pro Woche. Das "gesündeste" Fleisch gibt es nicht, auch wenn Ernährungswissenschafter Geflügel empfehlen. Es gibt allerdings gesunde, weil weniger fette Zubereitungsmethoden: im Wasser kochen oder dämpfen.

Der Fisch ist gesund für Herz und Gehirn.

Fisch ist gesund SN/Yeko Photo Studio - stock.adobe.
Fisch ist gesund

Eiweiß, Vitamin D, Vitamin B1, B5, B12, Jod, Omega-3-Fettsäuren und Selen sind alles Inhaltsstoffe im Fischfleisch. Vor allem von den Omega-3-Fettsäuren profitiert unser Körper. Diese mehrfach ungesättigten Fette schützen nachweislich vor Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sie unterstützen die Gehirnfunktion. Im Vergleich zum Muskelfleisch eines Warmblütlers gilt das Fischfleisch wegen seines geringeren Bindegewebeanteils als leichter verdaulich. Ernährungswissenschafter empfehlen, Fisch mindestens ein Mal pro Woche zu essen. Umweltschützer raten dazu, Süßwasserfische aus der Region zu verzehren.

Vegetarisch leben und pumperlgesund sein.

Wer auf Fleisch und Fisch verzichtet, kann dennoch alle wichtigen Nährstoffe problemlos zu sich nehmen. Menschen, die sich fleischlos ernähren, haben sogar seltener einen Herzinfarkt als Menschen, die auch Fleisch essen. Vegetarier leben zwar nicht länger als Menschen, die sich herkömmlich westlich ernähren, aber dafür gesünder. Forscher meinen, es könnte daran liegen, dass Vegetarier tendenziell schlanker sind, sich mehr bewegen, weniger rauchen und Alkohol trinken als Menschen mit herkömmlichen Ernährungsgewohnheiten.

Veganes Leben: die besten Einsteigertipps.

Veganer Burger SN/Magdalena Bujak - stock.adobe.co
Veganer Burger

Vegan lebende Menschen meiden Nahrungsmittel tierischen Ursprungs, also auch Milch, Eier oder Honig. Dennoch können sie sich gesund ernähren. Ihnen stehen alle Gemüse- und Obstsorten zur Verfügung. Die für den Körper wichtigen Eiweißlieferanten sind Hülsenfrüchte, Sojaprodukte, aber auch Erdnüsse. Sie sollten mehrmals wöchentlich auf dem Speiseplan stehen. Ernährungsmedizinisch gesehen ist die vegane Kost nicht gesundheitsschädlich, wenn man über die Inhaltsstoffe seiner Nahrungsmittel gut Bescheid weiß. Dann kann man auch einen potenziellen Mangel an Eisen, Kalzium, Jod oder Vitamin B12 mit geschickter Kostzusammenstellung ausgleichen. Für Anfänger dieser Lebensweise stehen mittlerweile Beratungsstellen zur Verfügung.

Das Fleisch der Zukunft

„Clean meat“ SN/Dmytro Sukharevskyi - stock.adob
„Clean meat“

Es heißt "clean meat", sauberes Fleisch. Es könnte zur Lösung des Klima-, Umwelt- und Tierschutzproblems beitragen. Dabei werden lebenden Tieren - Kuh, Schwein oder Huhn - ein paar Zellen entnommen. Darin befinden sich adulte, also reife Stammzellen, die genau wissen, wie man Muskelfleisch herstellt. Diese Zellen kultivieren die Forscher im Labor zu Muskelfasern, die zu Streifen heranwachsen. Die Streifen werden zu Würstchen oder Faschiertem oder Nuggets weiterverarbeitet. Tester sagen, es schmeckt wie das Fleisch des entsprechenden Tieres. Die Biotechnologie wird übrigens schon lang in der Medizin mit menschlichen Hautzellen angewendet, um Transplantate zu züchten.

Aufgerufen am 15.09.2019 um 07:59 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/wir-essen-zu-viel-fleisch-65619487

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