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Wir sparen aus Bosheit

Wie schaut es mit Ihrem moralischen Bankkonto aus? Studien belegen, dass Menschen nur Gutes tun, um sich später mit ruhigem Gewissen danebenbenehmen zu können. Und genau das ist unsere größte Kulturleistung.

Wussten Sie, dass jemand, der einem Bedürftigen Geld gespendet hat, weniger Hemmungen verspürt, kurz darauf ein überteuertes Luxusprodukt zu kaufen? Oder dass Besitzer von Niedrigenergiehäusern häufiger mit dem Flugzeug reisen als der Durchschnitt?

Erstaunlich scheint auch die Tatsache, dass Menschen, die sich gegen Rassismus positioniert haben, sich bei einer fiktiven Stellenbesetzung ablehnend gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund verhalten.

Über diese Studienergebnisse des Sozialpsychologen Mario Gollwitzer berichtete kürzlich der Radiosender Bayern 2. Der Wissenschafter forscht und unterrichtet an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er fand heraus, dass Moral für viele Menschen eine Art Bankkonto darstellt.

Wenn wir etwas Gutes getan haben, dann glauben wir offenbar, dass wir es uns leisten können, in einer nachfolgenden Situation nicht mehr ganz so gut zu anderen Menschen oder zu unserer Umwelt zu sein. Weil wir ja ein Guthaben haben. Der internationale Fachbegriff für dieses Phänomen lautet Moral Licensing.

Bei genauer Betrachtung leuchten diese Ergebnisse durchaus ein. Man kann sie sogar als eine Art Selbstschutz-Mechanismus auslegen. Denn wer immer nur gibt, der reibt sich auf und steuert seiner Zerstörung durch Selbstausbeutung entgegen. Anders gesagt: Wir brauchen diese innere Erlaubnis, um uns auch einmal mit ruhigem Gewissen so richtig danebenbenehmen zu können.

Gollwitzer meint, wir täten das unbewusst so lange, bis sich die moralische Gesamtbilanz wieder ihrem Nulldefizit nähert. Erst dann sei der Mensch wieder fähig, ein individuelles Schuldgefühl aufzubauen und Gutes zu tun. Um ein ausgeglichenes Leben zu führen, benötigen wir also diesen inneren Kompass, der stets auf die Null zeigt.

Was uns aber zu menschlichen Wesen macht, das ist die Tatsache, dass der Mensch offenbar triebgesteuert wirtschaftlich handelt. Soll heißen: Er zieht auf seinem moralischen Bankkonto stets das Haben dem Soll vor. Denn wer sich zu lang im Soll bewegt, der lebt auf Pump. Der leider viel zu früh verstorbene Fußballstar George Best definierte sein moralisches Bankkonto einmal so: "Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst."

Nimmt man die Ergebnisse von Gollwitzer genauer unter die Lupe, so fühlen wir uns an eine bekannte anonyme Lebensweisheit erinnert. Sie lautet: "Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist an alle gedacht." Woraus aber auch hervorgeht: An andere zu denken, ist eine unglaubliche Kulturleistung der Menschheit. Denn unsere Hirne raten aus Prinzip stets zum Eigennutz.

Die Wissenschaftsjournalistin Eva Tenzer beschrieb etwa in ihrem Buch "Go Shopping", warum Konsum den Menschen so viel Lust bereitet. Das ist so. Ob wir wollen oder nicht. Denn Produkte, die Status und Wohlstand symbolisieren, aktivieren den Nucleus accumbens im Vorderhirn. Hier befindet sich unser Belohnungszentrum, das Glückshormone ausschüttet und sich am liebsten mit Drogen, Sex und Süßigkeiten stimulieren lässt.

Tenzer erklärt unser Belohnungszentrum recht anschaulich so: "Es ist der G-Punkt des Homo consumens."

Je mehr nun der Mensch auf einen möglichst ausschweifenden Lebensstil verzichtet, desto größer ist der Entzug. Das heißt: Je enthaltsamer und womöglich auch je großzügiger wir uns anderen gegenüber verhalten, desto größer wird der Kick bei der nächsten Ausschweifung. Darauf kam übrigens schon Epikur (341 v. Chr.-271 v. Chr.), der uns folgenden unwiderlegbaren Satz hinterließ: Verzicht erhöht den Genuss."

Die Universität Ulm konnte sogar beweisen, dass der Mensch darauf trainiert ist, ständig im Überfluss leben zu wollen. Man hat dort Probanden Bilder von Autos gezeigt und währenddessen ihre Hirne durchleuchtet. Das Ergebnis weist uns als verwöhnte Einzelkinder aus. Der Hirnforscher Manfred Spitzer beobachtete etwa, dass beim Anblick eines Porsches das Belohnungszentrum sofort ansprang. Beim Anblick eines Daihatsu schaltete es sofort aus. Und das, obwohl die Probanden über Klimawandel und die jeweiligen Preise informiert waren.

Ist der Mensch also von Grund auf gierig und asozial? Tenzer meint, dieser Mechanismus sei tatsächlich angelegt: Die Evolution favorisiere den Luxus, weil Vorratskammern und Statussymbole von jeher maßgeblich zum Überleben beitrugen. Die Überlebenschancen jener, die sich dagegen für andere aufopfern, waren schon immer geringer. Unser Hirn weiß das - und tut deshalb das Richtige, indem es uns offenbar einen Ausgleich zwischen Eigennutz und Hilfsbereitschaft anstreben lässt. Kant formulierte dieses Ziel so: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

Einleuchtend waren auch die Hinweise in ÖBB-Toiletten: "Verlassen Sie diesen Ort bitte so, wie Sie sich wünschen, ihn vorzufinden."

Das ist wirklich nicht zu viel verlangt.


Aufgerufen am 13.11.2018 um 04:22 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/wir-sparen-aus-bosheit-60599662

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