Österreich

Zahl der Corona-Patienten steigt - "wir müssen im November Trendwende schaffen"

Die Zahl der Patienten in Zusammenhang mit der Coronakrise steigt in Österreichs Krankenhäusern weiterhin rasch an. Gesundheitsminister Rudolf Anschober warnte vor einer erheblichen Krisensituation.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Montag, 2. November 2020, anl. der PK des Gesundheitsministeriums "Aktuelle Lage" in Wien.  SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Montag, 2. November 2020, anl. der PK des Gesundheitsministeriums "Aktuelle Lage" in Wien.

Laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober habe es während der Sommer- bzw. ersten Herbstmonate eine relative stabile Infektionslage gegeben. Im Oktober kam die Wende: "Seit dem 20. Oktober sind die Daten explodiert. Das prägt nicht nur Österreich, sondern den ganzen Kontinent."

Die Zahlen vom Montag: 4135 Neuinfektionen, 3255 Neugenesene. Die Zahl der Neuinfektionen war bereits deutlich höher, "aber das ist, bitte, noch kein Anzeichen von Entspannung." Ein Indiz dafür: 2161 Covid-Patienten befinden sich in Krankenhäusern (plus 213 gegenüber dem Sonntag). Die Zahl der Intensivpatienten ist von 291 (Sonntag) auf 336 (Montag) angestiegen. Insgesamt nahm diese Rate binnen einer Woche um 78 Prozent zu. Anschober warnte daher erneut vor einer "erheblichen Krisensituation" in Österreichs Intensivpflege-Einrichtungen.

Anschober erwartet, dass die am Dienstag in Kraft tretenden neuen Lockdown-Maßnahmen in einer Woche erste Wirkung zeigen werden: "Aber das wird immer noch zu wenig sein." In dieser Woche würden die Zahlen wohl weiter ansteigen, man müsse daher "alles tun, um eine Trendwende ab Mitte November zu erreichen."

Seuchenexperte Herwig Kollaritsch (Facharzt für Tropenmedizin): "Wir stehen wie 1919 (Spanische Grippe, Anm.) einer Krankheit gegenüber, gegen die wir keine Behandlung haben." Die aktuelle Reproduktionszahl in Österreich betrage 1,4, "das heißt, dass ein Infizierter durchschnittlich 1,4 Menschen ansteckt." Die aktuellen Maßnahmen seien alternativlos, um diese Reproduktionsrate zu senken. Kollaritsch plädierte weiterhin dafür, dass die Menschen ihre sozialen Kontakte "drastisch einschränken".

Dafür trat auch die Virologin Monika Redlberger-Fritz ein: "Die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch. Abstandhalten kann dem Virus sozusagen die Nahrung entziehen." Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich, sieht ohne Maßnahmen dieser Art das Gesundheitssystem Österreichs in Gefahr. Sollten die Neuinfektionen und die effektive Reproduktionszahl nicht gedrückt und das Infektionsgeschehen nicht eingebremst werden, "wird unser Gesundheitssystem relativ rasch an seine Kapazitätsgrenzen stoßen", sagte Ostermann.

"Impfung nimmt uns Last von den Schultern"

Tropenmediziner Kollaritsch erwartet übrigens, dass 2021 mehrere Impfstoffe zur Verfügung stehen: "Diese werden uns viel Last von den Schultern nehmen." Doch die derzeitigen Vorsichtsmaßnahmen wie das Tragen von Masken würden uns weiterhin begleiten. Kollaritsch: "Aber irgendwann wird es dann wie bei der Feuerwehr heißen: ,Brand aus!'"

Bild: SN/APA/HELMUT FOHRINGER
„Aber irgendwann wird es dann wie bei der Feuerwehr heißen: ,Brand aus!’
Herwig Kollaritsch, Infektiologe

Kollaritsch verwies dabei auf Israel. Der Nahost-Staat war wegen ausufernder Infektionszahlen am 18. September landesweit in den zweiten Lockdown gegangen. Damals hatte es mehr als 9000 Neuinfektionen pro Tag gegeben. Diese Werte fielen zuletzt auf unter 500. Die Regierung nahm mittlerweile auch einige der strengen Maßnahmen zurück. Unter anderem sind Grundschulen wieder geöffnet.

Klaus Markstaller (Leiter der Klinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin im Wiener AKH) sagte: "Jeder Patient hat die gleiche Qualität der Behandlung verdient und die wollen wir anbieten." Allerdings sei das heimische Gesundheitssystem nach wie vor nicht auf die Pandemie vorbereitet, vor allem was die mögliche Anzahl der zu erwarteten Intensivpatienten anbelangt.

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