Österreich

Zeugen der Grazer Amokfahrt: "Es war einfach schrecklich"

In Graz wird der Prozess gegen den Amokfahrer Alen R. fortgesetzt. Erstmals schilderten Zeugen vor Gericht, wie sie die Tat miterlebten.

Der Prozess gegen Alen R., der im Juni 2015 bei einer Amokfahrt durch die Grazer Innenstadt drei Menschen getötet und Dutzende verletzt haben soll, ist am Mittwoch am Landesgericht fortgesetzt worden. Einige Zeugen schilderten, wie sie die Amokfahrt erlebt haben. "Er ist im Retourgang auf mich und meinen Dackel losgefahren", erzählte ein Mann, der zu Fuß unterwegs war. Ein Radfahrer, den das Auto erwischt hatte, meinte: "Ich kann mich an nichts erinnern, ich war eine halbe Stunde bewusstlos."

Einer jungen Passantin hat vermutlich die Tatsache, dass sie ausnahmsweise keine Kopfhörer trug und nicht wie sonst, auf der Straße Musik hörte, das Leben gerettet. "Ich habe einen Knall gehört und einen Hechtsprung auf die Seite gemacht, dann sind da auch schon die Radfahrer gelegen", erinnerte sie sich. Eine andere Zeugin meinte sichtbar immer noch von den Ereignissen gezeichnet nur: "Es war einfach schrecklich."

Stand Amokfahrer unter Drogen?

Laut dem toxikologischen Sachverständigen kann aus den bei dem 27-Jährigen nachgewiesenen Cannabis-Mengen "eine Beeinträchtigung nicht abgeleitet, aber auch nicht ausgeschlossen werden".

Der Gutachter Manfred Kollroser hatte Proben von Alen R. auf Suchtmittel untersucht. Er konnte Spuren von Cannabis nachweisen, die den Angeklagten nach deutschen Grenzwerten - in Österreich sind keine festgelegt - als "starken Cannabisraucher" ausweisen. Dieser "erhebliche Konsum" lasse aber keine Rückschlüsse auf regelmäßiges Rauchen zu, so Kollroser, es bestehe aber der Verdacht.

Amokfahrer will nur Tee getrunken haben

Alen R. hatte den Konsum abgestritten und gemeint, die Spuren stammen von "einer Schweizer Teemischung", die ihm seine Ehefrau immer zubereitet habe. Diese Erklärung hielt der Gutachter für "wenig wahrscheinlich bis unwahrscheinlich."

Nach der Amokfahrt war der Geländewagen untersucht worden, weil sich der Verdächtige einige Male auf technische Defekte seines Autos ausgeredet hatte. Der verkehrstechnische Gutachter Peter Vyskocil kam zu dem Schluss, dass "der Pkw in vollem Umfang betriebsbereit" gewesen sei. Es habe zwar kleinere Beeinträchtigungen bei der Servolenkung und im Betriebsbremssystem gegeben, diese hätten aber auf den Vorfall "keinen Einfluss" gehabt.

Es stand die Frage im Raum, ob die Airbags vorher manipuliert worden waren, damit sie nicht ausgelöst würden - was auf eine vorbereitete Fahrt hingedeutet hätte. Doch der Sachverständige führte aus, dass es diesbezüglich keine Hinweise auf Manipulationen gebe. Die Airbags wären nicht aufgegangen, weil dies nur bei festen Hindernissen der Fall sei, die Menschen seien weggeschleudert oder überfahren worden, dabei sei der Widerstand für eine Auslösung bei einem Geländewagen zu gering.

Psychisch krank oder nicht?

Bei Alen R. war im Vorfeld ein Verdacht auf "paranoide Schizophrenie" diagnostiziert worden. Dies sei aber nur eine "Arbeitsdiagnose", schränkte Psychiater Jürgen Müller ein. Man müsse den Betroffenen weiter beobachten. "Das heißt, die Medizin hat es innerhalb eines Jahres nicht geschafft, eine Diagnose zu stellen, was er definitiv hat", fasste Richter Andreas Rom zusammen.

Seitens der Haftanstalt Göllersdorf war der Verdacht der psychischen Erkrankung geäußert worden. Nun müsse man weiter beobachten "wie er spricht und wie er Dinge erlebt", erklärte Müller. "Zusammenfassend kann man also noch nicht sagen, was er hat", stellte der Richter fest. Die Schwierigkeit in der Diagnose bestehe darin, dass "er ein wahnhaftes Erlebnis hat, das aber nicht immer gleich stark ist", beschrieb es der Sachverständige. Genaue Erläuterungen sollen nächste Woche folgen, wenn die Gutachten aller drei Psychiater ausführlich erörtert werden.

Staatsanwalt Hansjörg Bacher schilderte, dass Alen R. ebenfalls in Göllersdorf als "im Tempo unauffällig und wach" beschrieben worden sei. "Was ist passiert, dass er jetzt so ist?", wunderte sich der Ankläger, der sich auf das langsame, etwas unkoordinierte Gebaren des Betroffenen bezog. "Ist das ein Krankheitsbild, sind das Nebenwirkungen der Medikamente oder ist das Show?", fragte der Staatsanwalt.

Psychiater Manfred Walzl hielt Nebenwirkungen von Medikamenten für möglich, es sei aber auch nicht auszuschließen, "dass dieses Verhalten von ihm gewollt ist." Sein Kollege Müller meinte dazu: "Vielleicht spielt er, oder vielleicht ist die akute psychotische Störung unter der Medikation abgeklungen."

Alen R., gegen den keine Anklage, sondern aufgrund seiner Unzurechnungsfähigkeit nur ein Antrag auf Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingebracht worden ist, gab sich am gestrigen ersten Verhandlungstag höflich, bot aber immer wieder verschiedene Varianten des Geschehens an. Zu den Aussagen der Zeugen meinte er nur: "Ich bin selbst Opfer."

Gerichtsmediziner zeigte sich schockiert

Als weiterer Gutachter wurde Gerichtsmediziner Peter Leinzinger gehört. Er hatte die drei Toten untersucht und beschrieb die Verletzungen. Der 28-jährige Mann, der das erste Opfer war, sei frontal mit großer Wucht angefahren worden. "Derartige Verletzungen sind mir im Stadtbereich noch nicht vorgekommen", meinte der Mediziner. Auch der vierjährige Bub und die 53-jährige Frau seien mit hoher Geschwindigkeit gerammt worden und waren sofort tot.

Als Alen R. zu den Ausführungen der Sachverständigen befragt wurde, meinte er nur: "Ich bin selbst Opfer, ich kann mich an die Fahrt nicht erinnern."

Quelle: APA

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