Österreich

Zivilprozess nach Coronatod in Ischgl - Mutter und Sohn wollen 100.000 Euro

Missmanagement, Vertuschung: Witwe und Sohn eines an Corona verstorbenen Urlaubers klagten die Republik auf Schadenersatz.

Entscheidung ergeht nun schriftlich SN/APA/HANS PUNZ
Entscheidung ergeht nun schriftlich

Im altehrwürdigen Wiener Justizpalast ging es am Freitag rund: 60 Medien aus dem In- und Ausland, Zeitungen wie TV-Stationen, wollten Zeugen der ersten Gerichtsverhandlung in der Causa Ischgl sein. Die Witwe und der Sohn eines Mannes, der sich im Skiurlaub im März 2020 mit dem Coronavirus angesteckt hat und wenig später gestorben ist, hatten die Republik auf Schadenersatz geklagt. Es geht um 100.000 Euro.

Auffälligster Akteur in der Verhandlung war Alexander Klauser. Der Anwalt der Kläger nützte das mediale Großaufgebot geschickt, um noch einmal in sämtlichen Details jene Vorkommnisse aufzurollen, die zum ersten großen Corona-Skandal in Österreich geführt haben. Immer wieder wandte sich Klauser an sein Gegenüber. Dieses bestand aus Martin Paar und Martin Tatscher, zwei Juristen der Finanzprokuratur, quasi dem Rechtsanwalt der Republik. "Besteht die Bereitschaft zu einer einvernehmlichen Lösung?", fragte der Anwalt. Die Antwort kam prompt: "Nein." Ein Vergleich war damit vom Tisch.

Konkret ging es Klauser um den 5. März 2020. Zur Veranschaulichung: Corona war zu diesem Zeitpunkt nahezu unbekannt, die Bilder von den Skiliften in Ischgl zeigten tausende, eng gedrängte Skifahrer. Ganz zu schweigen von den übervollen Bars beim Apres-Ski. Der Anwalt zur Finanzprokuratur: "Können Sie außer Streit stellen, dass die Behörden spätestens am 5. März nachweislich Kenntnis hatten, dass das Virus in Ischgl eingetroffen ist - und dass die Gesundheitsbehörden bereits im Jänner und Februar über die Pandemie und die Gefährlichkeit des Virus Bescheid wussten?" Antwort in beiden Fällen: "Nein."

In weiterer Folge schoss sich Ankläger Klauser auf jene Presseaussendung ein, die seiner Ansicht nach einer "versuchten Vertuschung" gleichkam. In dieser gab das Land Tirol bekannt, dass man Entwarnung geben könne, weil sich isländische Touristen nicht in Ischgl, sondern erst am Rückflug in die Heimat infiziert hätten. "Diese Tatsache war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon widerlegt", betonte Klauser. Kurz gesagt: Man habe die Gefahr - auf Druck oder "vorauseilendem Gehorsam" gegenüber des Tourismusverbandes - bewusst heruntergespielt.

Die "unkoordinierte und mangelhaft vorbereitete öffentliche Ankündigung von Bundeskanzler Sebastian Kurz" in einer Pressekonferenz am 13. März 2020, dass das Paznauntal isoliert werde, habe zu einer überstürzten und chaotischen Abreise von Touristen und Tourismus-Mitarbeitern geführt. In der Folge kam es zu umfangreichen Staus. Für Strecken, für die man normalerweise eine halbe Stunde braucht, benötigte man viele Stunden. Dabei sollen sich viele Menschen in überfüllten Bussen und Autos angesteckt haben und das Virus in weiterer Folge in Zügen und Flugzeugen an Mitreisende weitergegeben haben.

Dabei dürfte sich auch der Ehemann bzw. der Vater der Kläger mit SARS-CoV-2 angesteckt haben. Er saß auf der Rückreise in einem Bus mit hustenden und niesenden Ischgl-Urlaubern - damals natürlich noch ohne Mund-Nasen-Schutz. Taxis fuhren gar nicht mehr in das Gebiet. Der begeisterte Skifahrer war eigentlich für die Reise nur eingesprungen. Als er am 7. März ins Tal kam, war längst bekannt, dass es Corona-Infektionsfälle gibt, so der Vorwurf.

Klägeranwalt Klauser führte wortreich durch die Verhandlung. Selbst Richterin Kathrin Aigner konnte ihn kaum stoppen. Immer wieder insistierte Klauser, man möge seine Ausführungen protokollieren. Also protokollierte Aigner. Auch jene 15 Fragen, die sich an den Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, Pressestelle und Bezirksverwaltungsbehörden richteten. Klausers Argument: "Was haben sich bestimmte Personen bei ihren Handlungen gedacht?" Nach mehr als zwei Stunden Verhandlung bekam das Nervenkostüm der Republiksanwälte erste Risse: "Das hätten sie schon viel früher machen können. Jetzt ziehen Sie das hier für die Medien ab, das muss man klar sagen", kritisierte Martin Paar. Klausers Reaktion: "Ich möchte nicht riskieren, zu wenig vorgebracht zu haben."

Der Prozess am Freitag war der Auftakt eines Prozessreigens: Sieben weitere Tagsatzungen im September und Oktober wurden bereits festgelegt. Am 27. September wird etwa der Fall eines deutschen Ischgl-Urlaubers verhandelt, der sich angesteckt und die Infektion nicht überlebt hat. Neben jener Klage, die am Freitag verhandelt wurde, liegen laut Verbraucherschutzverein (VSV), der für die Betroffenen Klage eingereicht hat, 15 weitere bei Gericht. VSV-Obmann Peter Kolba rechnet mit "bis zu 3000" Ansprüchen, die an die Republik gestellt würden sowie mit Sammelklagen nach österreichischem Recht. An die 6000 Betroffene hätten sich an den VSV gewandt.

Die Verhandlung wurde nach dreieinhalb Stunden geschlossen, die Entscheidung ergeht schriftlich.

Aufgerufen am 20.01.2022 um 08:54 auf https://www.sn.at/panorama/oesterreich/zivilprozess-nach-coronatod-in-ischgl-mutter-und-sohn-wollen-100-000-euro-109581658

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