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Die Engel mit dem Dudelsack

Edinburgh, Schottlands Hauptstadt. Männer tragen Faltenröcke, Engel trinken Whisky, und nur zu Neujahr gehen die Uhren richtig.

 SN/visit scotland

Die treffendste Definition kommt von einem Iren. Doch George Bernard Shaw hat trotzdem recht, wenn er sagt: "Whisky ist flüssiges Sonnenlicht." In Edinburgh jedenfalls sehen die Menschen das genau so, ist die Sonne doch hier in Schottlands Hauptstadt ein flüchtiger Gast. Schnell da und schnell auch wieder weg unter der manchmal rauen Nordseebrise - dann ist es gut, wenn wenigstens im Glas ein wenig Sonne bleibt. 1860 haben die Schotten begonnen, den Iren den Rang als beliebtester Whisky-Produzent abzulaufen. Mit Erfolg, wie man mittlerweile weiß. Was man nicht weiß, ist spätestens bei einem Besuch in der Scotch Whisky Experience zu erfahren, am oberen Ende von Edinburghs Royal Mile, nur einen Steinwurf entfernt vom mittelalterlichen Castle, das steingrau und gelassen über der Altstadt thront. In der Experience darf geschnuppert und verkostet werden, werden die fünf großen Whisky-Regionen erklärt, mit Aromen so vielfältig wie die Landschaften Schottlands: die Highlands im Norden, die Lowlands im Südosten, dazu Speyside, Campbeltown und Islay, das "Eilah" ausgesprochen wird und riecht wie eine Nase voll Torffeuer. Doch - wieder einmal - war es kein Schotte, der die Nase vorn hatte. Die weltweit größte Sammlung ungeöffneter Whisky-Flaschen hat ein Brasilianer, Mister Claive Vidiz, angelegt. Knapp 3400 Bouteillen, gesammelt seit 1970 und aufgereiht hinter Glas. Doch in vielen Flaschen fehlt ein wenig Inhalt. Hat da wer gekostet?
Duncan, der schlaksige Guide, grinst. "Das ist der ,angel's share', also jener Teil, den sich die Engel holen." Klar, auch Engel trinken hier Whisky. Aber nicht nur der Whisky macht Edinburgh zur Stadt mit der zweithöchsten Besucherzahl Britanniens. Das liegt an der Vielzahl von Sehenswürdigkeiten und vor allem an den zahllosen Festivals, von Musik und Literatur bis zu Theater oder einer bestimmten Art von "Brauchtum", nämlich dem "Zapfenstreich". Genau das bedeutet der Name "Tattoo", und das Royal Edinburgh Military Tattoo, das jedes Jahr über drei Wochen im August direkt vor dem Castle stattfindet, ist mit seinem Auftritt der Massed Pipes and Drums, einer eigens für das Tattoo zusammengestellten Formation aus etwa 180 Dudelsackspielern und Trommlern, wohl das bekannteste. Karten sind meist schon Monate vorab vergriffen. Doch auch ohne die Militärmusiker lohnt sich ein Abstecher an den Firth of Fourth, der sich als sanfter Fjord zur Nordsee hin öffnet. Das Mittelalter trifft hier auf die Moderne, die Stadt wirkt offen und tolerant. Während sich in der Altstadt trutzige Steinhäuser aneinanderlehnen, haben sich die wohlhabenden Kaufleute vor rund 250 Jahren im Stile der Aufklärung eine "bessere" Wohngegend schaffen wollen. Heute ist die Princes Street in dieser "Neustadt" eine beliebte Einkaufsmeile - und die George Street, parallel davon und benannt nach King George III., bekannt für prachtvolle Hotels und gute Restaurants. Die Straßenbreite ist auffallend. Genau bemessen nach dem Raum, den eine Kutsche mit vier Pferden zum Wenden braucht. Die Stadt ist übersichtlich, und auch in der Altstadt ist es schwierig, sich zu verlaufen. Zum einen ist da die Royal Mile, die schnurgerade vom Castle herabführt zum neuen Parlament und dem Holyrood Palace, einst Residenz der Stuarts, heute zeitweilig Wohnsitz der Royals. In dieser Nachbarschaft liegen auch die alten "Closes", historische Hinterhöfe. Der vielleicht schönste ist White Horse, eine ehemalige Wechselstation für Kutschpferde: Zwölf Tage brauchte ein Reisender seinerzeit bis nach London. Auf der "Mile" selbst werden Geschäfte gemacht, vor allem mit Wolle. Kein Wunder: Schottland hat 5,3 Millionen Einwohner, aber 6,9 Millionen Schafe. Tartans in leuchtenden Farben locken daher überall, aber Vorsicht: Wer sich einen echten Kilt mit nach Hause nehmen möchte, sollte auf Qualität achten, und die gibt's kaum unter 1000 Euro. Dafür darf dann aber auch der kleine Dolch stolz am Stutzen getragen werden - ansonsten in Schottland streng verboten. Hier trifft man Menschen aus aller Herren Länder, und überraschend viele von ihnen leben und arbeiten hier. Der Umgangston ist freundlich, und auch mit Schulenglisch lässt sich wunderbar plaudern, zumindest in Edinburgh. So oszilliert die Stadt in ihrem Spiel zwischen Historie und Lebensfreude, zwischen dem Atem der Geschichte und kleinen Verrücktheiten. So wird das raketenförmige Denkmal für den Nationaldichter Sir Walter Scott "The Rocket" genannt, General Wellington wiederum hoch zu Ross, genannt "Iron Duke", ist jedoch statt aus Eisen aus Bronze - errichtet von einem gewissen John Steel … Und die nahe Henry-Dundas-Säule erzählt von keinerlei Heldentaten ihres Namensgebers - der Kaufmann war einfach nur reich, und wahrscheinlich hat er sein Denkmal sogar selbst bezahlt. Die Schotten lieben solch skurrile Dinge, und sie verstehen es, über alles zu lachen, auch über sich selbst. Nur Silvester, das hier Hogmanay heißt und zu ausgelassenen Feiern führt, wird ernst genommen. So ernst, dass sogar an diesem Tag die Uhr auf dem Turm des Balmoral-Bahnhofs richtig geht. An allen anderen Tagen geht sie ein paar Minuten vor, damit auch sicher der Zug noch erwischt wird. Und vielleicht ein Moment für einen engelhaften Schluck Whisky bleibt.

Anreise: Neuer Direktflug ab Wien der britischen Airline jet2.com zwei Mal wöchentlich (montags und freitags) nach Edinburgh. www.jet2.com
Hotels: Gute Hotels sind in der Neustadt zu finden, etwa das Principal in der George Street, beste Lage, stilvolles Ambiente, fabelhaftes Frühstück. www.phcompany.com/principal
Handwerk: Echte schottische Kilts bei Gordon Nicolson. nicolsonkiltmakers.com
Essen und Trinken: Fish & Chips oder auch Haggis, die Nationalspezialität, etwa im Doric in der Market Street 15-16, dem ältesten Pub Edinburghs. Wenn's schnell gehen soll: Oink! auf der Royal Mile, saftiges Pulled Pork zum Mitnehmen. www.oinkhogroast.co.uk
Tipp: Mary King's Close , Zeitreise durch den Untergrund. www.realmarykingsclose.com
Ausflüge: Traquair House - ehemalige Residenz der Stuarts aus dem 13. Jhdt., eine Autostunde südlich von Edinburgh, heute Gästehaus, Brauerei und Museum. www.traquair.co.uk

Weitere Info: Visit Scotland. www.visitscotland.com

Aufgerufen am 19.07.2018 um 03:31 auf https://www.sn.at/panorama/reisen/die-engel-mit-dem-dudelsack-26744194

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