Reisen

Die Insel der reichen Fischer

Auf dem isländischen Inselchen Grímsey leben nur 86 Menschen. Fast alle leben vom Fisch. Und das offenbar so gut, dass bereits von der Insel der Millionäre gesprochen wird.

Zweieinhalb Tonnen Fisch. Kein schlechter Fang. Die isländische Schiffseignerin Rannveig Vilhjálmsdóttir könnte zufrieden sein. Vom Kai des Hafens der kleinen Insel Grímsey beobachtet sie, wie ihre Männer Kisten mit Seewolf, Rotbarsch, Kabeljau und Schellfisch von Bord hieven. "Besser als nichts", grummelt die Unternehmerin, der drei moderne Kutter gehören.

Das 41 Kilometer von der Nordküste Islands entfernte Grímsey liegt in einer der fischreichsten Zonen des Nordatlantik. Nur 86 Menschen wohnen auf dem rund fünf Quadratkilometer kleinen Vulkanfelsen. Die Familien sind zumeist miteinander verwandt oder verschwägert. Die Bewohner verfügen angeblich über das höchste Pro-Kopf-Einkommen Islands. Rannveig Vilhjálmsdóttir kann darüber herzlich lachen. Ob es stimmt, das will die 30-Jährige, deren Handy pausenlos klingelt, nicht verraten.

Immer mehr Touristen besuchen das sturmumtoste, karge Inselchen. In den Sommermonaten sind sie tagsüber in der Überzahl, abgesehen von zigtausend Seevögeln, die in den steilen Felsen entlang der Küste brüten. Es gibt zwar nicht allzu viel zu sehen auf dem Eiland, das der Legende nach von bösen Trollen erschaffen wurde. Dass dennoch Gäste aus aller Welt hierher finden, hat vor allem einen Grund: Grímsey liegt auf dem Polarkreis, der die Insel im Norden durchschneidet. Nur ein mehrere Hundert Meter langer Zipfel ragt in die arktische Zone hinein.

Die Bewohner machen damit ein gutes Geschäft, verkaufen Polarkreiszertifikate und T-Shirts. Auch Lian aus Hongkong hat beides erstanden, jetzt braucht sie noch ein Gruppenfoto. Zusammen mit ihren Freunden posiert sie vor einem Schild, das die Entfernungen nach New York (4445 km) und Sydney (16317 km) anzeigt. Es ist das meistfotografierte Motiv der Insel.

Rannveig Vilhjálmsdóttir ist gern behilflich und schießt einige Bilder von der chinesischen Reisegruppe.

"Wir lieben Touristen", sagt sie. Vor allem wenn sie Geld dalassen. Zum Beispiel in ihrem Gästehaus mit dem Namen "Básar", einige Meter südlich des magischen Polarkreises. Die ganzjährig geöffnete Pension, die sie mit vier Frauen betreibt, liegt direkt am Flughafen.

Der wird mehrmals die Woche von der Stadt Akureyri aus angeflogen - sofern das Wetter es zulässt. Auf dem Rollfeld haben sich wieder einmal Hunderte Küstenseeschwalben niedergelassen. Und so müssen die Vögel erst einmal verscheucht werden, bevor die kleine Maschine landen kann.

Von Akureyri sind es nur 100 Kilometer Luftlinie bis nach Grímsey. Ein Katzensprung. Die Seeschwalben haben dagegen einen Langstreckenflug von bis zu 20.000 Kilometern vom Südpolarmeer hinter sich, wenn sie im Frühjahr erschöpft auf der Insel landen. Und das, nur um ein bis drei gefleckte Eier auszubrüten und im Spätsommer wieder zurückzufliegen ans andere Ende der Welt. In Island gelten die nur vier Zentimeter kleinen Eier als Delikatesse. Der Inselladen bietet sie für 200 Kronen zum Verkauf an. "Wir essen sie gern gekocht mit Zucker drauf", erzählt Rannveig Vilhjálmsdóttir. Das macht die Küstenseeschwalben richtig sauer. Da sie nicht zwischen Touristen und Eierdieben unterscheiden können, attackieren sie alles, was sich bewegt. Es sind Szenen wie aus Hitchcocks Horrorfilm "Die Vögel", die sich auf Grímsey abspielen. Im Steilflug stürzen die eleganten Schwalben pfeilschnell herab und hacken mit ihren langen spitzen Schnäbeln Löcher in ungeschützte Köpfe. Auch Kinder greifen die Vögel an. Ein kleines Mädchen fängt an zu weinen und hält schützend die Arme über seinen Kopf. Ein Junge, der gerade ein Ei gemopst hat, fuchtelt mit einem Spielzeuggewehr in der Luft herum.

Friedlich sind dagegen die Papageitaucher, die am Rand der Steilküste brüten. Neugierig hocken sie vor ihrem Bau und blicken mit ihren bunten Clowngesichtern in die Objektive der entzückten Touristen. Die meisten Besucher, die morgens mit der Fähre von Dalvík kommen oder von Akureyri einfliegen, bleiben nur einige Stunden. Mehr Zeit braucht es auch nicht, um das baumlose Eiland zu umrunden. Nachmittags fährt das Schiff zurück auf das "Festland". So nennen die Leute von Grímsey die Insel Island.

Im Herbst und Winter, wenn Stürme über den Nordatlantik toben, ist das kleine Eiland ein ungemütlicher Ort. Hell wird es nur für einige Stunden und oft versinkt die Insel tagelang im Nebel. Viele Isländer werden schwermütig in dieser Zeit. Für Rannveig ist das kein Thema: "Wir haben immer etwas zu tun", heißt ihr Rezept gegen die winterliche Seelenfinsternis.

Wem es langweilig wird, der kann auch die drei Kilometer lange Inselstraße hin- und herfahren wie der Besitzer eines amerikanischen Pontiac Trans Am. Oder das Hallenschwimmbad sowie die Bibliothek besuchen und sich im örtlichen Männer- und Frauenclub treffen.

Auch das Schachspielen ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung. "Die Kinder lernen es im Unterricht", erzählt die vierfache Mutter Rannveig. Neun Jungen und Mädchen besuchen derzeit die Inselschule.

Auf geistlichen Beistand müssen die Menschen auf Grímsey die meiste Zeit des Jahres verzichten. Es gibt zwar eine Kirche, deren Altar die Kopie eines Werkes von Leonardo da Vinci ziert, aber keinen ortsansässigen Pfarrer. Der letzte war ein früherer Profifußballer aus Schottland. Doch das ist bereits über 50 Jahre her. Jetzt kommt ein Pfarrer nur zu besonderen Festtagen.

Einen Polizisten gibt es nicht auf der Insel, die seit April 2009 zur Stadt Akureyri gehört. Das ist meist auch nicht nötig, denn die soziale Kontrolle ist groß. Doch ein Mal musste die Polizei vom Festland anrücken. In einem verlassenen Haus am Rande des Dorfes war offenbar ein Brand gelegt worden. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Info: www.grimsey.is
Anreise: Flug z. B. mit Icelandair nach Reykjavík. Weiter mit Mietwagen, Bus oder Flugzeug nach Akureyri bzw. Dalvík. Von Dalvík mit dem Schiff nach Grímsey. www.samskip.is
Beste Reisezeit: Mai bis September. Im Winter kann man Nordlichter beobachten.

Quelle: SN

Aufgerufen am 18.07.2018 um 10:14 auf https://www.sn.at/panorama/reisen/die-insel-der-reichen-fischer-5973613

Schlagzeilen