Reisen

Klosterstille, Lebensgenuss

Eine Winzerin, die Männern den Schneid abkauft. Mönche, die keine Frauen dulden und in einer Welt des Mythos leben. Natur pur, dazu Traumstrände und gute Hotellerie - das ist Chalkidiki.

Warum besuchen Sie mich? Wo doch heuer kaum jemand nach Griechenland kommen will?"

Claudia Papayianni, die sich in ihrem 20 Hektar großen Gut selbst als "Weinbäuerin" bezeichnet, nimmt sich kein Blatt vor den Mund - und schon gar kein Weinblatt. 2003 begann sie, halb Griechin und halb Deutsche, quasi "aus dem Nichts" in ihrem Heimatort Amea auf Chalkidiki mit dem Weinbau. Aus Leidenschaft, wie sie sagt. Sie investierte mithilfe ihrer Familie sieben Mill. Euro, die EU förderte sie mit 1,8 Mill. Euro. Eine Frau als Winzerin, inmitten der männlichen Dominanz im griechischen Weinbau. Nicht nur das: Papayianni wollte traditionelle Werte mit hochmoderner Technologie verbinden und baut ihre zehn Sorten - darunter griechische "Klassiker" wie der weiße Malagousia - biologisch aus. Ihre Weine wurden bemerkenswert rasch ausgezeichnet, gehen zu 30 Prozent in den Export - und jetzt hört Papayianni, die stets auf Qualität gesetzt hat, immer wieder von ihren Importpartnern, die sich vor der Rückkehr der Drachme fürchten: "Haben Sie Geduld . . ."

"Bitte haben Sie noch etwas Geduld, wir sind gerade beim Mittagessen." Das sagt der Empfangsmönch im Athos-Kloster Xenophontos. Das spielt angesichts der mehr als 1000-jährigen Geschichte des Klosters auch keine Rolle mehr. Im Gegenteil: Die Ruhe dieser Mittagspause wirkt wie aus einer anderen Welt: Nur der Gesang der Vögel durchbricht die Stille. Hier, in Gesellschaft der Heiligen Georg, Demetrios, Kosmas, Nekatrios, Damian und Stephanos kann man alt werden. Was viele der 54 Mönche in Xenophontos auch sind: Der Älteste ist 90, der Jüngste 21. Der kann sechs Monate ausprobieren, ob er bleiben will. Derzeit räumt er im Refektorium unter Geklapper, beobachtet von den Heiligen auf den Wandmalereien aus dem 16. Jahrhundert, das Geschirr nach dem Essen ab. Das Mahl war bescheiden. Folgt man aber dem allseits bekannten Kochbuch des Mönchs Epiphanios Milopotaminos über die vegetarische Küche der Klöster, so leben die Brüder nicht nur gesund, sondern schwelgen auch in Gaumenfreuden.

Dass diese nicht überhand nehmen sollen, wird im Empfangszimmer des benachbarten Klosters Dochiariou, wo jeder Pilger und Wanderer die Dreieinheit von Schnaps, Kaffee und Loukoumi, also Geleekonfekt, kostenlos serviert bekommt, drastisch demonstriert - eine zimmerhohe Wandmalerei zeigt, was dem Mönch passiert, der sich mit Spiegeleiern und Spaghetti pomodoro vollmampft: Ihm saugt die satanische Schlange höchstpersönlich die Seele aus dem Leib.

Der Athos ist eine andere Welt. Keine Frau darf den "Garten der Muttergottes", wie die 57 Kilometer lange Halbinsel mit dem 2033 Meter hohen heiligen Berg auch genannt wird, betreten. Die 2000 Mönche der 20 Klöster leben nach eigenen Gesetzen, unabhängig von Griechenland, und nach ihrer byzantinischen Zeitrechnung.

Was macht das Faszinosum Athos aus? Der Gegensatz zwischen der unglaublichen Pracht von Gold und Silber, von Ikonen und Kunstwerken und gleichzeitig diese mythische Stille, die Zeitlosigkeit, die Nähe zu einer anderen Welt. Nur ein Dutzend Ausländer täglich bekommen den begehrten Pass, das Diamonitirion, und 100 orthodoxe Pilger. Wer den Athos kennenlernen will, muss ihn sich erwandern - stundenlang, von Kloster zu Kloster. Wie sagt der Mönch Spyridon von Xenophontos? "Es gibt viele, die noch nie auf dem Athos waren, aber keinen, der nicht wiederkommt."

Und was tun inzwischen die Damen? Tja, sie können den Athos mit dem Schiff umrunden und von außen in die Klösterwelt hineinsehen. Solche Trips organisiert etwa das Fünfsternehotel Eagles Palace in Ouranopolis, dem Startpunkt aller Athos-Reisenden. Wer eher dem Lebensgenuss huldigt, kann sich dort auch die Zeit im Spa oder an jenem Strand vertreiben, den schon die Operndiva Maria Callas zu schätzen wusste. Ouranopolis ist etwa 110 Kilometer von der lebendigen, ja fashionablen nordgriechischen Metropole Thessaloniki entfernt. Wer in den Dunstkreis des Athos gelangen will, darf den etwas umständlichen Transfer - zwei Stunden durch unberührte Pinien- und Olivenlandschaften - nicht scheuen. Natur pur. Traumstrände. Mythos.

Warum Griechenland dann nicht besuchen, Frau Papayianni?

Die Halbinsel Chalkidiki hat drei "Finger": Kassandra, Sithonia und Athos ragen in das Ägäische Meer hinein.
Thessaloniki wird ab München von Aegeian Airlines angeflogen (1,30 Stunden, www.aegeanair.com).
Transfer nach Ouranaopolis etwa 2 Stunden, muss selbst organisiert werden (Leihwagen: etwa 50 Euro pro Tag; Taxi: 150 Euro pro Fahrt; Linienbus: 12,40 Euro).
Infos zum Hotel Eagles Palace in Ouranopolis: www.eaglespalace.gr
Wer die Mönchsrepublik auf dem Berg Athos besuchen möchte, muss sich im Pilgerbüro in Ouranopolis eine Bewilligung besorgen (pilgrimsbureau@c-lab.gr).

Quelle: SN

Aufgerufen am 16.07.2018 um 11:01 auf https://www.sn.at/panorama/reisen/klosterstille-lebensgenuss-5973544

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