Sag mir, was du liest, und ich sag dir, was du denkst

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Panorama Thomas Hofbauer

Wie objektiv sind Medien? Welche Rolle haben sie in einer Gesellschaft? Diese Fragen werden angesichts der Wahlen in den USA und Österreich wieder heftig diskutiert. Von "Lügenpresse" und einer "Niederlage des Journalismus" sprechen Kritiker, die sich oft in die Parallelwelt von Facebook und Twitter verabschiedet haben. Sie lassen außer Acht, dass dort jeder ungeprüft und faktenfrei seine Sicht der Dinge verbreiten kann. Man spricht schon vom postfaktischen Zeitalter.

Eine spezielle Ansicht zur Objektivität der Medien haben die Richter am Obersten Gerichtshof unlängst geäußert. Auslöser war ein Verfahren um Beiträge in einer regionalen Wirtschaftszeitung, die nicht als Werbung gekennzeichnet waren. Bei bezahlter Werbung sei eine Kennzeichnung Pflicht, hieß es, bei unentgeltlicher Werbung nicht. Warum? Vor zwanzig Jahren habe man Me dienberichten noch unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht. Heute gingen Leser davon aus, dass auch redaktionelle Beiträge nicht "neutral" seien, weil sie von Journalisten stammten, die ihre persönliche Meinung zum Ausdruck brächten.

Mit dieser Aussage werden alle Medien, vom Gratisblatt bis zur Qualitätszeitung, pauschal in einen Topf geworfen. Damit untergraben die Obersten Richter alles, wofür Qualitätsjournalismus steht: Objektivität in der Berichterstattung nach bestem Wissen und Gewissen, die klare Trennung zwischen Bericht und Meinung und die Unabhängigkeit der Redaktion von Einflüssen aus der Werbewirtschaft.

Die Richter begründen in ihrem Urteil weder, weshalb sich die Rahmenbedingungen für den Journalismus in den letzten zwanzig Jahren geändert haben sollen, noch warum sie Journalisten unter Generalverdacht stellen. Derart unqualifizierte weil unbegründete Äußerungen sind Oberster Richter nicht würdig. Offenbar spiegelt diese Urteilsbegründung die eigenen Medienerfahrungen. Einen differenzierteren Blick auf die Medienlandschaft könnte man von den höchsten Richtern durchaus erwarten. Sie sind auf diesem Weg eingeladen, öfter eine Qualitätszeitung wie die "Salzburger Nachrichten" zu lesen.

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