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Studium für alle Lehrer startet

Gymnasium oder Neue Mittelschule: Zumindest in der Lehrerausbildung gibt es diesen Unterschied nicht mehr. Wer im Oktober sein Lehramtsstudium beginnt, kann später an beiden Schultypen unterrichten. Dazu kooperieren die Unis und Pädagogischen Hochschulen - über Bundesländergrenzen hinweg. So wie Salzburg und Linz.

Studium für alle Lehrer startet SN/Robert Ratzer

Nennen wir sie doch einfach Julia. Julia, die aus einer Lehrerfamilie kommt, weil ihr Opa schon Hauptschullehrer war. Ihre Mama ist es ebenso und der Papa hat vor seinem Ruhestand jahrzehntelang an einer AHS unterrichtet. Auch Julia hat sich nun nach ihrer Matura für diesen Beruf entschieden. Sie fängt im Oktober in Salzburg das Lehramtsstudium an. Nur weiß sie noch nicht, ob sie später einmal an einem Gymnasium oder an einer Neuen Mittelschule (NMS) unterrichten wird.

Mit dem Abschluss des neuen Lehramtsstudiums als "Sekundarlehrerin" steht ihr nämlich beides offen. Denn mit dem Wintersemester 2016/17 wird Realität, worum die politisch Verantwortlichen jahrelang gerungen haben: eine einheitliche Ausbildung für alle Pädagogen.

Die alte Trennung, dass angehende Volksschul-, Hauptschul- und NMS-Lehrer an die Pädagogischen Hochschulen gehen müssen, während die Unis nur Gymnasiallehrer und Lehrer an anderen höheren Schulen ausbilden, ist Vergangenheit. Nun schließen alle Lehrer für die fünfte bis zwölfte Schulstufe ihr Studium mit einem Mastertitel ab. Die Mindeststudiendauer beträgt auch nicht mehr drei (PH) bzw. fünf (Uni) Jahre. Studierenden steht nach dem vierjährigen Bachelorstudium ein zweijähriges Masterstudium bevor. Ihre Ausbildung verlängert sich somit auf sechs Jahre. Dafür steht einerseits so viel Wissenschaft und Fachdidaktik auf dem Stundenplan, wie das bisher vorrangig an den Unis der Fall war. Andererseits wird Schulpraxis und Pädagogik in dem Ausmaß vermittelt, wie das an der PH üblich war.

Für PH-Studierende führt das zu einer Verdopplung ihrer bisherigen Ausbildungsdauer. Elfriede Windischbauer, der Rektorin der PH Salzburg, ist das wohl bewusst. Sie sieht es dennoch positiv. Schließlich würden nun auch ihre Studenten mit dem Masterabschluss einen höheren akademischen Grad erwerben. "Wir hoffen, dass sie damit auch besser gerüstet sein werden für ihren Beruf. Ein Lehrer muss heutzutage so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau sein, ganz egal, ob er an einer Neuen Mittelschule oder an einem Gymnasium unterrichtet", sagt sie.

Auch Hubert Weiglhofer, der Direktor der "School of Education", des Instituts für Lehrerbildung an der Uni Salzburg, ist ein Fan des neuen Lehramtsstudiums. "Für Absolventen bedeutet das mehr Flexibilität im Job. Aber auch die Studierenden haben dadurch mehr Wahlmöglichkeiten, weil ihnen Vorlesungen und Seminare sowohl an der Uni als auch an der PH offenstehen", betont er. Und das nicht nur in Salzburg, sondern auch in Linz, weil die dortige Johannes-Kepler-Universität (JKU), die Kunst-Uni oder die beiden dort ansässigen Pädagogischen Hochschulen zu den insgesamt zehn Institutionen zählen, die beim sogenannten "Cluster Mitte" miteinander zusammenarbeiten.

Für Salzburg bedeutet das zugleich neue Konkurrenz. Denn durch die Zusammenarbeit mit den Linzer PH kann die JKU ihr Angebot an Lehramtsstudien deutlich ausweiten. Bisher beschränkte es sich auf die MINT-Fächer, auf Mathematik, Informatik, Physik und Chemie. Nun ist das Studium in fast allen Fächern möglich. Nur angehende Lehrer, die romanische Sprachen wie Französisch, Spanisch oder Italienisch unterrichten wollen, müssen dafür weiterhin nach Salzburg pendeln. "Uns war wichtig, zumindest diese Fächer anzubieten, in denen wir die entsprechenden Lehr- und Forschungskapazitäten haben", sagt der für Lehre und Studium zuständige Vizerektor Andreas Janko. Dazu zähle er neben den MINT-Fächern auch Biologie sowie die sozial- und wirtschaftswissenschaftlich nahestehenden Disziplinen: Geschichte und Politische Bildung, Geografie und Wirtschaftskunde sowie Psychologie, Philosophie. Auch das Fach Deutsch wird nun in Linz von der PH Oberösterreich angeboten. Allerdings ist offen, ob sie die ganze Palette an Lehrveranstaltungen allein wird abhalten können.

Dafür müssen die Vortragenden spezielle Qualifikationen vorweisen können. Im Kooperationsvertrag über die neue Lehrerausbildung ist festgelegt, dass lediglich "Lehrveranstaltungen mit Übungscharakter und praxisorientierte Lehrveranstaltungen" wie Übungen oder praxisorientierte Proseminare von Lehrenden mit abgeschlossenem Diplom- oder Masterstudium abgehalten werden dürfen. Alles andere (Seminare, Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten) ist habilitierten Lehrpersonen oder solchen mit Doktortitel vorbehalten, die in dem entsprechenden Fach promoviert haben. An den PH trifft das nur teilweise auf das Personal zu.

Die Unis haben dieses Problem selbstverständlich nicht. Dennoch betont JKU-Vizerektor Janko, dass seine Uni nicht vorhabe, künftig alleinige Ausbildnerin von Sekundarlehrern zu werden, schon gar nicht in allen Fächern. Die Uni Linz habe auch nicht vor, über den Umweg der Lehramtsstudien zur Volluniversität zu werden. Ihm sei bloß ein Anliegen, dass es in Zukunft ausreichend Lehrer in Oberösterreich gebe. "Wir wissen, wie schwierig es ist, Leute wieder zurückzuholen, die an einen anderen Studienort gehen", sagt Janko.

Weiglhofer von der Uni Salzburg sieht Linz nicht als Konkurrenz. Er geht von einem gewissen Bereinigungsprozess im Lehrveranstaltungsangebot in den kommenden Jahren aus. Weiglhofer glaubt, dass künftig nur mehr jene Institutionen in der Lehrerausbildung mitmischen werden, die die höchste wissenschaftliche Qualität bieten können. Dabei hätte die Uni Salzburg im Cluster die besten Karten. "Wir sind die einzige Volluniversität und damit die mit dem breitesten Angebot", sagt er. Dass neuerdings auch das Lehramtsstudium in Chemie in Salzburg angeboten werden könne, freue ihn deshalb besonders.

Studentin Julia kann egal sein, was sich in Zukunft ändert. Bis es so weit ist, wird sie ihr Studium sicherlich abgeschlossen haben und als Sekundarlehrerin unterrichten. An einem Gymnasium oder an einer Neuen Mittelschule - beides ist möglich.

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