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Traumberuf oder Knochenjob?

Musiker.Die Universität Wien für Musik und darstellende Kunst besteht seit 200 Jahren. Was sich geändert hat.

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Ja, es gibt sie nach wie vor - die jungen Mozarts, die von Kindesbeinen an das Publikum in Konzertsälen begeistern. Ulrike Sych, der Rektorin der Universität für Musik und darstellende Kunst (MDW), fällt auf Anhieb der international gefeierte Violonist Emmanuel Tjeknavorian ein, wenn man sie nach solchen Wunderkindern fragt. Der 21-jährige Nachwuchskünstler aus Wien stand das erste Mal als Siebenjähriger auf der Bühne. Seither gewann er zahlreiche Wettbewerbe, darunter Platz drei beim Fritz-Kreisler-Wettbewerb 2014. "Heute spielt er mehr als 70 Konzerte pro Jahr", erzählt Sych. Dazwischen studiert er - wenn es die Zeit erlaubt - an der MDW. Ein anderes Ausnahmetalent ist der Fagottist Raffaele Giannotti. Der 21-jährige Italiener schaffte diesen Herbst den Sprung zu den Münchner Philharmonikern. Davor war er bereits in Florenz engagiert. "Sein Vater ist mit ihm ein Mal im Monat aus Süditalien nach Wien gefahren, nur damit er zum Unterricht an die MDW kommen kann", sagt Sych.

Die MDW beginnt sehr früh mit der Ausbildung der Studenten zu professionellen Künstlern und Musikern. Ab sechs Jahren kann man in einen der begehrten Hochbegabtenkurse aufgenommen werden. "Frühförderung wird bei uns großgeschrieben", betont daher auch die zuständige Vizerektorin Barbara Gisler-Haase. Sie verweist auf die Geschichte der MDW.

Die heutige Universität wurde schließlich 1817 - vor genau 200 Jahren - vom Komponisten Antonio Salieri als Singschule eröffnet. "Hier wurden Sängerinnen und Sänger aus dem mittleren Adel und dem Bürgertum für Konzerte und Hausmusikabende ausgebildet", erklärt die Musikhistorikerin Cornelia Szabó-Knotik. Dabei seien weibliche Stimmen ebenso gefragt gewesen wie männliche. Deshalb habe es allein praktische Gründe gehabt, dass schon im Gründungsjahr 1817 zwölf Mädchen neben zwölf Burschen aufgenommen worden seien. Und dass nur zwei Jahre später mit Anna Fröhlich die erste Professorin ihre Tätigkeit habe aufnehmen können - gut hundert Jahre früher, ehe die erste Professorin an der Universität Wien - die Romanistin Elise Richter - zu unterrichten begonnen habe.

Heutzutage haben die Frauen längst die Universitäten erobert. Auch die MDW ist da keine Ausnahme. 54 Prozent aller Studierenden sind weiblich (Stand 2015). In manchen Fächern wie etwa im Konzertfach Flöte liegt ihr Anteil gar bei fast hundert Prozent. Dennoch gilt auch hier: Es sind vor allem die Männer, die es die universitäre Karriereleiter nach oben schaffen. Deshalb werden auch 72 Prozent der Professuren von Männern bekleidet. Allerdings: Mit der Kür der Salzburger Sängerin und Gesangspädagogin Ulrike Sych im Oktober 2015 wird die MDW nun von einer Rektorin geleitet. Und auch zwei ihrer vier Stellvertreter sind Frauen.

Fragt man eine von ihnen, Vizerektorin Gisler-Haase, wie sich das Berufsbild des Musikers die vergangenen 200 Jahre verändert hat, antwortet sie: "Die größte Veränderung für junge Künstler ist sicherlich, dass sie sich heute zum erheblichen Teil selbst vermarkten müssen. Es reicht nicht mehr, ein Konzert anzubieten, in dem man schöne Stücke aneinanderreiht. Die Ver anstalter erwarten sich Programmentwürfe in einem Kontext oder eine Performance, einen Event", sagt sie. Deshalb sei in so gut wie allen Curricula Selbstmanagement eingeführt worden. Seit dem Vorjahr werde zudem ein Career Center aufgebaut, das Studierenden und Absolventen den Berufseinstieg erleichtern solle. Es bietet Workshops über Buchhaltung oder Urheberrecht ebenso an wie Kurse über die Selbstvermarktung in den sozialen Netzwerken.

"Künstler sein, das ist immer mehr wie eine Ich-AG", meinen auch die Studenten Kinga, Sebastian und Mathias. Sie sind sich einig, dass es kein einheitliches Berufsbild eines Künstlers gebe. Jemand, der wie Sebastian Instrumental- und Gesangspädagogik studiere, könne ebenso als Cellist erfolgreich sein. Mathias, ein angehender Komponist, erzählt, dass er vergangene Woche einen Abend mit Stücken für Klavier zu vier Händen veranstaltet habe. Kinga wiederum studiert Französisch und Musik auf Lehramt mit Schwerpunkt Chorleitung. "Es gibt bisher kaum namhafte Chorleiterinnen in Österreich. Das ist aber kein Grund, nicht zu versuchen, diesen Karriereweg einzuschlagen", sagt sie. Deshalb glauben alle drei, es sei nicht mehr ganz so relevant, welches Fach man genau an der MDW belegt habe. Vielmehr komme es darauf an, dass man sich mit Studienkollegen und Lehrern gut vernetze. "Ich kenne kaum Kollegen, die keine eigenen Projekte neben dem Studium am Laufen haben. Ich war zum Beispiel im September mit einem Orchester auf China-Tournee. Im Februar veranstalte ich ein Barockprogramm und ich singe in einigen Chören, darunter im Schoenberg-Chor", so Sebastian. Auch Mathias erzählt, dass er bis Oktober 2017 mit Auftragskompositionen ausgebucht sei. Kinga betont: "Man muss auf Zack bleiben. Schlägt man ein Angebot aus, wird es jemand anderem gestellt."

Alle drei nehmen ein Wort auffällig oft in den Mund: das Portfolio, das man sich als junger Künstler aufbauen müsse. "Es gibt immer mehr bestens ausgebildete Musiker, die sich um die wenigen fixen Stellen an Musikschulen und in Orchestern bewerben", sagt Sebastian.

Das sieht Vizerektorin Gisler-Haase ähnlich. Sie betont aber, dass die MDW "keine Arbeitslosen" hervorbringe. Laut der jüngsten Graduiertenbefragung aus 2014 arbeiteten bis zu 96 Prozent der Absolventen langfristig in dem Feld, das sie studiert hätten. 75 Prozent gaben an, unmittelbar nach ihrem Abschluss einen adäquaten Job gefunden zu haben. Für Rektorin Sych habe das auch mit der Eignungsprüfung an der MDW zu tun, die nur jeder zehnte Bewerber bestehe. Dadurch sei das Betreuungsverhältnis ein ganz anderes als an anderen Universitäten, "denn es sitzen höchstens 20, 25 Studierende in einer Vorlesung".

Für die Musikhistorikerin Szabó-Knotik ist das auch der Grund, weshalb Studierende schon seit rund 200 Jahren die unsicheren Zukunftschancen und die mitunter prekären Einkommensaussichten als Künstler in Kauf nehmen. "Künstler ist ein Traumberuf. Wer will kein begnadetes Genie sein", sagt sie. Das sei schon zu Salieris Zeiten so gewesen und habe sich auch das 20. Jahrhundert hindurch kaum geändert. Auch Studierende an der "k. k. Akademie für Musik und darstellende Kunst" sowie an der nachfolgenden Staatsakademie hätten es nicht leicht gehabt, erfolgreich zu sein. Ebenso wenig wie nach der Neueröffnung nach 1945 und der Umwandlung in eine Kunstakademie, die 1970 zur Kunsthochschule erklärt wurde. 1998 erfolgte die Neuorganisation als Musikuniversität, die 2004 in die Vollrechtsfähigkeit entlassen wurde.

"Wenn sich etwas verändert hat, dann ist das die Perfektion, die heute von einem Künstler erwartet wird", meinen beide, Rektorin Sych und ihre Stellvertreterin Gisler-Haase. Sych geht so weit, die eigene CD-Aufnahme "als die größte Konkurrenz eines Künstlers" zu bezeichnen.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 02:39 auf https://www.sn.at/panorama/traumberuf-oder-knochenjob-385468

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