Was wir doch nicht alles müssen!

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Panorama Josef Bruckmoser

Gehören Sie auch zu jenen Menschen (wie ich), die auf dem Weg zur Arbeit noch schnell etwas einkaufen "müssen" oder noch schnell auf die Bank "müssen" oder noch schnell via Freisprechanlage ein Telefonat erledigen "müssen"?

Tut leid, aber dann hat Ihre Sprache Sie schon verraten. Denn Satzteile wie "ich muss jetzt noch schnell" kommen nicht von ungefähr. Sie sind - dem Herrn Sigmund Freud sei's geklagt - der unbewusste Ausdruck unserer gestressten Seelen. Wer sich unter Druck fühlt, drückt sich auch so aus, sagt dazu die Kognitionsforscherin, die auf der heutigen Wissenschaftsseite der SN zitiert wird.

Zumal jetzt, im ruhigen Advent, können wohl die meisten von uns das sehr gut nachfühlen - mit dem Seufzer auf den Lippen, was wir doch noch alles müssen. Denn am 24. - oder spätestens am 31. - ist es, wie wir meinen, zu spät. Also stopfen wir in das zu Ende gehende Jahr noch schnell alles hinein, was es aushält. Oder vielleicht auch nicht mehr aushält.

Die Sprache bringt es an den Tag. Genauer noch: Sie bringt "uns" an den Tag. Die Sprache deckt unser inneres Wesen auf und hält uns den Spiegel vor. Ratschläge, was dagegen hilft, gibt es zuhauf. Gute Vorsätze auch. Allein, es hilft nur das Tun. Und ein wenig das anders Denken und das anders Reden.

Dann kommt einem schnell in den Sinn, was wir - gottlob - alles nicht müssen. Wir müssen uns in der Regel keine Sorgen darüber machen, was wir morgen essen oder anziehen werden, wir müssen uns nicht jede Minute davor fürchten, dass irregeleitete Selbstmordattentäter unser Leben auslöschen, und wir müssen nicht unsere Heimat, unser Hab und Gut und unsere Familie verlassen, weil rundherum der Krieg tobt.

Freilich enthebt uns das nicht all der kleinen Widrigkeiten und der vielen Zwänge, mit denen auch wir Privilegierten der Wohlstandsgesellschaft täglich zu kämpfen haben. Aber wie der Volksmund richtig sagt: Müssen tun wir sterben. Das viele Andere, was wir zu müssen meinen, erwächst aus unserer getriebenen Art zu leben.

Es geht auch anders. Vielleicht sogar im Advent.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 04:32 auf https://www.sn.at/panorama/was-wir-doch-nicht-alles-muessen-1915462

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