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"Ärzte Ohne Grenzen": Klimawandel wird Konflikte befeuern

Die Geschäftsführerin der Hilfsorganisation "Ärzte Ohne Grenzen Österreich", Laura Leyser, warnt vor dramatischen Folgen.

Afrika besonders vom Klimawandel betroffen SN/apa (afp)
Afrika besonders vom Klimawandel betroffen

Der Klimawandel wird Konflikte in vielen Teilen der Welt befeuern. Davor hat die Geschäftsführerin der Hilfsorganisation "Ärzte Ohne Grenzen Österreich", Laura Leyser gewarnt. Sie äußerte sich im Interview mit der Kooperationsredaktion der österreichischen Kirchenzeitungen anlässlich des 50. Geburtstags der Hilfsorganisation. Die NGO wurde im Dezember 1971 gegründet. Die Auswirkungen des Klimawandels machten sich in den Hot Spots der Einsatzgebiete von "Ärzte Ohne Grenzen" immer häufiger bemerkbar; etwa in Teilen Afrikas durch Dürren oder in Asien und Lateinamerika durch Wirbelstürme. "Und es sind immer die Schwächsten der Gesellschaft, die am stärksten davon betroffen sind", so Leyser.

Wasserknappheit gefährde den Anbau und die Produktion von Nahrungsmitteln und dadurch würde wieder verstärkt Mangelernährung auftreten. Durch Katastrophen wie Überschwemmungen brechen Krankheiten wie die Cholera oder Malaria aus. Dazu komme, "dass knappe Ressourcen Konflikte befeuern und Menschen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Da sehen wir besorgt der Zukunft entgegen."

Die Arbeit von "Ärzte Ohne Grenzen" stehe bis heute auf zwei Grundpfeilern, erläuterte Leyser: "Einerseits rasch medizinische Nothilfe leisten für Menschen, die durch Krankheiten, Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Fluchtbewegungen und Epidemien in Gefahr sind. Andererseits öffentlich Zeugenschaft ablegen und unmenschliche Situationen vor Ort anprangern, wenn es die Umstände erfordern, um Aufmerksamkeit dafür zu schaffen."

Diese Anwaltschaft für die Opfer bringe freilich auch praktische Probleme mit sich. "Im schlimmsten Fall kann es sein, dass wir den Zugang zu unseren Patienten verlieren", räumte Leyser ein. Ein Beispiel dafür ist Libyen, wo "Ärzte ohne Grenzen" seit Jahren in den überfüllten Internierungslagern arbeitet, in denen schreckliche Bedingungen herrschen.

Leyser: "Die Missstände vor Ort wuchsen heuer stetig an und es wurde gezielt strukturelle Gewalt angewandt. Da die Sicherheit unserer Teams nicht mehr gewährleistet war, zogen wir uns zurück. Das führte dazu, dass diese Menschen in den Lagern, die nichts mehr haben und für die wir die einzige Unterstützung sind, dann gar keine Hilfe mehr bekamen." In solchen Fällen müssten Entscheidungen sehr vorsichtig abgewogen werden. "Nach vielen Wochen der Verhandlungen haben wir es jetzt aber geschafft, dass es zu einer Besserung gekommen ist und wir auch wieder Zugang zu den Menschen haben, so die "Ärzte Ohne Grenzen"-Geschäftsführerin. Nachsatz: "Solche Fälle passieren regelmäßig."

Ein tragischer Vorfall war die Bombardierung eines Spitals 2015 in Kundus in Afghanistan durch die Streitkräfte der USA. Leyser: "Mindestens 42 Menschen sind dabei gestorben, sowohl unsere Ärzte als auch Patienten, teilweise während operiert wurde." Seither sei es immer häufiger zu gezielten Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen und humanitäre Helfer in verschiedenen Ländern gekommen; im äthiopischen Tigray, in Syrien, im Jemen oder in der Demokratischen Republik Kongo. "Das ist eine große Herausforderung für uns und wir drängen immer wieder darauf, die Regeln des humanitären Völkerrechts einzuhalten", so die Geschäftsführerin.


65.000 Mitarbeiter weltweit

Die Organisation finanziert sich weitgehend aus privaten, hauptsächlich zweckungebundenen Spenden. So könne man unabhängig von politischen, religiösen und wirtschaftlichen Zwängen unparteiisch und neutral das Recht aller Menschen auf medizinische Hilfe umsetzen und schnell reagieren, sagte Leyser. Auch die Logistik habe sich im Laufe der Jahre stark gewandelt. "Heute ist es uns möglich, in mehr als 80 Ländern der Welt innerhalb von 48 Stunden vor Ort zu sein." Natürlich gebe es aber auch Projekte in abgelegenen Regionen, "wo wir Kolleginnen und Kollegen mit einem kleinen Flugzeug absetzen müssen und es dann vielleicht noch eine zweiwöchige Fahrt mit dem Boot braucht, damit sie zu Menschen gelangen, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hätten".

Insgesamt hat "Ärzte Ohne Grenzen" rund 65.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit, davon sind 90 Prozent lokal jeweils vor Ort. Die Hälfte der Einsatzkräfte hat ein medizinisches Profil - Ärzte, Psychologen, Hebammen, Krankenpfleger, Krankenschwestern. Der Rest sind Logistiker, Wasser- und Sanitärmechaniker oder Mitarbeiter im Finanzwesen. Aus Österreich werden um die 120 Einsatzkräfte pro Jahr in verschiedenste Gebiete entsendet.

Aufgerufen am 20.01.2022 um 09:00 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/aerzte-ohne-grenzen-klimawandel-wird-konflikte-befeuern-114075892

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