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Amok und Terror: Wenn die Angst keine Pause mehr bekommt

Gewalt in Serie, Anschläge auch in der Provinz: Terror und Amok treffen uns zwar nicht unerwartet. Aber die Seele scheint angefasst.

Amok und Terror: Wenn die Angst keine Pause mehr bekommt SN/www.BilderBox.com
Bei überbordender Angst und Unsicherheit halten viele Fachleute ein Gegenmittel für besonders hilfreich: Wissen.WODICKA

Eigentlich möchten die meisten Menschen gerne auf der sicheren Seite leben. Doch gerade schwindet das Gefühl dafür, wo diese sichere Seite liegt. Paris, Orlando, Nizza, Würzburg, München, Ansbach, Rouen - die Namen der Städte stehen für Anschläge, die wie eine schlimme Serie wirken. Nicht wie eine zufällige Häufung. Ausbrüche einer unheimlichen Gewalt, die näher an unseren Alltag rückt, die die Provinz erreicht hat.

Seien es Amokläufer, islamistische Fanatiker oder psychisch kranke Täter: Unsicherheit schürt Angst, sagen Experten. Oder zumindest Sorge.

Und wie geht es jetzt weiter mit dem mulmigen Gefühl? Und mit einem Mehr an Schutzmaßnahmen, die nach dem Urteil vieler Experten nie 100 Prozent Sicherheit bringen? Der Angstforscher Borwin Bandelow beurteilt die Seelenlage der Nation trotz allem durchaus optimistisch: "Selbst wenn die Zahl der Anschläge hierzulande weiter zunehmen sollte, wird sich unsere Gesellschaft nicht zu ihrem Nachteil verändern. Wir werden jedenfalls keine Gesellschaft der Angst", sagt er.

Bei überbordender Angst und Unsicherheit halten viele Fachleute ein Gegenmittel für besonders hilfreich: Wissen. Nicht nur über Ursachen von Amoktaten Einzelner und politischen Terror des Islamischen Staates (IS). Sondern das Wissen über Ängste und wirkliche Lebensrisiken. Und etwas Gelassenheit.

1. Der Schrecken trifft uns nicht unvorbereitet

Völlig unerwartet trifft die Gewaltwelle die wenigsten. Schon nach den Anschlägen in Frankreich und Belgien 2015/16 gab es Spuren der islamistischen Mörder zu uns. In Istanbul zündete im Januar ein IS-Angreifer eine Bombe in einer deutschen Reisegruppe. Zwölf von ihnen starben. Der deutsche Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagt seit Monaten im Fernsehen Sätze wie: "Die Gefährdungslage war und ist hoch." Im November 2015, nach den IS-Attentaten in Paris mit 130 Toten, formulierte der CDU-Politiker: "Deutschland steht unverändert im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus." Und in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov gaben schon im vergangenen Dezember zwei Drittel der Befragten zu Protokoll: Sie rechneten für 2016 mit einer IS-Attacke in ihrem Land.

Zugleich notierten Trendforscher, dass viele Leute sich ins Private zurückzögen. Freunde und Familie stünden hoch im Kurs. Sie interpretierten das als Reaktion auf steigende Verunsicherung durch Terrorismus und die Ankunft von rund einer Million Flüchtlingen und Migranten. Das Ziel: Abschirmen gegen Übermächtiges, das von außen die Geborgenheit bedroht.

2. Ungewöhnlich schnelle Folge steigert Furcht

Zum Umgang mit Risiken gehört es durchaus, nicht ständig dran zu denken: "Bei vielen tritt ein Verdrängungseffekt ein. Man versucht, sein eigenes Leben weiterzuleben", erläutert Michael Krämer, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. "Aber wenn ein bedrohliches Ereignis auf das andere folgt, so wie wir das jetzt erlebt haben, wird es natürlich schwierig mit dem Verdrängen. Dann werden Terror und Gewalt immer wieder neu ins Bewusstsein gehoben." Mit anderen Worten: Das Verdrängen hat Grenzen.

3. Angst hat irrationale Anteile

Ohnehin sind Furcht und Dünnhäutigkeit nicht immer rational begründet - also von Zahlen und Fakten untermauert. Im Gegenteil. Risikoforscher Ortwin Renn wird nicht müde zu erklären, warum sich viele vor dem Falschen fürchten. Etwa vor einem Flugzeugabsturz - der selten und unwahrscheinlich ist. Aber weniger vor einer Autofahrt, obwohl im Straßenverkehr in Deutschland 2015 mehr als 3450 Menschen starben. Weltweit kommen sogar mehr als eine Million Menschen jährlich im Verkehr ums Leben.

Ungesunde Essgewohnheiten, zu viel Fett und Zucker, rutschen trotz hohen Gesundheitsrisikos und Krebsgefahren als kleine Sünden durch. Gewitter und Blitz dagegen lassen viele Leute zittern. Dabei rechnet Renn pro Jahr mit etwa sieben Toten durch Blitze hierzulande.

Und die Terrorangst? "Statistiken kann man nur über Zeiträume berechnen und nicht auf der Basis von Einzelfällen hochrechnen", stellt Renn, wissenschaftlicher Direktor am Institut for Advanced Sustainability Studies in Potsdam, klar. "Wenn man die letzten 20 Jahre als Vergleichsmaßstab nimmt, hat man in ganz Europa 48 Terror-Tote pro Jahr, in Deutschland war es bislang nicht einmal einer. Da schlagen sich vor allem die zehn Morde des rechtsextremen NSU nieder. Auch wenn man den Anschlag von München nun dort einordnen würde, liegen wir immer noch weit unter den Zahlen anderer Länder."

Professor Günther Schlee vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle an der Saale verweist ebenfalls auf Wahrscheinlichkeiten: "Denn rein statistisch gesehen, so beunruhigend die aktuelle Situation auch ist, ist es sehr viel wahrscheinlicher durch einen Unfall auf der Straße ums Leben zu kommen als durch eine Gewehrkugel oder Bombe."

4. Wie das Gehirn Gefahr verarbeitet

Diese Widersprüche lassen sich auch mit dem Aufbau unseres Gehirns erklären. Dort verarbeitet derselbe Mensch bedrohliche Ereignisse an unterschiedlichen Stellen auf unterschiedliche Art. Einmal rational und einmal emotional. Und zum Teil ist es auch eine Typfrage, welche Seite dominiert.

Angstforscher Professor Bandelow erläutert: "Im Gehirn gibt es zwei Zentren. Das eine sagt: Die statistische Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist verschwindend gering. Das andere sagt: Ich habe trotzdem Angst, wenn im Bus oder der Straßenbahn ein Mann mit dunklem Bart sitzt." Und dieses "Angstsystem" lasse sich nicht von Zahlen und Wahrscheinlichkeiten beeinflussen. "Deswegen gibt es Menschen, die sich völlig irrational aus dem öffentlichen Leben zurückziehen."

Wir überschätzen in der Regel Risiken von Ereignissen, die für uns persönlich kaum zu kontrollieren sind - wie eben Amok und Terror. Wir spielen dagegen Risiken herunter, wo wir uns als Herr oder Frau der Lage wähnen. Das gilt, wenn wir ein Fahrrad gegen die Richtung in die Einbahnstraße steuern ebenso wie für Hausarbeit. Und das, obwohl die Statistiker hierzulande im Jahr rund 9000 Tote bei Unfällen im Haushalt zählen.

5. Zur Angst gehören Auf und Ab

Grundsätzlich stellen Experten heraus: Neue, noch unbekannte Gefahren erschrecken uns besonders. Unsichtbares, Vages, Fremdes - wie Strahlung, große Finanzkrisen und Ebola-Viren - verängstigen manche rasch. Experten klagen über wahre Panikwellen, die von aufgeregten Berichten in klassischen Medien und sozialen Netzwerken befeuert werden.

Wenn ein Ereignis längere Zeit zurückliegt, nimmt die Angst meist wieder ab. Der Göttinger Forscher Bandelow rechnet mit vier Wochen. Aktuell gönnt die Realität dem Gehirn wenig Pausen. "Im Moment haben die Menschen wegen der dicht aufeinander folgenden Ereignisse allerdings gar keine Gelegenheit, sich wieder zu beruhigen", resümiert er.

6. Was gegen zu viel Angst hilft

Sich offen und ehrlich austauschen über die Sorgen und Befürchtungen, das raten Angst-Experten mit Nachdruck. Den Einzelnen ebenso wie der Gesellschaft. "Ein guter Rat ist sicher, sich nicht in die Angst hineinzustürzen und sich zurückzuziehen. Sondern stattdessen mit anderen darüber zu reden. Es aussprechen, den Kontakt zu anderen suchen - ein solcher Austausch hilft in den meisten Fällen", sagt der Psychologe Michael Krämer. Sich einschüchtern zu lassen, sei der falsche Weg. Lieber auf die Straße gehen, demonstrieren und zeigen, dass der Alltag nicht zum Erliegen kommt.

Quelle: SNdpa

Aufgerufen am 19.09.2018 um 01:01 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/amok-und-terror-wenn-die-angst-keine-pause-mehr-bekommt-1213330

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