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Artensterben: Globales System von Schutzgebieten reicht nicht aus

Bei der UN-Biodiversitätskonferenz in Kunming (China) sollen im Frühjahr Maßnahmen zur Eindämmung und Umkehr des massiven Verlusts der Artenvielfalt beschlossen werden.

Geplant ist etwa, 30 Prozent der Land- und Meeresflächen global unter Schutz zu stellen. Das reiche aber nicht aus, warnen nun mehr als 50 Wissenschafter aus 23 Ländern, darunter Österreich. Notwendig seien vielmehr weitere koordinierte Maßnahmen, etwa der Abbau schädlicher Agrar- und Fischereisubventionen.

Die 15. Weltbiodiversitätskonferenz (COP 15) zur Umsetzung der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity; CBD) startete Pandemie-bedingt im Herbst vergangenen Jahres als Videokonferenz und soll vom 25. April bis 8. Mai 2022 mit Vertretern der 200 CBD-Vertragsstaaten in Präsenz fortgesetzt werden. Dabei wird auch über einen seit Anfang 2021 vorliegenden Entwurf mit 21 Zielen zum Schutz der Biodiversität beraten.

Koordiniert von bioDISCOVERY, einem Programm der Organisation "Future Earth", und der "Group on Earth Observations Biodiversity Observation Network" (GEO BON) hat nun eine Gruppe internationaler Wissenschafter, darunter Franz Essl von der Universität Wien sowie David Leclere und Piero Visconti vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, diese 21 Ziele bewertet und ihren Bericht an die an der COP 15 beteiligten Regierungen geschickt. Sie warnen davor, sich zu sehr auf Schutzgebiete zu konzentrieren und andere dringende Maßnahmen zur Bekämpfung der Biodiversitätskrise zu vernachlässigen.

Eines der bekanntesten Ziele des Entwurfs, die Unterschutzstellung von 30 Prozent aller Land- und Meeresflächen, sei "wichtig", es reiche aber bei weitem nicht aus, um den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen und umzukehren, so Paul Leadley von der Universität Paris-Saclay (Frankreich), der die Evaluierung der Ziele geleitet hat, in einer Aussendung des IIASA. "Es gibt sehr gute Belege dafür, dass wir die ehrgeizigen internationalen Ziele für die biologische Vielfalt erneut verfehlen werden, wenn wir uns zu sehr auf Schutzgebiete konzentrieren und andere dringende Maßnahmen zur Bekämpfung der Bedrohungen der biologischen Vielfalt vernachlässigen."

Erforderlich sei vielmehr ein koordiniertes Vorgehen mit vielfältigen, miteinander verbundenen Maßnahmen, betonen die Forscher. Dazu zählen ein massiver Abbau schädlicher Agrar- und Fischereisubventionen, eine tiefgreifende Reduktion des übermäßigen Konsums und eine Begrenzung des Klimawandels auf 1,5 Grad Celsius. Maßnahmen müssten auf allen Ebenen koordiniert und Fortschritte regelmäßig überprüft werden. Weil es bei der Überwachung der biologischen Vielfalt massive Lücken gebe, seien erhebliche Investitionen in eine bessere Kontrolle notwendig, um wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Und weil die Zeitspanne zwischen Maßnahmen und positiven Ergebnissen für die biologische Vielfalt Jahrzehnte betragen könne, müsse sofort gehandelt werden, wenn die globalen Ziele bis 2050 erreichen werden sollen.

Aufgerufen am 27.05.2022 um 01:49 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/artensterben-globales-system-von-schutzgebieten-reicht-nicht-aus-116183134

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