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Ausgeschwirrt: Massensterben bei den Insekten

Das Massensterben der Insekten passiert schneller als befürchtet. Binnen zehn Jahren kam es zu einem regelrechten "Zusammenbruch". Das ist auch eine tragische Nachricht für den Homo sapiens.

Fliegt noch was?
"Wir haben als Kinder immer die Kühlergrills von Autos nach Schmetterlingen abgesucht. Da waren so viele Insekten in der Luft, dass die Kühler im Sommer nach hundert Kilometern Fahrt voller Insekten waren. Das passiert heute nicht mehr", erzählt der Fotograf und Naturschützer Rudi Ritt. Man müsse auch nicht mehr regelmäßig anhalten, um die Windschutzscheibe von allerlei Getier zu reinigen. Diese Schilderung hört man oft, wenn das Thema Insektensterben angesprochen wird.

Insekten sind zahlenmäßig die häufigsten Lebewesen der Erde. Es ist eine unglaublich große Biomasse: Dem britischen Insektenforscher Dave Goulson zufolge dürfte es um die zehn Trillionen Insekten auf der Erde geben. Man schätzt, dass es etwa eine Million verschiedene Insektenarten gibt. Österreich ist aufgrund seiner unterschiedlichen Lebensräume und des gemäßigten Klimas noch eines der artenreichsten Länder Mitteleuropas. Knapp 3000 Pflanzenarten und fast 54.000 Tierarten, davon etwa 40.000 Insekten, leben hier. Noch.

Insekten sind extrem robust und anpassungsfähig. Insofern ist es umso dramatischer, dass offenbar nicht einmal mehr sie dem Einfluss des Menschen auf die Natur standhalten. Da Ritt schon jahrzehntelang fotografiert, beobachtet er eine beunruhigende Entwicklung, die mittlerweile durch zahlreiche Studien belegt ist: Es sterben einzelne Arten aus, gravierender ist jedoch, dass sich Populationen einer Art massiv verkleinern. Beispiel: Früher fand man auf einem Sommerflieder 50 Schmetterlinge, zehn verschiedene Arten, heute sind es fünf, ein Individuum pro Art. "Es geht gnadenlos bergab. Das tut mir furchtbar weh", so Ritt. Das Sterben ist auch in Naturschutzgebieten zu beobachten, weil diese oft zu klein dafür sind, dass sich eine Population ausreichend fortpflanzen kann. Und weil Umweltgifte nicht vor Schutzgebieten haltmachen. Ritt sieht seine Fotos als Vermächtnis für die Nachwelt: "Es ist makaber, aber ich kann mit einem Foto diese Tiere wenigstens dokumentieren. Doch so schön die Fotos sind und so gern ich sie anschaue, lieber wäre es mir, wenn es diesen Tieren weiterhin gut geht. Auch das beste Foto ist sonst nur ein trauriger Abklatsch."

Größter Massenexitus seit dem Ende der Dinosaurier

Der deutsche Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht hat kürzlich den mehr als 1000 Seiten umfassenden Wälzer "Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten" vorgelegt. Der derzeit stattfindende größte Massenexitus seit dem Aussterben der Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren sei dramatischer und folgenschwerer als die Klimaerwärmung. Beim Kreide-Paläogen-Sterben verschwand immerhin die Hälfte aller damals lebenden Tiergattungen. "Ohne uns der Dramatik und Dimension annähernd bewusst zu sein, werden wir gegenwärtig Zeuge eines rasanten Verlusts an Biodiversität", so Glaubrecht. Der Biologe Jan Christian Habel von der Universität Salzburg spricht nicht mehr von einem Insektenschwund, sondern von einem "Zusammenbruch". Das Problem der vergangenen Studien sei gewesen, dass sie meist nur punktuell durchgeführt worden seien. Eine aktuelle Biodiversitätsstudie der Technischen Universität München, an der auch Habel beteiligt war, sei deshalb einmalig, weil sie breit angelegt, standardisiert und deshalb sehr aussagekräftig sei. Zwischen 2008 und 2017 wurden zahlreiche Insektengruppen auf 300 Flächen in Deutschland erfasst. Der Rückgang sei weitreichender, als bisher vermutet. Einige seltenere Arten wurden gar nicht mehr gefunden. Die Autoren der Studie stellen fest, dass sich heute auf vielen Flächen etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor zehn Jahren tummeln. "Das Schlimme an diesen Daten ist, dass innerhalb von zehn Jahren, was ein kurzer Zeitraum ist, die Insektenvielfalt deutlich zurückgeht, obwohl sich auf den Flächen nichts verändert hat. Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass intakte Lebensräume fehlen, dass die Landschaft insgesamt in so einem schlechten Zustand ist, dass wir selbst in Naturschutzgebieten negative Trends haben", betont Habel. Betroffen seien prinzipiell alle untersuchten Wald- und Wiesenflächen.

Den größten Rückgang stellte man auf Grünlandflächen fest, die von Ackerland umgeben sind. In Österreich sei die Lage ähnlich, so Habel. Derzeit untersucht er speziell die Salzburger Schmetterlinge - da zeige sich ebenfalls, dass es innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte einen Rückgang gegeben habe. "Nicht alle Arten verschwinden, nicht alle sind Verlierer, manche bleiben auch stabil wie der Rapsweißling, der Kleine Kohlweißling, das Tagpfauenauge, aber mindestens zwei Drittel der etwa 220 Tagfalterarten sind stark rückläufig."
Da Insekten für viele nicht unbedingt zu den Sympathieträgern im Tierreich gehören - vom Schmetterling oder der Honigbiene einmal abgesehen -, kostet es vielen nur ein Schulterzucken, wenn es weniger von ihnen gibt. Doch die Aktivität von Insekten ist das Fundament von Ökosystemen. Keine Art stirbt für sich allein, wie Evolutionsbiologe Glaubrecht betont. Wichtige evolutionäre Prozesse fänden nicht mehr statt, da Insekten etwa auf Pflanzenarten wirkten und umgekehrt. Viele Vögel und auch Fledermäuse ernähren sich direkt von Insekten oder den Raupen und Eiern. Wenn sie nichts mehr zu fressen finden, haben sie weniger Nachwuchs. Das betrifft mittlerweile auch "Allerweltsvögel" wie Amsel, Drossel, Fink und Star. Mittlerweile steht jede dritte Vogelart in Österreich auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Die Lage ist vor allem dort trist, wo konventionelle Landwirtschaft mit Pestizid- und Kunstdüngereinsatz betrieben wird, wo ein Supermarkt nach dem anderen steht, neben Firmenhallen, Straßen, Einfamilienhäusern mit straff getrimmtem Rasen und den unvermeidlichen Thujenhecken. Die Gleichförmigkeit und Fragmentierung der Landschaft macht vielen Arten den Garaus. Kanadische Wissenschafter haben kürzlich auch belegt, dass Pestizide besonders auch Zugvögel treffen, die auf Feldern und Wiesen zwischenlanden und mit dem Gift direkt in Berührung kommen. Die Klimaerwärmung ist ebenfalls ein Faktor, bei Insekten auch die Stickstoffbelastung durch den Verkehr.

Parks sollten Blumenwiesen werden

Für den schwedischen Statistiker Hans Rosling hingegen ist unsere Sicht auf die Welt viel zu düster: In seinem Buch "Factfulness" legt er Argumente dafür vor, dass dieses Bild den tatsächlichen Fakten widerspreche. Er thematisiert auch die Rote Liste. Laut den Daten von World Wildlife Fund (WWF) wurden der Tiger, der Riesenpanda und das Spitzmaulnashorn 1996 auf dieser Liste aufgenommen. Die meisten Menschen würden wohl meinen, dass diese Arten heute noch mehr gefährdet seien. Doch dem sei nicht so: "Man stellt fest, dass zwar einige lokale Populationen oder Unterarten zurückgegangen sind, die Wildpopulationen der Tiger, des Riesenpandas und der Schwarzen Nashörner aber in den vergangenen Jahren insgesamt zugenommen haben", schreibt Rosling. Es seien also Fortschritte erzielt worden, doch Naturschutzaktivisten würden versuchen, die Aufmerksamkeit für die Tiere zu halten, indem sie behaupteten, die Verhältnisse verschlimmerten sich. Er gesteht ihnen zwar zu, dass deren Engagement auch zu diesen Erfolgen geführt habe - aber es wäre mehr zu erreichen und motivierender, auch auf Fortschritte hinzuweisen, als die Weltuntergangsstimmung am Köcheln zu halten.

An anderer Stelle in seinem Buch zeigt er die "positive" Entwicklung, wonach laut den Daten der internationalen Naturschutzorganisation IUCN 1959 nur die 34 als bedroht eingestuften Tierarten überwacht wurden. 2017 seien es schon 87.967 gewesen. Freilich: Was Rosling hier als Fortschritt darstellt, ist im Grunde ein Ausdruck dafür, wie sehr Tierarten unter Druck geraten sind. Dass von dem Artensterben letztlich auch die Existenz und Ernährung des "größten Raubtiers, des angeblichen Homo sapiens", wie Glaubrecht schreibt, bedroht ist, liegt auf der Hand. Insekten sind wesentlich für die Bestäubung, ohne diese Dienstleistung verschwinden Pflanzenarten und die Erträge in der Landwirtschaft fallen geringer aus. Die Biologin Alexandra Klein von der Universität Freiburg hat bereits Studien über die monetären Folgen davon vorgelegt. "Wir wissen derzeit auch noch wenig über den Zustand der Insekten in Gewässern oder in Böden. Wenn diese Fauna leidet oder verschwindet, fällt ebenso eine wichtige Dienstleistung weg, denn diese Organismen sorgen für intakte Böden und saubere Gewässer", erklärt Habel.

Konstruktive Ansätze sind nun gefragt. Es sei erstaunlich, wie schnell sich Arten auch wieder erholen könnten, wenn man sie lasse und Flächen etwa außer Nutzung stelle, so Habel. Ein positives Beispiel ist etwa der Botanische Garten im Nationalpark Triglav in Slowenien. Dort gedeihen auf rund 2500 Quadratmetern 600 Pflanzenarten - und ermöglichen eine üppige, selten gewordene Insektenvielfalt. "Allerdings können Naturschutzgebiete allein den starken Verlust an Biodiversität nicht auffangen." Es geht um Grundsätzliches: "Der Agrarsektor wird als Wirtschaftssektor wie jeder andere angesehen, mit Wachstum und Profit als Maxime. Doch hier haben wir ein Problem, weil die natürlichen Ressourcen endlich sind. Es wäre höchste Zeit, dies zu überdenken."

Mit technologischer Innovation allein wird man die ökologischen Probleme auch nicht in den Griff kommen. Nötig ist für die Experten eine komplette Änderung des Lebensstils, eine andere Art der Mobilität, des Energieverbrauchs - und vor allem eine neue Definition von Wohlstand. "Das ist natürlich deutlich schwieriger, als einen Filter im Schornstein einzubauen, um gegen das Waldsterben vorzugehen, wie es vor 40 Jahren der Fall war", sagt Habel. "Man muss überdenken, was man isst und kauft, besser wäre regional, saisonal und biologisch. Jeder, der einen Garten hat, könnte einen Teil davon naturverträglich bewirtschaften." Auch Kommunen könnten mit gutem Beispiel vorangehen und einzelne Abschnitte in Parks zu Blumenwiesen erblühen lassen. "Und klar auf einem Schild erklären, dass dies ein Lebensraum für Insekten ist, damit die Menschen nicht denken, das sieht nicht schön aus oder wurde vergessen." Denn viele haben offenbar vergessen, wie wilde Natur mit den dazugehörigen Arten aussieht.

Aufgerufen am 08.12.2021 um 07:52 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/ausgeschwirrt-massensterben-bei-den-insekten-84750742

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