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Autismus: Wenn Kinder aus der Reihe tanzen

Gezieltes Training kann die Probleme lindern, die der Autismus mit sich bringt.

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Small Talk findet sie sinnlos. Die vielen Gesichtsausdrücke ihrer Mitmenschen verwirren sie. Sie hört viel mehr als andere. Schokolade ist für sie nicht süß, sondern verbindet sie mit "grün". Mit neun hatte sie schon alle Harry-Potter-Bände gelesen. Dass Elyne Diener besonders ist, war schon als Säugling erkennbar. Richtig bewusst wurde sie sich dessen aber erst, als sie mit zwölf ins Gymnasium kam. "Hier stieß ich aufgrund meiner Andersartigkeit auf viel Unverständnis, bis der Lehrer eingegriffen hat", erinnert sie sich. Elyne Diener hat das Asperger-Syndrom.

Das Asperger-Syndrom gehört zum Autismus-Spektrum, das verschiedene Autismusformen umfasst. Dies sind angeborene Persönlichkeitsmerkmale, die lebenslang sozial und emotional beeinträchtigen können. Den Betroffenen fällt es schwer, mit anderen Menschen zu kommunizieren, Beziehungen aufzubauen. Sie nehmen die Welt um sich herum anders wahr. Dadurch wirken sie oft etwas seltsam.

Die "Andersartigkeit" dieser Menschen inspirierte in den letzten Jahren zu zahlreichen Filmen und Büchern wie etwa "Das Rosie-Projekt" von Graeme Simsion. "Durch die Bekanntheit des Themas erkennen immer mehr Eltern die Verhaltensweisen ihrer Kinder wieder", sagt Regula Buehler von der Fachorganisation autismus deutsche schweiz. Auch Kinderärzte und Fachleute der Schulen wüssten besser über Autismus Bescheid und wiesen die Eltern auf eine Abklärung hin. Dadurch würden mehr Kinder diagnostiziert. "Dennoch", betont Regula Buehler, "aufgrund der großen Unterschiede in der ,Andersartigkeit' der Betroffenen gibt es immer noch viel Unwissen oder Halbwissen."

Das Asperger-Syndrom wurde bei der heute 17-jährigen Elyne erst spät diagnostiziert, vor rund zwei Jahren. Weil sich Mädchen gemäß den sozialen Erwartungen angepasster und weniger auffällig verhalten, erhalten sie weniger Hilfe und werden häufig später abgeklärt. "Krank bin ich deswegen aber noch lang nicht", betont Elyne Diener. "Asperger ist einfach ein Teil meiner Persönlichkeit. Jeder ist einzigartig, den Asperger gibt es nicht."

Die verschiedenen Eigenheiten von Elyne lassen sich tatsächlich nur schwerlich mit den gängigen Bildern in Verbindung bringen. "So wurde ihre Sozialkompetenz von ihren Lehrern stets gelobt", sagt Elynes Mutter, "gleichzeitig stand sie aber in der Klasse immer am Rand." Klarheit brachte erst eine Abklärung an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich im Oktober 2018. Elyne war erleichtert: "Endlich wusste ich, dass ich nicht spinne!", sagt sie. Zugleich bot man ihr kurzfristig einen Platz in der dortigen Gruppentherapie "KOMPASS" an. "Ein Glücksfall!", findet Elyne Diener heute.

Das "KOMPASS"-Gruppentraining richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Ein Mal pro Woche nach der Schule oder der Arbeit treffen sich die zehn jungen Frauen und jungen Männer für eineinhalb Stunden. Sie trainieren Strategien im Umgang mit anderen Menschen. Wie "lese" ich Gefühle aus einem Gesicht? Wie kann ich diese Gefühle zeigen? Weiters gibt es einen Block zum Thema Small Talk. Oder einen über nonverbale Kommunikation, worin Themen zur Sprache kommen wie "Ersteindruck", "Gestik", "Blickverhalten" oder "Nähe und Distanz". Für Menschen mit dem Asperger-Syndrom ist all das eine große Herausforderung. "Man geht aufgrund von Forschungsbefunden davon aus, dass soziale Fertigkeiten bewusst gelernt und intellektuell verstanden werden können", erklärt Bettina Jenny, Mitbegründerin von "KOMPASS" und Leitende Psychologin von der Fachstelle Autismus für Kinder und Jugendliche der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

So lernen die Teilnehmenden etwa, wie sie wechselseitig und verständlich kommunizieren können. Dies geschieht mit zahlreichen Übungen zu zweit, in Halbgruppen oder im Plenum, mithilfe von Rollenspielen oder Videoaufnahmen. Außerdem erhalten die Teilnehmenden wöchentliche Trainingsaufgaben nach Hause, etwa Übungen oder Beobachtungen, die auf Arbeitsblättern festgehalten werden müssen. Bettina Jenny, die die Gruppen auch leitet, bindet hierzu die Eltern mit ein. "Die Trainingsaufgaben sind wichtig, um die erlernten Fertigkeiten in den Alltag übertragen zu lernen", sagt sie.

Weil die "KOMPASS"-Plätze knapp sind, führt Bettina Jenny vorgängig mit jedem Interessenten ein Vorstellungsgespräch durch. Von den durchschnittlich 40 Anmeldungen können nur 20 pro Jahr berücksichtigt werden. Bettina Jenny legt dabei Wert auf eine gute Durchmischung der Gruppen, nach Geschlecht, Alter und Problemen.

Das seit 2004 bestehende Zürcher "KOMPASS"-Kompetenztraining zeigt gute Erfolge. So beobachten die im Rahmen einer Auswertung befragten Eltern eine deutliche Abnahme der autistischen Verhaltensweisen und umgekehrt eine Zunahme der sozialen Kompetenzen. Ähnliche Feststellungen, wenn auch in klar geringerem Maße, machen auch Lehrpersonen und Ausbilder. Die Betroffenen und ihr Umfeld finden gleichermaßen, dass die "KOMPASS"-Teilnehmenden generell mehr auf andere zugingen und sich angepasster verhielten.

Elyne Diener, die mittlerweile die "KOMPASS"-Gruppe für Fortgeschrittene besucht, war von Anfang an sehr motiviert: "Endlich war ich mal nicht anders, sondern gehörte ganz automatisch dazu", berichtet sie begeistert. Und sie schmiedet bereits Berufspläne, um Anwältin oder Psychiaterin zu werden.

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