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Baikonur - ein Raketenbahnhof auf dem Abstellgleis

Auf dem Weltraumbahnhof Baikonur hat die Sowjetunion die Ära der Raumfahrt eingeläutet. 60 Jahre ist das her. Doch was bleibt vom Glanz der Geschichte?

Vorbereitung zum Start einer Rakete in Baikonur (29. November 2016). SN/APA/AFP/ROSCOSMOS/STRINGER
Vorbereitung zum Start einer Rakete in Baikonur (29. November 2016).

Wie ein Vorhang, ein Vorhang aus Stahl, öffnet sich das Tor und gibt die Sicht frei auf die Rakete. Ein schüchternes Pfeifsignal durchbricht die Stille. Gemächlich setzt sich eine grüne Diesellok in Bewegung.

Sie zieht die rund 50 Meter lange Sojus-Rakete aus der Montagehalle hinaus in die kasachische Steppe.

An diesem eisigen Wintermorgen ist es gegen 7.30 Uhr noch stockfinster. Erst langsam schälen sich Funktürme und Hallen aus dem Dunkel. Das Klima in dieser Region ist extrem. Im Sommer 40 Grad Hitze.

Im Winter kann das Thermometer 40 Grad unter null zeigen. Während der Raketenzug im Schritttempo zur Startrampe fährt, enthüllt die Morgenröte das Herz der russischen Raumfahrt: den Weltraumbahnhof Baikonur in der kargen Weite Zentralasiens.

Vor 60 Jahren, im Oktober 1957, hatte die Großmacht UdSSR hier mit ihrem ersten Satelliten "Sputnik" die Ära der Raumfahrt voll eingeläutet. Heute starten von Baikonur Menschen zur Internationalen Raumstation ISS.

Doch kaputte Fenster und löchriger Asphalt auf dem Raketenbahnhof ebenso wie in der Stadt lassen ahnen, dass nicht nur das Wetter Baikonur zusetzt. Seit dem Zerfall der Sowjetunion in Einzelstaaten 1990/91 verblasst der Glanz des Kosmodroms.

Wie lange braucht Russland Baikonur noch? Wie lange kann der Ort noch seine Menschen ernähren? Ist Baikonur eine sterbende Stadt?

Konkurrenz durch Weltraumbahnhof in Sibierien

Seit Russland vor einem Jahr seinen modernen Weltraumbahnhof Wostotschny rund 5000 Kilometer weiter im Osten nahe der chinesischen Grenze eröffnet hat, wächst die Konkurrenz.

"Mit dem Ausbau von Wostotschny wird die Zahl der Raketenstarts von Baikonur stetig abnehmen", sagt Igor Marinin vom Raumfahrtmagazin "Nowosti Kosmonawtiki". Die Betreiber des Kosmodroms haben Sparmaßnahmen angekündigt. Wie gehen die Bewohner von Baikonur damit um, dass der größte Raumfahrtbahnhof der Welt zum Abstellgleis werden könnte?

Maria Jarozkaja ist eine der wenigen, die sich noch an alle Etappen der Geschichte Baikonurs erinnern. Die heute 83-Jährige war Raketenspezialistin. Sie hat mitgewirkt am Aufstieg der Supermacht UdSSR. Nun erlebt die Rentnerin den schleichenden Abstieg Baikonurs.

"Als ich hierher kam, war ich 23 Jahre alt. Und das Erste, was ich gesehen habe, war Steppe, Steppe, Steppe." Maria traf im September 1956 ein, anderthalb Jahre nachdem die Pioniere begonnen hatten, das Kosmodrom aus dem staubigen Boden zu stampfen.

Die Rentnerin erzählt ihre Geschichte in einem Restaurant im Stadtzentrum. Ein Gebäude der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos beherrscht den Hauptplatz. "Es gab damals noch sehr wenige Häuser. Die Stadt wurde gerade erst gebaut." Wer mit Maria Tee trinkt, hat das Gefühl, lebendiger Geschichte gegenüber zu sitzen.

"Es gab kein Einkaufszentrum, keine Sauna."

Schmunzelnd schaut Maria ihren Begleiter Viktor Kulepjotow vom Veteranenverband an. "Es gab eigentlich gar nichts." Es lebten nur eine Handvoll Menschen in Baikonur, die wie Maria Mitte der 1950er Jahre dabei waren, sagt Viktor. Der 69-Jährige war früher ihr Chef. Jetzt erzählt er von ihrer Arbeit: Maria berechnete die Raketen-Flugbahnen. "Sie hat auch die Flüge von Sputnik und Juri Gagarin berechnet", berichtet Viktor.

Moskau übernahm im All die Führung

Es war eine Weltpremiere, als die Sowjetunion am 4. Oktober 1957 einen Satelliten ins All schoss. Die Piepssignale von "Sputnik" aus der Erdumlaufbahn bildeten den Auftakt für den Wettlauf im All zwischen den verfeindeten Großmächten in Ost und West. Das Rennen prägte diese Phase des Kalten Krieges. Vier Jahre nach dem Satellitenstart katapultierte die Sowjetunion Juri Gagarin in die Höhe - als ersten Menschen im Weltraum.

Gagarins Flug überraschte sogar Maria, so streng war die Geheimhaltung. "Ich wusste nicht, dass ein Mensch in dieser Rakete saß." Aus ihren Augen spricht auch Jahrzehnte später noch Entrüstung. "Als ich es später aus dem Radio erfahren habe, war es schwer zu glauben. Aber ich kann kaum beschreiben, wie stolz wir waren."

Viktor war 1961 erst 13 Jahre alt. "Damals wurden große Lautsprecher in den Straßen aufgestellt", erinnert er sich. "Heute hat auf dem Kosmodrom Baikonur der Start des ersten Kosmonauten des Planeten stattgefunden. Es war Major Gagarin, Juri Alexejewitsch", entsinnt er sich an den ungefähren Wortlaut der Durchsage. Vorher sei der Name Baikonur gar nicht öffentlich bekannt gewesen, erzählt er.

Denn über Jahrzehnte blieb Baikonur von Geheimnissen umweht. Um den Westen zu verwirren, hatte die Sowjet-Führung ihrem Weltraumbahnhof einen Tarnnamen gegeben. Er wurde nach einer Ortschaft einige Hundert Kilometer entfernt benannt. Viktor erinnert sich an US-Flugzeuge, die über der Steppe kreisten und nach dem Kosmodrom Ausschau hielten.



Geheime Orte der russischen Militärs

Maria hat verschiedene geheime Militärprojekte erlebt. Sie wuchs in Kapustin Jar auf, bei einem Raketentestgelände aus den 1940er Jahren. Das Areal in der Nähe des südrussischen Stalingrad - heute Wolgograd - war ebenfalls "top secret". Dort rüstete sich die Sowjetunion für den Kalten Krieg. Maria wurde in "Kapi-Jar" zur Technikerin ausgebildet.

Doch für die immer größeren Interkontinentalraketen der jungen Atommacht wurde "Kapi-Jar" bald zu klein. So fiel 1955 die Entscheidung, in einem Steppenstreifen am Fluss Syrdarja in der Nähe des Aralsees das "Forschungs- und Testgelände Nummer Fünf" zu bauen.

Man habe sie nicht gezwungen, umzuziehen. "Aber hätte ich abgesagt, hätte ich keine Arbeit mehr gehabt." Wohin die Reise gehen würde, wusste Maria nicht. Auch Jahre später durfte sie den Eltern keine Details erzählen. "Das Wort Baikonur wurde niemals ausgesprochen."

Baikonurs heutige Konkurrenz durch Wostotschny beobachtet Maria Jarozkaja mit Sorge. Zwar sollen die ersten bemannten Starts im Osten Sibiriens nicht vor 2023 beginnen. Aber: "Wenn in Wostotschny die gleichen Raketen starten wie hier, dann schließen sie Baikonur über kurz oder lang. Dann haben die Leute hier keine Arbeit mehr." Wenige sprechen die Probleme so offen an. "Ich bin Rentnerin, aber die jungen Leute müssen doch arbeiten. Ich bin eine Patriotin Baikonurs."



Nur 5 von 15 Rampen werden genutzt

Von den einst 15 Startrampen auf dem Kosmodrom sind noch 5 in Betrieb. An der Rampe Nummer 1, von der 1961 Gagarin gestartet war, herrscht bis heute Hochbetrieb.

Von diesem historischen Ort soll wenige Tage nach dem Gespräch mit Maria eine Sojus mit drei Raumfahrern zur ISS abheben. Unter den Blicken Hunderter Schaulustiger wird die Rakete mit einer surrenden Hydraulik aufgerichtet.

Ein orthodoxer Priester segnet das Geschoss bei eisigem Wind. "Der Kosmos beginnt auf der Erde" steht in dicken roten Buchstaben auf einer Hauswand in der Zufahrt.

In der Stadt grüßen pastellfarbene Raketenbilder von turmhohen Plattenbauten.

Baikonur gleicht einem Museum: Satelliten und Denkmäler von Raumfahrern prägen die Plätze. "Saturn" heißt die Konzerthalle, die den alten Glanz des Ortes ahnen lässt. Der "Sternenhimmel" ist eines der beliebtesten Lokale im Zentrum.

Für die Menschen in Baikonur war das Ende der UdSSR ein Wendepunkt, der den Abstieg einleitete. Über Nacht befand sich das Kosmodrom aus russischer Sicht im Ausland - im unabhängigen Kasachstan. Die Stadt versank im Chaos. Es gab Streiks. Zwischenzeitlich fielen Strom- und Wasserversorgung aus. Von einst mehr als 100 000 Einwohnern schrumpfte die Bevölkerung vorübergehend auf rund 50 000.

Erst ein Vertrag zwischen Russland und Kasachstan 1994 brachte neue Ordnung. Seitdem pachtet Russland das Areal von der gut dreifachen Größe Luxemburgs für 115 Millionen US-Dollar im Jahr (rund 110 Millionen Euro). Russland verwaltet die Stadt. So wurde Baikonur eine Art russische Exklave mitten in Zentralasien.

In den vergangenen Jahren konnte der rasante Niedergang gebremst werden - vorübergehend. Heute hat Baikonur rund 73 000 Einwohner. Die Bevölkerungsstruktur hat sich verschoben, viele Russen sind gegangen. 65 Prozent sind heute Kasachen, 35 Russen. Um das Zusammenleben beider Gruppen zu erleichtern, gibt es russische und kasachische Schulen, Polizisten und Gerichte.

Die Stadt ist immer wieder ohne Strom

Die Alltagsprobleme der Menschen jedoch betreffen fast jeden - unabhängig von der Nationalität. Wöchentlich gebe es mehrere Ausfälle bei Strom, Wasser und Gas, sagt Stadtsprecherin Jelena Mitrofanowa. Der Exodus gehe weiter. "Jedes Jahr verlassen etwa 500 Menschen Baikonur."

Gegen vergleichbare Probleme wie die Raumfahrerstadt kämpfen in Russland viele Orte: sogenannte Monostädte. In der sowjetischen Planwirtschaft wurden sie auf einen einzigen Industriezweig ausgerichtet. In der heutigen Marktwirtschaft hat sich dieses Konzept überholt. Doch einfach Unternehmen zu schließen oder Arbeiter umzusiedeln, würde neue Probleme schaffen, warnen Experten.

In einer Umfrage von 2015 beschrieben 60 Prozent der Teilnehmer ihre Lebensumstände in diesen Monostädten als unerträglich. Viele wollen weg.

"Monostädte sind ein System-Problem, dessen Lösung Jahrzehnte benötigt", sagt die Expertin Natalja Subarewitsch vom Unabhängigen Institut für Sozialpolitik in Moskau. "Um es zu lösen, muss man die Mobilität der Menschen erhöhen und die Infrastruktur verbessern", erläutert sie in der Zeitung "Nowaja Gaseta". Auch Bildung sei ein Schlüssel.

Junge Leute wandern ab

In Baikonur sind es vor allem junge und gebildete Leute, die weg wollen. Den 17-jährigen Michail zieht es fort, aber er sieht seine Zukunft in der Raumfahrt. "Ich will Raketen entwickeln", sagt Michail. Stolz präsentiert er ein Sojus-Modell, das er gebastelt hat.

Michail geht auf die Internationale Weltraum-Schule in Baikonur. Mit einem Augenzwinkern verwendet er die englische Abkürzung der Schule: "ISS" - so wie die des internationalen Weltraumlabors. Im Schulhof des Plattenbaus prangt das blaue Logo von Roskosmos.

"Ich will nach St. Petersburg und dort studieren. Mal sehen, in welchem Kosmodrom ich dann lande", sagt der angehende Abiturient. Michail wirkt überzeugt. Ob er zurückkommen oder in Wostotschny arbeiten will? "Ich will zurück, aber ob es klappt?" Hin und wieder wirft er seinem Lehrer, einem Mann mit Goldzahn-Lächeln, einen Blick zu. Er wolle auf jeden Fall in Russland arbeiten, ergänzt er.

Für den Schüler dreht sich alles um Raketen. Für das Kosmodrom wiederum sind die Starts die Lebensgrundlage. Vorerst scheint der Betrieb gesichert. Ende Dezember haben Russlands Präsident Wladimir Putin und sein kasachischer Kollege Nursultan Nasarbajew ein Papier zur Nutzung unterzeichnet. Bis 2050 läuft der Pachtvertrag, doch künftig dürften trotzdem immer mehr Raketen von Wostotschny abheben.

Bis 2024 ist der Betrieb der Raumstation ISS geplant. Derzeit fliegen nur von Baikonur Menschen zur ISS. Das macht den Ort auch für den Westen wichtig, nachdem die USA ihr Shuttle-Programm vor einigen Jahren gestoppt hatten. Flüge zur ISS spülen Geld in leere russische Kassen. Pro Platz in einer Sojus zahlen die USA rund 70 Millionen Dollar an Roskosmos.

Mehr Tourismus?

Der Start einer Sojus ist ein Spektakel für die Sinne. Als dumpfes Klopfen schlägt die Vibration der Rakete auf die Brust. Mit der Kraft von 20 Millionen PS schießt sie in den Nachthimmel. Mächtig dröhnt es in den Ohren. Innerhalb weniger Minuten schrumpft der helle Feuerschweif zu einem roten Punkt und verschwindet im Dunkel.

Solche Starts mit dem Tamtam beim Aufrichten der Rakete bis zum Abflug könnten sogar Touristen anlocken. Aber der Termin könne immer wieder verschoben werden, das stehe einem Tourismus im großen Stil im Weg, sagt Stadtsprecherin Mitrofanowa. Auch Sicherheitschecks durch die Behörden in Moskau machten die Anreise für Ausländer kompliziert.

Unter den strengen Auflagen leidet auch Nadja Tretjakowa. "Ohne spezielle Erlaubnis können wir nicht raus aus der Stadt", sagt die 30-jährige Englischlehrerin. Ihr Tonfall zeigt: Das Schlangestehen für Passierscheine nervt. "Für alles, was du machst, brauchst du eine Erlaubnis, egal ob du weg willst oder Verwandte einlädst."



Bis heute eine abgeschottete Stadt

Was Nadja meint, wird am Stadtrand sichtbar. Hier erhebt sich unvermittelt eine Mauer aus dem Steppensand. Der Betonwall umschließt den Ort. Raus geht es nur an Kontrollstellen mit Schlagbäumen.

Die Reisemöglichkeiten sind bescheiden: Es gibt Züge in kasachische Städte. Dienstags und freitags geht vom kleinen Flughafen eine Maschine nach Moskau. Nadja hat sich an das komplizierte Leben gewöhnt. Sie kam vor fünf Jahren aus Sibirien nach Baikonur. Auch Neugierde auf die abgeschottete Stadt zog sie an.

Neben dem Unterricht gibt Nadja Führungen im Kosmodrom-Museum. Beim Erzählen ist sie kaum zu bremsen. Auf einem Globus presst sie den Finger auf eine abgenutzte Stelle: "Hier ist Baikonur." Nach dem Vortrag schaltet sie zurück, wirkt gedämpfter: "Ewig will ich hier nicht bleiben", sagt sie. "Vielleicht noch fünf Jahre, mal sehen."

Quelle: Dpa

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