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Bald sprudeln noch die Geldquellen

Der massive Ausbau der Wasserkraft bedroht die letzten Wildflüsse Europas. Die Klimabilanz wird dadurch kaum besser.

Quellgebiet in der Region der Sana. Wasserkraftwerke bedrohen die Fließgewässer. SN/sascha knezic
Quellgebiet in der Region der Sana. Wasserkraftwerke bedrohen die Fließgewässer.

Wie auf einem Nadelkissen stehen dicht an dicht kahle Buchenstämme auf der verschneiten Bergkuppe. Zwischen den Hügeln reflektieren schmale Bäche den stahlblauen Himmel. Wo es einsam ist, ist Bosnien wunderschön. Wo nicht, meist weniger. Wenn die junge Ökologin Jelena Ivanić der Tristesse ihrer Stadt Banja Luka entfliehen will, hat sie die Wahl zwischen der wilden Schlucht des Vrbas und den sanften Bergen hier rund um die Quelle der Sana. Aber auch um die letzte Ressource, seine Landschaft, muss der geplagte Balkan kämpfen - mit sich selbst ebenso wie mit einem ignoranten Europa.

Zwischen Slowenien und Griechenland sind nicht weniger als 3000 Wasserkraftwerke geplant oder im Bau, wie Ulrich Eichelmann von Riverwatch sagt. Die in Wien ansässige Naturschutzorganisation erhebt den Stand alle zwei Jahre - und war von der weltweit unübertroffenen Zahl selbst überrascht. Betroffen sind alle Flüsse, darunter die letzten wilden des Kontinents.

Mit dem Idyll an der Sana-Quelle, wo im Umkreis von ein paar Dutzend Metern überall sprudelnde Bäche aus dem Erdreich brechen und sich in kürzester Zeit zu einem ansehnlichen Strom sammeln, ist es bald vorbei, sagt Jelena und stapft durch den Matsch, den die Bagger hinterlassen haben. Hier baut ein Stromversorger aus Kärnten, Hauptanteilseigner ist das deutsche RWE, ein Kleinkraftwerk: Alles Wasser soll in Röhren durch einen Berg geleitet werden und dann in eine Turbine herabfallen und so Strom erzeugen.

Gerechtfertigt, wenn überhaupt, werden die beträchtlichen Eingriffe in die Natur mit Energiewende und Klimaschutz. Die Länder der Region haben sich mit den EU-Mitgliedsstaaten zu der in Wien ansässigen Energy Community zusammengeschlossen und verpflichtet, bis 2020 zwischen 25 und 40 Prozent ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Dazu gehört die Wasserkraft. Handlungsbedarf gäbe es wirklich: Die 16 großen, veralteten Kohlekraftwerke in der Region produzieren fast genauso viel Ruß, Staub und Schmutz wie die 296 Kohlekraftwerke in der ganzen EU.

Wasserkraft, so scheint es, ist die Lösung - oder wenigstens ein Teil davon. Die wirklichen Motive aber, meint der amerikanische Gewässerökologe Stephen Weiss, der in der Region forscht, liegen woanders: "Die Investoren, die den Ausbau betreiben, wissen nicht, wohin mit ihrem Geld."

Aus Wasserkraft wird Strom gewonnen, seit vor 150 Jahren der Deutsche Werner von Siemens den Generator erfand. Staudämme gehören zu den legendären Bauwerken der Industriegeschichte. Die ehrwürdige Tradition sei für die Natur kein Vorteil, meinen Naturschützer. Energiefirma, Baufirma, Bank, das sei "ein eingespieltes Dreieck", sagt Eichelmann. "Und das donnert jetzt in den Balkan und trifft dort auf Flusssysteme, die es bei uns seit 200 Jahren nicht mehr gibt."

Wichtigstes Energieproblem in der Region ist allerdings nicht Strommangel, sondern schlechte Effizienz: Noch immer wird bei offenem Fenster geheizt, marode Leitungen verlieren den größten Teil ihrer Leistung. Zudem ändern die allermeisten neuen Wasserkraftwerke an der fatalen Klimabilanz kaum etwas. Um auch nur eines der großen Kohlekraftwerke in Bosnien oder im Kosovo zu ersetzen, sind sie alle zusammen zu klein - mit einer Kapazität von fünf, manchmal weniger als einem Megawatt. Egal wie klein das Kraftwerk ist, den Flusslauf ändert es unrettbar.

Bei Kleinkraftwerken sei "das Risiko besser einschätzbar", so verteidigt Kelag-Auslandschef Ingo Preiss die Entscheidung - und meint damit mögliche Änderungen am Tarif oder am Förderungssystem, die die Anlagen unrentabel machen könnten. Bosnien zahlt etwa für eingespeisten Strom fast den doppelten Marktpreis, eine fette Subvention.

Zusätzlich dürfen Unternehmen auf dem Balkan für ihre Kraftwerksprojekte auch mit günstigen Krediten rechnen, etwa von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, der EBRD. Wie das öffentlich finanzierte Institut den voraussichtlichen wirtschaftlichen Ertrag eines Projekts und den Eingriff in die Natur gegeneinander abwägt, lässt sich deren Umweltdirektor Dariusz Prasek nicht entlocken. Da gebe es keine Formel, sagt er.

Flüsse gliedern auf dem Balkan das Land, geben den Landschaften ihre Namen, verbinden die Volksgruppen. Traditionell sind hier die wichtigsten Bauwerke Brücken - die Alte Brücke von Mostar etwa oder die Brücke über die Drina, über die der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić seinen berühmten Roman schrieb.

Aber auch wirtschaftlich haben sie ihre Bedeutung - für die urtümliche, wenig intensive Landwirtschaft, für die Schäfer etwa, die noch immer mit großen Herden durch die Berge Albaniens ziehen. Und vor allem für einen Natur-Tourismus, der sich noch gar nicht richtig entwickeln konnte, der aber für die seit jeher dünn besiedelten und von Auswanderung betroffenen Gebiete die einzige zukunftsträchtige Ressource darstellt.

Eine der wenigen realistischen Hoffnungen in der Region, die kaum attraktive Bauwerke und keine strahlenden Metropolen zu bieten hat, ist der Öko-Tourismus: eine unberührte Natur, gepaart mit ein wenig Abenteuer und Karl-May-Romantik, Wildwasserkajak, Fliegenfischen - wie Kanada. Nur wärmer und näher.

Aber der Ausbau der Wasserkraft bedroht auch die klassischen Juwele der Reisebranche und die wichtigsten Devisenquellen: die Strände von Montenegro, Albanien und manche kroatischen Inseln. Fein zerrieben landet das viele Gestein, das Flüsse mit sich führen, an den Küsten, erklärt der Gewässerforscher Christoph Hauer von der Universität für Bodenkultur in Wien. Ohne die Sedimente, die an Staudämmen zurückgehalten werden, bilde sich auch jedes Flussdelta zurück - wie das des Mississippi, das ganz verschwunden ist und dem Hurrikan "Katrina" freies Feld überlassen hat.

An der Quelle der Sana gräbt unermüdlich der Bagger. Im endlosen Meer kahler Buchen ist in der Ferne nur eine kleine serbisch-orthodoxe Kirche. Eine Straße führt hin. Neben der Kirche stehen drei Häuser. Ljubinka, eine Frau in den Fünfzigern, füttert die Ziegen. Es ist ruhig, nur sie, ihr Mann und ihr Sohn wohnen hier; die anderen sind längst fortgegangen. Natürlich wollen sie das Kraftwerk da unten nicht, und das hat die energische Frau den Herren von der Gemeinde auch deutlich gesagt. Aber gebaut werde es trotzdem, sagt sie resigniert. "Sie waren halt mehr", erzählt Ljubinka, "und sie waren mächtiger."

Um in der einsamen Bergwelt mit den wenigen Menschen einen zu treffen, der sich gegen die Eingriffe wehrt, muss man knapp eine Stunde fahren. "Hier wird etwas sehr Wertvolles zerstört", sagt Boro Janković, ein Künstler und Kleinunternehmer aus Belgrad, der in den bosnischen Wäldern einige Ferienbungalows vermietet. Janković gibt mit seinem Ärger eine verbreitete Stimmung wieder: "Schon über die Subventionen für den Ausbau der Wasserkraft werden wir, die Bürger, zur Kasse gebeten. Und dann ist der Strom noch viel zu teuer."

Ethnische Grenzen, sonst allgegenwärtig in der Region, kennt der Protest keine. Im kroatischen Dorf Gotuša wehren sich die Anrainer ebenso dagegen, dass ihnen der Bach genommen wird, wie im zentralbosnischen Vitez, wo die "tapferen Frauen von Kruščica" nach einem brutalen Polizeieinsatz landesweite Berühmtheit erlangt haben.

In Gotuša und Vitez hoffen die Dorfbewohner, dass der Investor aufgibt - weil er mürbe ist oder weil er schon am Planungsverfahren genug verdient hat. In Albanien gehen die Pläne der Gegner weiter. Auf dem riesigen Skanderbeg-Platz in Tirana versammelten sich im Herbst Zehntausende zu einem Konzert für die Rettung der Vjosa, des größten komplett naturbelassenen Wildflusses in Europa, der sich vom griechischen Pindos-Gebirge über 200 Kilometer durch den Süden Albaniens schlängelt.

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