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Blutdrucksenker nicht ohne einen Arzt absetzen

Das neue Coronavirus hat eine Diskussion über bestimmte Blutdruckmittel angeheizt. In Innsbruck startet dazu eine Studie. Was heißt das jetzt für Blutdruckpatienten?

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Menschen, die an zu hohem Blutdruck leiden, zählen zur Coronarisikogruppe. Das neue Virus kann nicht nur die Lunge stark angreifen, sondern auch die Regulation des Herz-Kreislauf-Systems aus der Balance bringen. Kardiologen, Infektiologen und Pharmazeuten diskutieren in diesem Zusammenhang verstärkt über Medikamente, die in diese Regelkreisläufe eingreifen. Dabei geht es neben Schmerzmitteln, wie Ibuprofen, oder oralen Antidiabetika vor allem um Blutdrucksenker aus der Gruppe der ACE-Hemmer und der Sartane (Angiotensin-Rezeptor-Blocker).

Die aufgestellten Hypothesen, die nicht nur negative, sondern auch positive Auswirkungen dieser Medikamente auf den Krankheitsverlauf von Covid-19 postulieren, sind es jedenfalls wert, genauer untersucht zu werden. Günter Weiss, leitender Infektiologe und Internist am Uniklinikum Innsbruck, geht in einer Studie an Coronapatienten zusammen mit dem führenden Kardiologen an der Klinik, Axel Bauer, der Frage nach: Macht es einen Unterschied, ob ACE-Hemmer und Sartane während der Erkrankung weiter genommen werden oder nicht? "Wir nehmen das ernst und müssen schauen, wie wir Risiken in der Therapie minimieren können", erklärt Weiss. Wie gesagt, gibt es nicht nur mögliche negative Auswirkungen, die derzeit noch durch keine seriösen Daten belegt sind. Weiss und Bauer interessieren sich besonders auch für mögliche positive Effekte von Blutdrucksenkern, wie sie vielleicht Sartane bewirken.

Was sind aber die Gründe, weshalb bestimmte Medikamente in den Fokus geraten sind? Das Coronavirus nutzt zum Übertritt in die Wirtszellen des Menschen das Enzym ACE2 (angiotensin-converting enzyme 2) zum Andocken. Dieses Enzym wird hauptsächlich von Zellen der Lunge produziert, wo es sich an der Zelloberfläche präsentiert und damit zur Eintrittspforte für SARS-CoV-2 werden kann. ACE2 produziert der Körper aber auch in löslicher Form im Blut. Und dort hat es umgekehrt wieder eine schützende Funktion, indem es eine Lungenentzündung mildern oder zumindest verzögern kann.

Wissenschafter der Universitätsklinik Basel haben Anfang März im Fachmagazin "Lance respiratory Medicine" die Diskussion angeheizt. ACE-Hemmer, Sartane, aber auch Ibuprofen würden die Konzentration von ACE2 erhöhen. Und daraus folgerte man als These: Je mehr ACE2 vorhanden ist, umso mehr Einfallspforten stehen für das Virus zur Verfügung. Spekuliert wird auch, ob die hohe Todesrate in Italien mit den dort offenbar besonders stark verschriebenen ACE-Hemmern zu tun haben könnte.

Der österreichische Molekularbiologe und Immunologe Josef Penninger, Leiter des Life Sciences Institute der University of British Columbia in Vancouver, forscht schon seit dem ersten SARS-Virus am Rezeptor ACE2. Im SN-Gespräch betont er: "ACE2 sitzt unter anderem im Herz, das sitzt in den Blutgefäßen und reguliert Blutdruck und Herzfunktion und es hat noch eine Reihe anderer Funktionen. Wir entdeckten, dass es auch die Lunge reguliert. Gibt man ACE2 weg, kommt es zu schwerem Lungenversagen."

Langer Rede kurzer Sinn: Das System, in das hier auch bestimmte Medikamente regulierend eingreifen, ist hochkomplex. Das heißt aber auch, dass bestimmte Wirkstoffe sowohl positive wie negative Auswirkungen haben können. Penninger: "Für zuverlässige Aussagen benötigen wir mehr Daten." Auch Michael Freissmuth, Leiter des Zentrums für Physiologie und Pharmakologie der Meduni Wien, sagt: "Es fehlen valide Daten."

Was aber bleibt nun als Schlussfolgerung für den medizinischen Laien, der in Diskussion stehende Medikamente nehmen muss? Alle Fachgesellschaften, von den Kardiologen bis zu den Pharmakologen, raten dringend ab, zum jetzigen Zeitpunkt die verordneten und wirksamen Therapien mit ACE-Hemmern und Sartanen abzusetzen. Schon gar nicht ohne behandelnden Arzt. Im Gegenteil: Die einzigen wissenschaftlichen Hinweise aus Tierstudien zeigten, dass diese Medikamente möglicherweise Coronapatienten sogar vor schweren Lungenproblemen schützten. Gleiches gelte auch für Therapien mit bestimmten Antidiabetika oder Ibuprofen.

Peter Siostrzonek, Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, betonte am Montag: "Ein Absetzen der Medikamente oder ein Wechsel auf andere Präparate ist nicht indiziert und sollte wegen des Risikos eines akuten Herzinfarkts oder Schlaganfalls unbedingt vermieden werden." Werden zudem durch das Weglassen der Medikamente Grunderkrankungen verschlechtert, kann sich auch das negativ auf einen Verlauf einer Coronainfektion auswirken.

Fazit: Um letztlich absolut verlässliche Aussagen machen zu können, sind weitere Studien notwendig, wie sie jetzt Weiss und Bauer in Innsbruck gestartet haben.

Aufgerufen am 28.05.2020 um 08:32 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/blutdrucksenker-nicht-ohne-einen-arzt-absetzen-85638244

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