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Buch über Friedrich Zweigelt: Rebenzüchter und Nationalsozialist

Daniel Deckers versucht, die Vita jenes Wissenschafters zu erhellen, nach dem die wichtigste Rotweinrebe des Landes benannt ist. Buchpräsentation ist am Dienstag in Wien.

Zweigelt-Traube: Eine Kreuzung aus St. Laurent und Blaufränkisch, gezüchtet 1922 von Fritz Zweigelt. Er war bekennender Nationalsozialist und von 1938 bis 1945 Direktor der Weinbauschule Klosterneuburg. SN/bader
Zweigelt-Traube: Eine Kreuzung aus St. Laurent und Blaufränkisch, gezüchtet 1922 von Fritz Zweigelt. Er war bekennender Nationalsozialist und von 1938 bis 1945 Direktor der Weinbauschule Klosterneuburg.

Laut den jüngsten verfügbaren Daten wird in Österreich auf 6145 Hektar die Zweigelt-Rebe angebaut. Mit 42,6 Prozent der Rotweinfläche ist sie daher mit großem Abstand vor Blaufränkisch die wichtigste Rotweinrebe des Landes. Laut Daniel Deckers ist sie nach der weißen Rebsorte Müller-Thurgau und dem roten Dornfelder überhaupt "die flächenmäßig bedeutendste Neuzüchtung weltweit". Benannt ist sie nach dem Nationalsozialisten Friedrich Zweigelt (1888-1964).

Deckers, 1960 in Düsseldorf geborener Autor und Journalist, widmet sich in einem Buch, das am Dienstag in der Buchhandlung Orlando in Wien-Alsergrund präsentiert wird, Zweigelts Vita. Der Untertitel "Wissenschaftler, Rebenzüchter, Nationalsozialist" macht bereits das breite Spektrum auf, das Önologie und Zeitgeschichte miteinander verbindet.

Denn auf der "Erfolgsgeschichte" der Rebsorte liege ein Schatten, schreibt Deckers: "Denn so umtriebig und findig Zweigelt als Wissenschaftler war, so sehr war er von Jugendtagen an völkisch-national gesonnen. Diese Prägung mündete früh in eine Begeisterung für den Nationalsozialismus. Von 1938 an war der nunmehrige kommissarische Leiter der Klosterneuburger Anstalt nach Jahren der Illegalität ganz offiziell ein Parteigänger der braunen Gewaltherrscher."

Es sind durchaus aktuelle Fragen, die Deckers beantworten möchte: "Kultivieren also heute alle, die seit den 1960er Jahren die 'Zweigeltrebe' in ihren Rieden ausgepflanzt haben, eine Nazi-Rebe? Und trinken folglich alle, die an Weinen aus dieser Rebsorte Gefallen finden, Nazi-Wein? Und wenn ja, kann, ja muss man sich des braunen Erbes nicht entledigen und die Erinnerung an Friedrich Zweigelt dadurch tilgen, dass man die Weine nur noch unter dem Namen des 'Blauer-Zweigelt'-Synonyms 'Rotburger' in Verkehr bringt, wie es weinrechtlich in Österreich seit 1978 möglich ist?"

Nach intensivem Aktenstudium glaubt Deckers zwar, Zweigelt von Vorwürfen der Denunziation von Schülern und Mitarbeitern exkulpieren zu können und führt ins Treffen, dass es keinen einzigen dokumentierten Fall gebe, in dem dieser Menschen aus politischen oder "rassischen" Gründen konkret geschadet habe, doch die Manuskripte zu seinen Reden, die er als überzeugter Nationalsozialist gehalten hat, lassen an seiner Gesinnung wenig Zweifel.

Freilich zeichnet das Buch das Bild eines begeisterten Wissenschafters, der ein europaweites Forschungsnetzwerk aufgebaut hat, deutlich plastischer als jenes eines politischen Überzeugungstäters. Der gebürtige Grazer war zweifellos ehrgeizig und setzte alles daran, seinen Ruf und jenen der von ihm ab 1942 als Direktor geleiteten Höheren Bundeslehranstalt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg zu mehren.

Der Zusammenbruch des Dritten Reiches brachte auch das Ende seiner wissenschaftlichen Karriere. Dass seine 1922 erstmals vorgenommene Neuzüchtung aus den Sorten Blaufränkisch und St. Laurent erst nach dem Zweiten Weltkrieg und ohne seine aktive Mitwirkung ihren Siegeszug angetreten und auch den Namen Zweigelt ohne eigenes Zutun erhalten hat, ist die größte Überraschung des Buches.

Deckers bringt einem zwar die Persönlichkeit Zweigelts nicht wirklich nahe, legt aber etliches Material vor, mit dem sein "Wunsch, dass die oftmals hitzig geführte Debatte über das Für und Wider einer Rebsorte namens Zweigelt auf einer sachlicheren Basis geführt würde als bislang", in Erfüllung gehen könnte.

BUCHTIPP - Daniel Deckers: "Friedrich Zweigelt (1888-1964) - Wissenschaftler, Rebenzüchter, Nationalsozialist", Böhlau Verlag. 196 Seiten, 36 Euro; Buchpräsentation am Dienstag, 29.11., 19 Uhr, in der Buchhandlung Orlando, Wien 9, Liechtensteinstraße 17

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