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Corona bedeutet Stress für autistische Kinder

Kinder mit Autismus-Störung haben ein starkes Bedürfnis nach Struktur und Vorhersehbarkeit.

Das Virus und seine Auswirkungen machen manchen mehr zu schaffen als anderen. SN/APA (Symbolbild)/Robert Michael
Das Virus und seine Auswirkungen machen manchen mehr zu schaffen als anderen.

In der Coronapandemie müssen sich alle neu orientieren - manchen aber fällt das besonders schwer: Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) brauchen ihre Routinen und gewohnten Abläufe.

Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, die viele Formen annehmen kann. Dazu gehören der frühkindliche Autismus oder das Asperger-Syndrom. Gemeinsam sind ihnen die Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit Mitmenschen und in der Kommunikation sowie die Neigung zu stereotypen Verhaltensweisen. Schätzungen gehen davon aus, dass ein bis zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind.

In der Ambulanz des Frankfurter Autismus-Therapie- und Forschungszentrums finden viele Betroffene Hilfe. "Je länger der Lockdown andauert, desto mehr merken wir, dass der Wegfall von gewohnten Strukturen ein Problem darstellt", sagt Karoline Teufel, Leiterin des Zentrums. Das führe zu Verunsicherung. Die Patienten fallen in alte Muster zurück, die sie mithilfe der Therapeuten bereits überwunden hatten, oder verlieren sich etwa in exzessivem Computerspielen. "Das birgt natürlich Konfliktpotenzial in den Familien", sagt Teufel. "Die Herausforderungen, die ohnehin bestehen, werden noch einmal verstärkt."

Schwierig ist auch das Thema Maske. Da sich autistische Kinder schwer an Neues gewöhnen, tolerieren sie bisweilen das Tragen nicht. Die Eltern müssen sich dann in der Öffentlichkeit noch mehr Vorwürfe über ihre vermeintlich schlecht erzogenen Kinder anhören als sonst. So wird der Rückzug verstärkt. Auch in der Therapie ist Gesichtsbedeckung hinderlich. Zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen derzeit rund 80 Kinder und Jugendliche am Institut. Eines der Förderziele ist, Mimik richtig zu interpretieren - mit Maske vor dem Mund kaum möglich.

Was raten die Therapeuten Familien in dieser anstrengenden Zeit? Sie sollten versuchen, möglichst viel Bekanntes beizubehalten oder neue Routinen einzuführen, etwa für Essen, Schlafen, Hausaufgaben oder Computerspielen. "Rituale, die das Miteinander oder auch den Tagesablauf regeln, tragen erheblich zur Stabilisierung und zur Entspannung bei", heißt es in einem Informationsblatt für Eltern.

Wie stark die Pandemie Menschen mit ASS belastet, ist unterschiedlich: "Menschen mit Autismus sind genauso verschieden wie Menschen ohne Autismus", sagt Teufel. Aber manche Eltern machen sich Sorgen, dass Patienten nach Ende des Lockdowns die Rückschritte nicht wieder aufholen können. "Andererseits wachsen viele gerade über sich hinaus."

In manchen Punkten hätten Menschen mit ASS derzeit sogar Vorteile, sagt die Expertin. Soziale Kontakte seien für viele Betroffene anstrengend, daher würden sie unter Kontaktbeschränkungen oft weniger leiden. Und Menschen mit Asperger-Syndrom falle es leicht, sich an Regeln zu halten - "derzeit definitiv eine Stärke".

Aufgerufen am 16.04.2021 um 01:10 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/corona-bedeutet-stress-fuer-autistische-kinder-101911540

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