Wissen

Die Heimat der Lipizzaner ist nun digital dokumentiert

Projekt von Spanischer Hofreitschule und Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion erschließt Piber.

as terrestrische Laserscanning liefert ein dreidimensionales Modell der Umgebung samt Gebäuden und deren Innenräumen.  SN/lbi archpro
as terrestrische Laserscanning liefert ein dreidimensionales Modell der Umgebung samt Gebäuden und deren Innenräumen.

Die modernen Methoden der Archäologie wie Bodenradar, Magnetikmessung, Laserscanning am Boden und aus der Luft kommen mitunter auch dort zum Einsatz, wo es nicht um klassische archäologische Ausgrabungsstätten geht: Forscher um den Leiter des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie, Wolfgang Neubauer, haben die historischen Bauwerke und die Landschaft rund um das Lipizzanergestüt in Piber digital erfasst. Das Ludwig-Boltzmann-Institut hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen bei der digitalen Dokumentation archäologischer Fundstellen und Weltkulturerbe-Landschaften gemacht, etwa für Stonehenge, die Pyramiden von Gizeh und die Wikingerstadt Birka.

Auch die Lipizzaner im Bundesgestür Piber gehören zum Weltkulturerbe, denn die Pferde werden für die Spanische Hofreitschule in Wien gezüchtet. Die Hofreitschule pflegt seit 450 Jahren die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der "Hohen Schule". Das Weltkulturerbe soll der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und für die folgenden Generationen gesichert werden. Zudem sollen Museum und Ausstellungsräume im Schloss Piber neu gestaltet werden. Die digitale Erfassung wird auch in das Vermittlungskonzept des Museums einfließen, wo künftig 3D-Modelle des Geländes sowie der Hofreitschule in Wien zu sehen sein werden. Besucher können sich zudem jetzt schon auf jährliche Sonderausstellungen von Reitervölkern wie den Skythen, Hunnen, Awaren, Magyaren und Mongolen freuen.

Die Skythen etwa sind archäologisch interessierten Laien längst ein Begriff, vor allem, weil die Nomaden exzellente Reiter waren und über großes handwerkliches Geschick verfügten. Die Skythen des ersten Jahrtausends vor Christus eroberten sich von Osten kommend den Lebensraum zwischen Südsibirien und dem nördlichen Schwarzmeer-Gebiet und prägten ihn. Als Archäologen ihre Gräber entdeckten, trauten sie ihren Augen kaum. Es kamen goldene Tierfiguren, verzierte Kleider, Hüte und Waffen, glänzendes Zaumzeug für Pferde, von Goldschmieden kunstvoll geschaffener Hals- und Brustschmuck, aber auch Bronzegeschirr sowie Fragmente von Teppichen zutage. Dies waren Beigaben für skythische Fürsten auf ihrem Weg ins Jenseits.

All dies haben die Wiener Archäologen unter dem Boden von Piber nicht erwartet. Doch in der Archäologie geht es in den meisten Fällen nicht um spektakuläre Einzelfunde, sondern darum, Geschichte und Alltagsleben der Vorfahren zu dokumentieren. Untersuchungen mit einem Bodenradar liefern zum Beispiel detaillierte dreidimensionale Informationen über die ungefähre Tiefe, Form und Lage von Mauern oder Pfostenlöchern mit Steinen, über durch Gruben und Gräben verursachte Schnittstellen. Es lassen sich Hohlräume und Unterschiede in der Bodenfeuchtigkeit erkennen. Die Magnetikmessung ermöglicht es, ohne eine archäologische Ausgrabung Gruben, Gräben, Pfostenlöcher, Mauern, Feuerstellen und Öfen im Boden zu lokalisieren. Die Daten für Piber werden noch ausgewertet, doch laut Wolfgang Neubauer ist das Gestüt mit seiner romanischen Kirche, dem Schloss Piber mit seinen Stallungen, der Reithalle und seinen Außenhöfen und Sommeralmen nicht nur eine bedeutende historische Landschaft, sondern auch ein über Jahrhunderte ungestörtes archäologisches Fundgebiet.

Aufgerufen am 06.12.2021 um 04:13 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/die-heimat-der-lipizzaner-ist-nun-digital-dokumentiert-100248316

Kommentare

Schlagzeilen