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Ein kleiner Haydn wohnt im Regenwald

Aus den Tiefen des Dschungels tönen liebliche Laute wie von Josef Haydn oder Johann Sebastian Bach. Es ist ein kleiner Vogel, der da so schön pfeift - nach allen Regeln der Harmonie in der Musik der Menschen.

Seit Langem spekulieren Philosophen und Naturforscher über den Ursprung menschlicher Musik. Nun - er könnte in der Natur und ihrer zahllosen Stimmen liegen. Ein Ornithologe vom Max-Planck-Institut in Seewiesen und eine Komponistin des Cornish College of the Arts in den USA entdeckten verblüffende Parallelen zwischen unserer Musik und dem Gesang eines kleinen braunen Vogels aus dem Amazonasregenwald.

Es ist der Flageolettzaunkönig. Er benutzt in seinem Gesang häufiger konsonante als dissonante Intervalle. Das führt dazu, dass sein Gesang auf Menschen äußerst musikalisch wirkt. Die Musikalität dieses Regenwaldbewohners geht aber noch weiter: Er singt perfekte Konsonanzen, also Oktaven (Intervall von acht Tonstufen), reine Quinten (fünf Töne Abstand) und Quarten (vier Töne). Das wurde zuvor noch nie bei einer Tierart beobachtet.

Der Vogel heißt auf Englisch "musician wren", was so viel wie Musikantenzaunkönig heißt. Die britische Komponistin und Musikwissenschafterin Emily Doolittle und der Biologe Henrik Brumm fanden heraus, dass das Tier in seinem Gesang die gleichen Intervalle benutzt, die in vielen menschlichen Kulturen als konsonant empfunden werden.

Solche Konsonanzen werden als gut zueinander passend und harmonisch wahrgenommen und sind unter anderem die Grundlage der Tonarten in der Abendländischen Musik. Da die Flageolettzaunkönige perfekte konsonante Intervalle wie Oktaven, Quinten und Quarten bevorzugen, zeigt ihr Gesang eine sehr erstaunliche formale Ähnlichkeit mit menschlicher Musik. Die beiden Forscher fanden im Gesang der kleinen Vögel Passagen, die verblüffende Ähnlichkeiten mit Motiven haben, die etwa die Komponisten Johann Sebastian Bach oder Joseph Haydn in ihren Kompositionen verwendet haben.

"Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Flageolettzaunkönig in einer bestimmten Tonart singt, so wie es ein Mensch tun würde. Die Vorliebe der Vögel für perfekte Intervalle führt dazu, dass die aufeinanderfolgenden Töne seines Gesangs auf Menschen den Eindruck erwecken, als ob sie einer Tonleiter folgen", sagt Emily Doolittle.

Diese Zaunkönigart ist eine Rarität. Es gibt 4000 verschiedene Singvogelarten und jede hat ihre eigene Art zu singen. "Einige sind dabei geradezu unmusikalisch", sagt der Ornithologe Henrik Brumm.

Quelle: (SN).

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