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Flüchtlinge, thailändische Fußballer, Grubenunglück: Mit wem haben wir Mitgefühl?

Alle Welt hat um die eingeschlossenen Buben in Thailand gezittert. Warum war das Mitgefühl so groß? Und warum lassen uns gleichzeitig 100 Unwetteropfer in Japan kalt?

Indische Schulbuben beteten für die thailändischen Jungfußballer, die in der Höhle festsaßen.  SN/AP
Indische Schulbuben beteten für die thailändischen Jungfußballer, die in der Höhle festsaßen.

Mitgefühl macht uns zu menschlichen Wesen. Anthropologen und Entwicklungsbiologen sagen sogar, dass der Mensch nur deshalb sein großes Hirn entwickelt habe, um Mitgefühl haben zu können. Nicht um mehr Intelligenz sei es bei der Hirnentwicklung gegangen, sondern darum, dass wir die Gefühle von anderen Menschen kopieren und uns in sie hineinfühlen könnten.

Trotzdem sind Mitgefühl und Empathie je nach Situation sehr unterschiedlich. Diese Woche hat die ganze Welt mit den in einer Höhle in Thailand eingeschlossenen Buben mitgezittert. Gleichzeitig haben uns mehr als 100 Opfer der Unwetter in Japan mehr oder weniger kalt gelassen. Für den deutschen Literatur-, Kultur- und Kognitionswissenschafter Fritz Breithaupt ist das nicht überraschend. "Das Fußballteam in Thailand war optimal auf unsere Empathie ausgerichtet. Es handelte sich um eine dramatische Situation, die aber zeitlich überschaubar war. Und es ging um eine Rettung, die Aussicht auf Erfolg hatte. Die jungen Leute sollten aus der Höhle befreit werden. Wir fühlten uns in sie ein in der Hoffnung, dass wir mit ihrer Rettung auch wieder zu uns zurück entlassen werden. Das heißt, dass wir unser Mitgefühl wieder abziehen können."

Für den Lehrstuhlinhaber an der Indiana University Bloomington (USA) ist die Gefahr bei Mitgefühl und Empathie immer die, dass man sich in andere verliert, dass man ihnen verpflichtet wird und langfristig etwas leisten soll. Das sei bei den Jugendlichen in Thailand nicht der Fall gewesen: "Wir kennen sie nicht, wir können nichts für sie tun, wir müssen nichts spenden, wir konnten uns mitfühlend in ihre Lage versetzen, weil wir wussten, dass wir wieder zu uns zurückkehren können, sobald sie gerettet sind."

Vor 20 Jahren starben in Lassing zehn Bergleute, als sie ihre verschütteten Kameraden retten wollten. Landeshauptfrau Waltraud Klasnic zeigte Anteilnahme – und profilierte sich damit als „Landesmutter“. SN/www.picturedesk.com/hans techt
Vor 20 Jahren starben in Lassing zehn Bergleute, als sie ihre verschütteten Kameraden retten wollten. Landeshauptfrau Waltraud Klasnic zeigte Anteilnahme – und profilierte sich damit als „Landesmutter“.

Das sei in anderen dramatischen Situationen, etwa wenn Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet würden, nicht so. "Diese Flüchtlinge haben ein viel schrecklicheres Schicksal als die Buben in Thailand, aber das Mitgefühl mit ihnen wird bald blockiert, weil wir Angst haben, uns zu verausgaben. Flüchtlingen können wir nicht mal kurz auf die Schulter klopfen, sondern sie brauchen uns auf Jahre. Das strengt an."

Ist Mitgefühl also eine sehr begrenzte Ressource? "Ich glaube nicht, das wir das so empfinden", sagt Breithaupt. "Aber wir empfinden, dass wir uns selbst verlieren. Wir nehmen plötzlich die Welt dieser Menschen wahr und fühlen uns überfordert, weil wir immer nur eine Welt auf einmal wahrnehmen können. Wir befürchten, dass wir nicht mehr in unsere eigene Welt zurückkommen. Insofern gibt es bei Mitgefühl und Empathie die Gefahr des Selbstverlusts."

Das Umschlagen von anfänglicher Empathie in Ablehnung hat nach Ansicht des Wissenschafters aber auch mit überzogenen Erwartungen zu tun. "Wir versetzen uns am liebsten nicht in die Leidenden selbst, sondern in die Helfer, damit wir uns am Ende auf die Schulter klopfen können. Wir wollen wissen, dass wir etwas Gutes getan haben, und erwarten, dass das anerkannt wird." Etwa in der Art, dass Flüchtlinge ins Land kommen, die nach drei Monaten Deutsch sprechen, vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sind, keine Straftaten begehen und sich bei jeder Gelegenheit bedanken dafür, wie gut wir zu ihnen waren.

"Damit haben wir als Helfer Erwartungen geweckt, die zu hoch sind und nicht eingelöst werden können. Das hat dann umgeschlagen in Enttäuschung", sagt Breithaupt. Grundsätzlich sei Mitgefühl ein Verhalten, das demjenigen diene, der Mitgefühl habe. Er erwartet auch, dass er etwas dafür bekommt. Ist Mitgefühl also nicht selbstlos? "Nein, sicherlich nicht", betont der Wissenschafter im SN-Gespräch.

Bei den Eingeschlossenen in Thailand hat das Mitgefühl bestärkt, dass es sich um junge Menschen gehandelt hat. Rudolf M. Morawetz, Vorsitzender des Notfallpsychologischen Dienstes Österreich (NDÖ), sagt, dass wir Kindern und Jugendlichen zubilligen, dass sie ihr Leben noch vor sich haben. Zudem seien sie schutzbedürftiger. "Wenn bei einem Notarzteinsatz ein Kinderunfall angekündigt ist, dann ist die Anspannung ungleich höher, als wenn es sich um einen Verkehrsunfall mit einem Erwachsenen handelt." Zudem löse eine längere Rettungsaktion und die Möglichkeit, Menschen nach sehr langer Zeit noch lebendig zu bergen, viel mehr Mitgefühl aus als ein punktuelles Unglück. "Wenn in Asien Bergleute durch eine Gasexplosion tragisch ums Leben kommen, spricht man von einem Unglück. Das war es."

Darüber hinaus nennt Morawetz den Faktor "Unglück im Unglück". In Thailand sei das Mitgefühl besonders groß geworden, als ein Taucher bei einem Rettungseinsatz ums Leben gekommen sei. "Dasselbe war beim Grubenunglück von Lassing der Fall, wo das große Unglück auch bei den Rettungsmaßnahmen passiert ist." Als am 17. Juli 1998 in der Gemeinde Lassing ein Wohnhaus absackte, stürzte ein Stollen ein. Der 24-jährige Bergmann Georg Hainzl wurde verschüttet. Ein weiterer Schlammeinbruch begrub die Rettungsmannschaft unter sich, von der keiner überlebte. Nach neun Tagen wurde der totgeglaubte Hainzl wie durch ein Wunder lebend geborgen.

Die buddhistische Meditationslehrerin Sylvia Wetzel verweist im SN-Gespräch auf den griechischen Philosophen Aristoteles. Dieser habe mehrere Bedingungen für Mitgefühl genannt: Es muss ein großes Leid sein, nicht ein Schnupfen; es darf nicht primär selbst verschuldet sein; und ich muss das Gefühl haben, das könnte auch mir passieren. Auf den letzten Punkt hat die Philosophin Martha Nussbaum nach dem Anschlag auf die Twin Towers in New York Bezug genommen. Sie sagte: "Jetzt können die US-Amerikaner zum ersten Mal Mitgefühl empfinden mit jenen Menschen, die sie mit Krieg überziehen. Jetzt ist es ihnen selbst passiert. Vorher hatten sie immer sagen können, uns passiert das nicht."

Was aber kann überhaupt helfen, dort Mitgefühl zu wecken, wo es fehlt? Sylvia Wetzel nennt vier Schritte. Der erste sei, die Fähigkeit zur Einfühlung zu fördern. "Ich kann mich in manche Art von Leiden gut einfühlen, in andere, die ich nicht kenne, weniger." Das zweite sei, zu unterscheiden zwischen dem Leiden des anderen und meinem Leiden. "Wenn ich mich mit dem anderen in seinem Leid identifiziere, wird das Leid nur größer, weil ich dann auch selbst leide." Den dritten Schritt leitet Wetzel aus dem Buddhismus ab: Ich wünsche mir ganz entschieden, dass das Leid weniger wird. Und ich muss die Zuversicht haben, dass das möglich ist. "Wenn ich denke, ich kann sowieso nicht helfen, das Leid ist viel zu groß, kann ich kein Mitgefühl haben." Das vierte sei schließlich der Blick auf die Ressourcen der betroffenen Person. "Ich schaue nicht nur auf ihr Leiden, sondern ich wünsche der Person auch Glück, ich habe Mitgefühl mit ihr und schaue auf ihre Stärken."

Literatur: Luise Reddemann, Sylvia Wetzel: "Mögen alle Wesen glücklich sein. Mitgefühl und Gerechtigkeit neu entdecken", Patmos 2017; Fritz Breithaupt: "Die dunklen Seiten der Empathie", Suhrkamp 2017.


Aufgerufen am 14.12.2018 um 06:18 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/fluechtlinge-thailaendische-fussballer-grubenunglueck-mit-wem-haben-wir-mitgefuehl-31720729

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