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Fressen und gefressenwerden

Welche Rolle spielen einzelne Lebewesen für die Biodiversität? Heute weiß man: Jede Art ist wichtig.

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Das Leben auf und unter den Wald-, Wiesen- und Ackerböden ist aufregender als bisher angenommen. Vor etwa 15 Jahren wurden erste Langzeitstudien über das Funktionieren der Ökosysteme ins Leben gerufen, seit Kurzem erst liegen die ersten profunden Ergebnisse vor. Das Jena Experiment ist eines der längsten Biodiversitätsexperimente der Welt, bei dem 80 Parzellen mit 60 verschiedenen Pflanzenarten angelegt und die Nahrungsbeziehung des gesamten Ökosystems untersucht wurden. Das Experiment hat zutage gebracht, dass es um die Ökosysteme umso besser bestellt ist, je höher die Pflanzenvielfalt ist. So haben jene Parzellen mit 60 Pflanzenarten im Durchschnitt doppelt so viel stehende Biomasse wie die durchschnittliche Pflanzenmonokultur. Unter "stehender Biomasse" versteht man, wie viel Biomasse, und damit Energie, in einem System zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhanden ist.

Biologin Jana Petermann von der Universität Salzburg hat die grundlegenden Erkenntnisse des Jena Experiments genutzt und darauf aufbauend die Frage gestellt, wer in einem solchen Ökosystem wen frisst und welche Rolle die einzelnen Lebewesen für den Erhalt der Biodiversität spielen. Die Erkenntnis: Jede einzelne Art hat eine gewichtige Rolle inne, Ökosysteme funktionieren nur gut im Zusammenspiel aller "Akteure", also Pflanzen und Tiere. Petermann hat mit ihrem Team diese "trophischen Netzwerkmodelle" in verschiedenen Regionen der Erde untersucht, von europäischen Wiesenpflanzen und Insektengemeinschaften bis zu Bromeliennahrungsnetzen in Costa Rica. Weil es sich bei der Bromelie um ein geschlossenes System handle, lasse sich die Wirkweise gut erklären, sagt die Forscherin. Das System werde erhalten von toten Blättern, die wiederum von Larven zersetzt werden. Manche der Larven fressen große Materialteile, andere kleine, dann gibt es die Räuber, die sich von den Larven ernähren. Nimmt man etwa die Larven heraus, die das Grobe aufarbeiten, würden auch jene nicht überleben, die sich um die kleinen Teile kümmern. Und letzten Endes funktioniert das Nahrungsnetz nicht mehr. Alle untersuchten Nahrungsnetze, so unterschiedlich sie auch waren, zeigten laut Petermann einen gemeinsamen Nenner: Je mehr Artenvielfalt, desto gesünder ist das Ökosystem.

Auch wenn vieles von Petermanns Forschungsfeld logisch scheint oder als überliefertes Wissen gilt - etwa dass vielfältigere Landwirtschaft für den Boden besser ist als Monokultur -, braucht es für wissenschaftliche Ergebnisse das kontrollierte Experiment. Die "Akteure" des Systems müssen einzeln betrachtet werden und das über einen längeren Zeitpunkt. Auf diesem Weg könne man theoretisch herausfinden, welche Rolle die im Grunde recht lästige Gelse im Ökosystem Garten spiele: "Man muss die verschiedenen Orte und die unterschiedlichen Kontexte untersuchen. Da könnte sich sehr wohl herausstellen, dass die Gelse für die Brut einer bestimmten Vogelart eine wichtige Rolle spielt", sagt Petermann.

Über die Gefährdung der Artenvielfalt wird auch ohne wissenschaftliche Einzelbeweise immer wieder diskutiert. Beim Bienensterben ist mittlerweile anerkannt und bewiesen, dass es sich negativ auf die Ökosysteme auswirkt. Doch auch bei Petermanns Forschungsergebnissen müssten die Alarmglocken läuten. Einzelne Ökosysteme seien in ihrer Anfälligkeit bereits jetzt stark gefährdet, etwa Monokulturflächen in der Landwirtschaft, die krankheitsanfällig und stark wetterabhängig seien. Dem könne zwar mit Düngung und der Zugabe von Pestiziden begegnet werden, "doch letztlich handelt es sich um ein wenig stabiles System. Mehr Diversifizierung würde ein besseres Pflanzenwachstum bedeuten, das zum Beispiel Regenfälle besser aushalten könnte. Das sollte unser Ziel sein", betont Petermann. Im Jena Experiment hat sich jedenfalls gezeigt, dass artenreiche Wiesen Oberflächenwasser besser aufnehmen konnten und somit widerstandsfähiger gegen Dürren waren.

Für die Wissenschafterin beginnt ein ausgeglichenes Ökosystem schon in jedem Haus mit Garten. Artenvielfalt sei dort immer seltener zu finden, zu sehr aufgeräumt sei es in den heimischen Gärten. Statt ständig den Rasen zu mähen, empfiehlt sie beispielsweise, das Gras länger wachsen zu lassen, damit Blütenpflanzen wachsen können. Das würde verschiedene Wildbienenarten anlocken als zusätzliche Bestäuber für Nutz- und Gartenpflanzen. Welke Blüten sollten nicht entfernt werden, die Samen nährten weitere Tiere. So gesehen kann schon jeder einzelne Hobbygärtner zu einem gesunden Ökosystem beitragen.


Aufgerufen am 25.10.2020 um 04:06 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/fressen-und-gefressenwerden-89343103

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