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Gehirn kann Gut und Böse unterscheiden

Der US-Filmregisseur Quentin Tarantino half Forschern herauszufinden, wie gut Menschen Situationen einschätzen können.

Gehirn kann Gut und Böse unterscheiden SN/APA/dpa-Zentralbild/Jens Kalaene
Quentin Tarantinos Filme halfen den Forschern bei ihren Experimenten.

Eine Person beleidigt uns, gleichzeitig lächelt sie uns an. Wie soll unser Gehirn das interpretieren? Als Affront oder als freundliche Geste? Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Universität Haifa in Israel konnten die neuronalen Mechanismen identifizieren, die uns eine Situation positiv oder negativ interpretieren lassen. Gelungen ist ihnen das mithilfe von emotional verwirrenden Szenen aus Filmklassikern wie Quentin Tarantinos "Reservoir Dogs".

Der Film des US-Kultregisseurs aus dem Jahr 1992 erzählt die Geschichte eines missglückten Raubüberfalls, bei dem es im Kern um Vertrauen und Verrat geht. Aber kann man das erkennen? Die Max-Planck-Forscher sagen: Ja, man kann. Jedenfalls sei das menschliche Gehirn an zwei unterschiedlichen Stellen entsprechend dafür angelegt. "Wir haben zwei Areale im Gehirn identifizieren können, die als eine Art Fernbedienung wirken. Sie bestimmen, wie wir eine Situation einschätzen und welches der beiden Netzwerke an- oder ausgeschaltet wird", erklärt Studienleiterin Christiane Rohr vom Leipziger Max-Planck-Institut.

Demnach ist das eine Netzwerk aktiv, wenn wir eine Szene als erfreulich empfinden, das andere im umgekehrten Fall. Den Wechsel zwischen beiden Empfindungen übernehmen wiederum zwei Bereiche innerhalb dieser Netzwerke. Der sogenannte Sulcus temporalis superior im Schläfenlappen, der für die Interpretation positiver Ereignisse zuständig ist, und der sogenannte Lobus parietalis inferior im Scheitellappen, der aktiv wird, wenn wir sie als negativ empfinden. Beide Regionen treten in Aktion, wenn wir mit einer emotional schwierig einzuschätzenden Situation konfrontiert sind. Die beiden Regionen scheinen miteinander zu kommunizieren, um so herauszufinden, welche von ihnen aktiviert oder inaktiviert wird. Sie legen so vermutlich fest, ob in einer unklaren Situation eher positive oder negative Elemente überwiegen, und beeinflussen darüber wiederum andere Hirnbereiche.

Zu diesen Ergebnissen gelangten die Neurowissenschafter mithilfe emotional verwirrender Filmszenen: Studienteilnehmer sahen verstörende Filmszenen aus "Reservoir Dogs", in dem eine Person eine andere foltert, während sie lacht, tanzt und fröhlich mit dem Opfer plaudert. Dabei wurden die Gehirnwellen der Probanden aufgezeichnet.

Danach gaben die Probanden Auskunft darüber, ob für sie darin Konflikte enthalten waren und wie sehr die positiven oder negativen Elemente überwogen. In der Regel gelingt es den meisten Menschen gut, diffizile Situationen entsprechend einzuordnen, also das Böse zu erkennen. Oder eben auch das Gute.

Manchen Menschen gelingt das nicht oder nicht so gut. Das kann zu Depressionen, Angstzuständen oder dazu führen, soziale Interaktionen zu vermeiden. Die Neurowissenschafter hoffen daher, dass ihre Erkenntnisse helfen, die neuronalen Abweichungen der Betroffenen zu identifizieren. "Letztlich wollen wir dazu beitragen, Therapien zu entwickeln, die ihnen helfen, schwierige Situationen adäquater einordnen zu können", sagt Forscherin Christiane Rohr.

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