Wissen

Hotel Mensch: Nützliche und schädliche Untermieter

Jeder Mensch hat Mitbewohner, ob er will oder nicht. In und auf uns können Milben, Amöben, Pilze und selbst Würmer leben. Bakterien sind immer da. Neue Studien zeigen, dass ihr Einfluss auf uns größer ist als vermutet.

Hotel Mensch: Nützliche und schädliche Untermieter SN/Fotoalia
Jeder Mensch muss mit dem ein oder anderen Parasit, einigen Bakterien und anderen Untermietern leben.

Eine Kugel Eis kann das Taxi sein. Auch ein zu kurz gegrilltes Stück Geflügelfleisch oder eine Speise mit rohen Eiern. Wenn Salmonellen in das Hotel Mensch einziehen, ist die Hölle los. Sie bringen alle Vorgänge im Darm aus dem Ruder, bohren sich in die Darmschleimhaut und sorgen für massive Entzündungen. Die dramatischen Folgen sind Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall und Fieber. Aber längst nicht alle Bakterien im Körper verhalten sich so brutal. Mit vielen Arten leben wir in einer friedlichen Gemeinschaft. Was wir bisher nicht wussten: Sie steuern unser Verhalten auf sehr subtile Weise mit.

Ein Beispiel: Ein überraschendes Jobangebot flattert ins Haus. Die Aufgabe ist reizvoll, das Unternehmen hat einen exzellenten Ruf, das Geld stimmt. Eigentlich wäre alles perfekt. Einziger Haken an der Sache: Der neue Arbeitsplatz ist weit weg. Die Familie, die Freunde - das Leben spielt sich aber hier ab. Das Abwägen beginnt, jeder Aspekt wird hin und her gewälzt. Da fragt plötzlich eine Bekannte ganz banal: Was sagt denn der Bauch dazu?

Der hat tatsächlich einiges mitzureden, aus dem Alltag kennen wir das. Wer Sorgen hat, bekommt Bauchweh, schlechte Nachrichten wollen verdaut werden, Stress und Kummer schlagen auf den Magen, Aufregung auch. Psychosomatische Vorgänge sind lang schon bekannt. Was aber, wenn es auch umgekehrt geht? Wenn der Bauch unsere Psyche beeinflusst? Wenn er es ist, der sagt: Finger weg vom neuen Job!

"Gehirn und Magen-Darm-Trakt sind eng miteinander verknüpft. Und zwar in beide Richtungen", erklärt Peter Holzer, Professor für Neurogastroenterologie und Leiter am Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Graz.

Er untersuchte die Verbindungswege genauer, nahm jene Nervenbahnen und Hormone ins Visier, die zwischen Gehirn und Darm aktiv sind. Dabei stießen seine internationalen Kollegen und er auf spannende Verknüpfungen. Winzigste Mitbewohner, die Bakterien unserer Darmflora, könnten unser Verhalten, Entscheidungen und Gefühle stärker beeinflussen als gedacht. Bis hin zur Depression.

Bakterien steuern unsere Stimmung

Bei der Entscheidung für oder gegen den neuen Job wären es vermutlich die Milchsäurebakterien, die uns eher zu einem Ja oder zu einem Nein leiten würden. Erste Hinweise darauf lieferten Tests mit Mäusen. In einem Versuch gab es einerseits Mäuse, die normales Futter bekamen und auf der anderen Seite solche, denen regelmäßig zusätzliche Rationen an Milchsäurebakterien (auch Laktobazillen genannt) verabreicht wurden. Diese Bakterien siedelten sich daraufhin im Darm an. Nun wurde jede Maus allein in ein speziell vorbereitetes Labyrinth gesetzt. Die normal gefütterten Mäuse verhielten sich vorsichtig und verkrochen sich in schützende dunkle Ecken. Sie zeigten also gewöhnliches Mäuseverhalten. Bei jenen Mäusen aber, die zuvor Milchsäurebakterien erhalten hatten, war das anders. Sie erwiesen sich als neugieriger und untersuchten mutig die hell beleuchteten, ungeschützten Zonen. Die Forscher staunten und fanden heraus, dass es im Gehirn, wo erregende und hemmende Botenstoffe aktiv sind, zu neurochemischen Änderungen gekommen war. GABA, einer der hemmenden Botenstoffe, war davon betroffen.

Dieses Experiment stellt Wissenschafter wie Peter Holzer vor die Frage, ob auch bei uns Menschen mehr Milchsäurebakterien im Darm für Mut sorgen und uns bei schwierigen Entscheidungen schneller ein Ja entlocken könnten. Noch steckt die Forschung in den Kinderschuhen. Joghurt und andere Milchprodukte werben zwar längst mit dem Zusatz von Milchsäurebakterien, aber sie versprechen dabei keinen Mut, sondern allgemeines Wohlbefinden. Auch das ist laut Holzer nicht hinreichend nachgewiesen.

Das Kapitel der Milchsäurebakterien ist nur ein winziges Beispiel für das, was unsere Darmbakterien alles mitbestimmen könnten. Forscher vermuten einen Zusammenhang mit Depressionen. Hier wird die Sache wesentlich komplexer. Man weiß: Bakterien sind in der Lage, Botenstoffe an das Gehirn zu verschicken und wichtige Hormone wie das Glückshormon Serotonin zu beeinflussen. Weitere Hinweise auf den Zusammenhang von Darmbakterien und Stimmung reihen sich ein:

■ Einzelne Bakterienarten geben bei ihrem Zerfall einen Stoff namens LPS ab. Menschen mit Depressionen haben vermehrt Antikörper gegen LPS.

■ Die Produktion eines Darmhormons mit dem Namen Peptid YY wird von Bakterien mitgesteuert. Mäuse, denen man dieses Hormon genetisch entfernte, wurden depressiv. Wir brauchen Bakterien, die eine Produktion verstärkt ankurbeln.

■ Menschen, deren Darmflora durch Entzündungen gestört ist, zeigen häufiger psychisch auffällige Symptome.

Welche Arten von Bakterien in uns leben, ist auch von unserem Essen abhängig. "Wir wissen, dass unsere Ernährung in engem Zusammenhang mit psychiatrischen Störungen steht", sagt Peter Holzer. Kurzfristig steigere fettes oder süßes Essen zwar das Wohlbefinden, weil es unmittelbar auf das Belohnungssystem wirke, längerfristig sei aber das Gegenteil der Fall. Eine aktuelle Studie, die das Essverhalten von mehr als 3000 Jugendlichen in Australien über zwei Jahre untersuchte, untermauert das. Teenager, die viele stark verarbeitete Lebensmittel, Süßigkeiten oder Frittiertes aßen, litten häufiger an depressiven Verstimmungen als jene, die frisch gekochte Produkte, Obst und Gemüse zu sich nahmen. Ähnliche Studienergebnisse liegen auch von Erwachsenen vor.

"Wenn wir genau wissen, wie die richtige Zusammensetzung der Darmbakteriengruppen bei psychischer Gesundheit sein sollte, sind wir einen großen Schritt weiter", erläutert Holzer. Dann bekommen Menschen mit Depressionen in Zukunft statt Serotonin vielleicht einen speziellen Ernährungsplan verschrieben.

Rund 800 verschiedene Bakterienarten besiedeln den Darm. Über die meisten ist kaum etwas bekannt, früher befasste man sich mehr mit jenen Bakterien, die Krankheiten auslösen als mit jenen, die tagtäglich Schwerstarbeit für uns leisten. Dabei ist das eine ganze Armee! Rund 100 Billionen Bakterien leben auf, in und mit uns, obwohl der menschliche Körper selbst nur aus etwa zehn Billionen Zellen besteht. Die Bakterien sind kleiner, erreichen in Summe aber eine messbare Größe. Im Darm beträgt ihr Gewicht fast zwei Kilogramm.

Die grundlegende Zusammensetzung der körpereigenen Bakterienpopulation erfolgt in der Kindheit. Mit der Muttermilch gelangen die Bakterien in den Körper. Dort treffen sie auf unbesiedelte Schleimhaut und vermehren sich prächtig. Im Laufe der ersten Lebensjahre gesellt sich Art um Art dazu, bis jeder Mensch seine individuelle Mischung hat. Spannend: Innerhalb von Familienverbänden gibt es größere Übereinstimmungen. Das hat Mediziner dazu bewogen, bei Patienten mit gestörter Darmflora Darmbakterien von Verwandten zu transplantieren. "Mit großem Erfolg", sagt Holzer, "der Zustand der Patienten besserte sich rasant."

Nicht nur auf unsere Stimmung nehmen die kleinen Darmbewohner Einfluss, sondern auch auf unser Gewicht. Wieder brachte ein Mäuseversuch den entscheidenden Hinweis. Darmbakterien einer fettleibigen Maus wurden einer keimfrei gehaltenen, schlanken Maus übertragen. Ergebnis: Die dünne Maus nahm bei gleichbleibender Fütterung stark zu und wurde schließlich übergewichtig. Die neuen Bakterien machten sie zu einem besseren Futterverwerter. Beim Menschen dürfte es ähnlich sein. Dicke haben mehr Bakterien, die bei der Verdauung mithelfen und ziehen deshalb mehr Energie als Dünne aus der Nahrung. Dass sich die Darmflora beider Gruppen wesentlich unterscheidet, ist nachgewiesen. Aber es handelt sich nicht um eine statische Sache. Nach Gewichtsverlust haben auch Dicke wieder die für Dünne typischen Bakterien.

Aufgerufen am 27.04.2018 um 01:05 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/hotel-mensch-nuetzliche-und-schaedliche-untermieter-5973043

Forscher entdeckten neue Bakterien in Muttermilch

Spanische Forscher haben neue Erkenntnisse über die Muttermilch gewonnen. Muttermilch kann demnach über 700 verschiedene Bakterien enthalten und damit deutlich mehr als bisher angenommen. Das ist das …

Meistgelesen

    Schlagzeilen