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Im Tal der Tränen

Emotionen, Trauer, Trost. Warum Tränen nicht einmal den lieben Gott kalt lassen. Warum die Tränen an der Klagemauer in Jerusalem Tränen der Freude sind. Und überhaupt: Warum weinen wir?

Prinzipiell werden drei Arten von Tränen unterschieden: basale Tränen, die einfach das Auge befeuchten. Reflektorische Tränen, die die meisten vom Zwiebelschneiden kennen, und emotionale Tränen, die höhere Gehirnstrukturen voraussetzen und daher bislang als ausschließlich menschliche Ausdrucksform gelten. Erst im Alter von etwa vier Wochen ist ein Kind in der Lage, zu weinen und mit Tränen nach Unterstützung der Mutter zu verlangen.

Tatsächlich spannend wird es demnach beim Thema emotionale Tränen, bei den Tränen des Schmerzes und der Trauer, und bei den Freudentränen. Wie die Evolution darauf gekommen ist, ist bis heute nicht geklärt. Aus der Sicht von Charles Darwin waren Tränen nur dazu da, die Augen zu reinigen und zu befeuchten. Emotionale Tränen seien evolutionär betrachtet sinnlos. Trotz dieses scharfen Verdikts des Begründers der Evolutionstheorie gilt bis heute als eine der gängigen Annahmen, dass Kleinkinder einen Vorteil hatten, wenn sie ihre Mutter mit Tränen dazu bewegen konnten, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Die Tränen sollen sogar die Milchproduktion bei der Mutter anregen.

Dieses Motiv, dass Tränen Aufmerksamkeit erregen und jemand anderen zum Helfen anregen können, scheint jedenfalls ein urmenschliches zu sein. Es reicht bis in den religiös-spirituellen Bereich hinein. Shmuel Barzilai, Oberkantor der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und Rabbiner, illustriert das an den Tränen an der Klagemauer in Jerusalem - jenem letzten Rest des jüdischen Tempels, den die römischen Besatzer im Jahr 70 n. Chr. zerstört haben. "Die Tränen an dieser Klagemauer sind keine Klage, sondern Tränen der Freude darüber, dass ich hier Gott so nahe bin wie sonst nirgendwo auf der Welt. In der Klagemauer lebt die Hoffnung, dass nicht alles vom Tempel zerstört ist und dass die Zeit kommen wird, in der der Tempel wieder neu aufgebaut wird."

An der Klagemauer sei Gott für das Gebet des Menschen besonders offen, sagt Shmuel Barzilai. "Hier kann ich meine innersten Wünsche zum Ausdruck bringen, und hier haben sie die größte Chance, Gehör zu finden." Je inniger der Mensch bete, desto besser. Dafür seien auch Tränen ein besonderer Ausdruck. "Wenn ich weine, dann bin ich mit meiner ganzen Emotionalität, als ganzer Mensch bei meinem Gebet. Gott sieht an meinen Tränen, wie innig ich mich mit meiner Hoffnung und mit meiner Bitte an ihn wende. Gott erkennt an den Tränen, dass ich mein Gebet ehrlich meine, dass ich mit Leib und Seele dabei bin."

Ein Gedanke, der wieder zurückführt zur evolutionären Entwicklung der emotionalen Tränen. Neben dem Ziel, durch Tränen leichter zur Bedürfnisbefriedigung zu kommen, nehmen in der wissenschaftlichen Literatur über Sinn und Nutzen des Weinens die erholenden und heilenden Effekte von Tränen einen prominenten Platz ein. So meint die Katharsistheorie, die bereits auf Aristoteles und Hippokrates zurückgeht und von der Psychoanalyse übernommen wurde, dass Tränen zur psychischen Reinigung beitragen würden. Diese Theorie steht allerdings, wie andere zum Weinen auch, bis heute auf tönernen Füßen.

Handfestes kann die Medizinerin Elisabeth Messmer vorweisen, deren Forschungsschwerpunkt am Klinikum der Universität München bei Menschen mit trockenen Augen liegt. Die Erfahrung dieser Patientinnen und Patienten wirft ein dramatisches Licht auf die Bedeutung von Tränen. "Die Betroffenen sagen, das Schlimmste sei für sie, dass sie nicht weinen könnten. Sie leiden zum Beispiel darunter, dass sie am Grab eines Freundes stehen und ihre Trauer nicht durch Tränen zum Ausdruck bringen können", berichtet Messmer. Das scheint deshalb besonders schmerzlich, weil Trauer um einen geliebten Menschen der häufigste Grund für Tränen ist.

Völlig unabhängig von Augenerkrankungen ist die Fähigkeit zu Weinen unterschiedlich verteilt. Die einen Menschen sind "nahe am Wasser", andere nicht. Die Nichtweiner sind die wesentlich kleinere Gruppe, in der Mehrheit Männer. Nur knapp 43 Prozent der Männer gaben bei einer Umfrage in Deutschland an, innerhalb des vergangenen Jahres geweint zu haben, bei den Frauen waren es 83 Prozent. Da hatten es die Helden der alten Griechen noch leichter. Als Odysseus endlich zu seiner Frau Penelope zurückkehrte, schwoll ihm sein Herz von inniger Wehmut, schreibt Homer: "Weinend hielt er sein treues, geliebtes Weib in den Armen". Im Gegensatz zu solch starken Emotionen empfinden Nichtweinern häufig ein Gefühl von Leere. "Für sie ist Weinen entweder ohne Bedeutung oder wurde durch kulturelle Konditionierung oder Selbstdisziplin abtrainiert", sagt Messmer. Nichtweiner würden häufig an "emotionaler Verstopfung" wie Schlafstörungen oder Verdauungsproblemen leiden.

Auch soziale Schicht, ökonomische Bedingungen und Beruf spielen bei der Häufigkeit des Weinens eine Rolle. "Je besser die Ausbildung der Menschen, je flexibler ihre Geschlechterrolle definiert ist und je mehr sie mit anderen Menschen im Beruf zu tun haben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in verschiedensten Situationen weinen", so Messmer. Demnach würden Therapeutinnen und Therapeuten oder Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger häufiger weinen als Ingenieurinnen und Ingenieure, Soldatinnen und Soldaten oder Börsenmakler und Lastwagenfahrer.

Eine gesellschaftliche Institution, die von der Emotion lebt, ist das Theater. Die Schauspielerin, Regisseurin und Bühnenautorin Laura de Weck sieht in der Kunst im Allgemeinen und in Theater, Oper, Performance im Besonderen "etwas Tröstendes, das im emotionalen Haushalt einer ganzen Gesellschaft eine enorme Rolle spielt. Kulturinstitutionen sind einer der wenigen Orte, wo der Mensch noch Mensch sein darf und sich mit seinen Unzulänglichkeiten auseinandersetzen kann. Hier wird öffentlich über das debattiert, was sonst in der Gesellschaft ausgespart wird: Schmerz und Tod, Scheitern, Hässlichkeit oder Liebeskummer".

Als Theater- und Drehbuchautorin ist de Weck ständig auf der Suche nach dem Konflikt, nach kleinen und großen Tragödien. "Die Tragödie erzählt von unseren Schwächen. Vor der Tragödie sind wir alle gleich, und genau darin liegt ihr Trost." In dem Wunsch, geliebt zu werden, "können wir uns gemeinsam finden". Theater könne daher Menschen zusammenführen, unabhängig von ihren politischen oder weltanschaulichen Präferenzen.

Laura de Weck selbst weint, "wenn ich erschöpft bin". Und sie weint über den Tod, "den ich als große Ungerechtigkeit empfinde". Aus Kindermund habe sie einmal die Frage gehört: Warum ist der Mensch dazu auf der Welt, dass er sterben muss?!

"Lacrimae - Emotionen, Trauer, Trost" ist das Thema der Disputationes vom 20. bis 23. Juli 2019 im Rahmen der Ouverture spirituelle der Salzburger Festspiele. Die Veranstaltung beginnt am Samstag, 20. Juli, um 17 Uhr mit der Ausstellungseröffnung "Lacrimae" von Michel Pochet im Bischofshaus, Kapitelplatz 2. Von Sonntag, 21., bis Dienstag, 23. Juli geht es ab 14 Uhr im Schüttkasten, Herbert-von-Karajan-Platz 11, um Emotionen, Trauer und Trost. Info: www.disputationes.at - Anmeldung unbedingt erforderlich: Tel. 0662 8045-284, E-Mail : schmidthahn@disputationes.at



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